Montag, 23. November 2009

Sport



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08.11.2009
 

Lahm gegen die Bayern

Zehntausende Euro Strafe für eine zackige Analyse

Nicht genug, dass die Bayern in der Krise stecken: Jetzt kracht es noch zwischen der Vereinsführung und Verteidiger Philipp Lahm. Wegen einer scharfen Fehleranalyse in einem Interview soll er eine Rekordstrafe zahlen. Wie viel Kritik vertragen Hoeneß und Co. - und was trieb den Spieler zu der Attacke?


Hamburg - In zwei Wochen kommt die jüngere Vergangenheit nach München. Sie heißt Jupp Heynckes. In der vergangenen Saison saß er die letzten fünf Spiele als Trainer auf der Bayern-Bank. Blieb ungeschlagen. Rettete mit der direkten Champions-League-Qualifikation die von Diskussionen um Jürgen Klinsmann und seine Methoden dominierte Spielzeit. Dann wurde er wieder verabschiedet.

Seit Beginn der laufenden Saison stellt Heynckes nun das Team von Bayer Leverkusen auf und ein - und das ähnlich erfolgreich. Als einzige Bundesliga-Mannschaft ist es ungeschlagen. Kein Gast, den man in einer Krise gerne empfängt. Doch der Spielplan lässt Bayern München keine Wahl. Am Sonntag, 22. November, ist Anpfiff.

Mit dabei ist dann sicherlich Philipp Lahm. Trotz seiner Systemkritik in der "Süddeutschen Zeitung". Ein ganzseitiges Interview, das beim deutschen Rekordmeister anscheinend endgültig die Nerven blank gelegt hat. Eine Geldstrafe, wie es sie "beim FC Bayern München bisher nicht gegeben hat", hat der Vorstandvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge dem Verteidiger angekündigt. Nach Schätzungen der Nachrichtenagentur dpa müsste sie damit über 50.000 Euro liegen. Auch Luca Toni wurde nach seinem verfrühten Abgang aus der Münchner Arena mit einer "empfindlichen Geldstrafe" belegt. Begründung: eine "unakzeptable Disziplinlosigkeit".

Der Italiener hat sich mittlerweile vor der Mannschaft für sein Verhalten entschuldigt. Auf Gleiches von Lahm warten die Verantwortlichen hingegen noch. "Vielleicht geht er ja noch in sich", sagte Rummenigge beim TV-Sender Sky.

Muss man als Mannschaftssportler das eigene Team öffentlich angreifen?

Die Schärfe der Pressemitteilung, mit der die Bayern-Verantwortlichen auf die Vorkommnisse des Wochenendes reagiert haben, macht deutlich, dass vor allem Lahm sie getroffen hat. Eine Fundamentalkritik, die ihr Wirken der zurückliegenden Jahre in Frage stellt. Das kann man sich nicht bieten lassen.

DIE WÜTENDE ERKLÄRUNG DES FC BAYERN IM WORTLAUT

Klicken Sie auf die Titel, um die Erklärung des FC Bayern zu beiden Spielern zu lesen

Strafe für Luca Toni

Strafe für Philipp Lahm

Bleibt die Frage, wieso Lahm gegen bestehende Regeln verstoßen hat, sogar gegen solche, die er vertraglich akzeptiert hat (siehe Kasten oben). Dass offene Worte und auch konstruktive Kritik oft Positives bewirken können, steht außer Frage. Aber muss man als Mannschaftssportler das eigene Team öffentlich angreifen? Wieso riskiert man seinen Status im Teamgefüge? Lahm ist Stammspieler, um Profilierung kann es ihm kaum gehen.

Hoeneß vermutet Lahms Berater als Anstachler: "Ich sehe da die Handschrift von Roman Grill. Der meint sowieso, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hat." Lahm hat in München noch einen Vertrag bis 2012 und vor der vergangenen Saison ein Angebot des FC Barcelona abgelehnt. Nun ist durch die sportliche Krise der angestrebte Champions-League-Sieg in weiter Ferne. Ein Schelm, wer da Böses denkt - von seiner Seite gab es zu dem Interview (siehe Wortlautauszüge), dem Motiv und den Folgen keine weitere Stellungnahme.

PHILIPP LAHM ÜBER...

Klicken Sie auf die Stichworte, um die Aussagen des Bayern-Verteidigers in seinem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen

das drohende Champions-League-Aus

die Transferpolitik generell

die Millionen-Transfers Gomez und Robben

die Stellen, an denen es besonders hakt

van Gaals Anteil an der Krise

"Er ist über das Ziel hinausgeschossen. Sie können sich sicher sein, dass er das Interview noch bedauern wird", hatte Hoeneß schon verärgert nach dem 1:1-Remis gegen Schalke gesagt. "Er hat eindeutig gegen die Regeln verstoßen." Mit seiner Wortwahl hatte Lahm den Funktionär zwar nicht direkt angegriffen, letztlich aber doch das Gesamtkonzept der Bayern-Führung in Frage gestellt.

Dass Hoeneß getroffen ist, zeigt auch seine sportliche Kritik an Lahm, die er sonst selten so deutlich äußert (siehe Zitate-Kasten unten): "Die Meinung, dass er ein guter rechter Verteidiger ist, hat Philipp Lahm ziemlich exklusiv." Der Verteidiger will in der Abwehr rechts spielen, obwohl ihn viele links für besser halten.

ULI HOENESS ÜBER…

Klicken Sie auf die Stichworte, um die Aussagen des Bayern-Managers zum Interview von Philipp Lahm zu lesen.

das Interview von Philipp Lahm

seine Vermutungen über Lahms Motiv

mögliche Folgen des Interviews

Luca Toni, der das Stadion vorzeitig verlassen hat

die Stellung von Louis van Gaal

Hoeneß dürfte der ganze Krach doppelt sauer aufgestoßen sein, denn für seinen Abschied vom Managerposten des Vereins hätte er sich sicher glamourösere Begleitumstände gewünscht. Eigentlich war die Hauptversammlung des FCB am 27. November als feierlicher Stabwechsel von Franz Beckenbauer zu Hoeneß im Präsidentenamt des Rekordmeisters geplant - nun dürfte die Agenda um einige Programmpunkte erweitert werden. Immerhin umging Lahms brisantes Interview alle Autorisierungsinstanzen des Clubs und landete ohne Wissen der Bayern-Verantwortlichen in der Zeitung.

Unterstützung bekommt Lahm dagegen von einem ehemaligen Kollegen. Oliver Kahn galt während seiner Profilaufbahn kaum als Leisetreter - und zeigt Verständnis für die klaren Worte des Verteidigers: "Es ist wichtig, dass es Spieler gibt, die Verantwortung übernehmen. Das gehört auch zum Entwicklungsprozess eines Spielers, dass er mal aneckt", sagte Kahn dem DSF am Rande des Deutschen Sportpresseballs.

Auch der zweite Störenfried des Nachmittags, Stadionflüchtling Luca Toni, erfuhr moralischen Beistand. "Es ist immer schwer, wenn man als Spieler in der Halbzeit ausgewechselt wird. Es gibt immer Situationen im Leben, die man nicht ändern kann", sagte Schalke Angreifer Kevin Kuranyi am Samstag in München. Kuranyi selbst war vor etwa einem Jahr in der Halbzeitpause des Länderspiels Deutschland gegen Russland (2:1) in Dortmund vorzeitig und frustriert aus der Arena geflohen. Am Tag danach warf Bundestrainer Joachim Löw den Angreifer für die Dauer seiner Amtszeit aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Eine Begnadigung lehnte Löw mehrfach ab.

In dem Getöse nach dem Spiel ging im Übrigen ein weiteres Indiz für die Dünnhäutigkeit des Bayern-Personals beinahe unter. Nach 56 Minuten hatte Offensivmann Arjen Robben seinen Gegenspieler Lukas Schmitz mit einem rüden Rempler zu Boden geschickt - und dafür nur die Gelbe Karte gesehen.

Zwar hatte Schmitz den Niederländer zuvor, ebenfalls wenig zimperlich, von den Beinen geholt, Robbens Reaktion sprach jedoch Bände. "Das war dumm", sagte der Angreifer dann auch kleinlaut in der "Bild am Sonntag".

fsc/jok/sid

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