Krisen-Analyst Lahm
Kleiner Mann ganz laut
Von Christoph Biermann
ddp
Bayern-Verteidiger Lahm: Sachliche Kritik statt trostloser Selbstbezogenheit
Fundamentalkritik wie die von Philipp Lahm an den Konzepten des eigenen Vereins ist selten geworden. Die Profis haben Angst vor harten Sanktionen. Die deftige Reaktion der Bayern-Führung zeigt: öffentliche, konstruktive Diskussionen sind unerwünscht.
Es ist schon einige Jahre her, als der Begriff des "mündigen Profis" im Fußball in Mode kam. Genau lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wer ihn eigentlich aufbrachte, die Idee dahinter war aber klar: Berufsfußballer sollten sich eigenverantwortlich mit ihrem Beruf beschäftigen und nicht hinter soldatischen Befehlsstrukturen verstecken. Sie sollten auf dem Platz selbstständig agieren und jenseits davon klare Positionen beziehen, notfalls auch mal konträre.
Die Idee klingt gut, nur mit der Praxis hapert es seither. Oft entpuppen sich meinungsstarke Profis als beleidigte Leberwürste, die öffentlich nicht mehr einzuklagen haben, als dass sie zu früh aus- oder zu spät eingewechselt wurden. Übt aber mal ein Spieler Kritik über die eigene Befindlichkeit hinaus, wie etwa
Michael Ballack vor einigen Monaten zur Situation bei der deutschen Nationalmannschaft, wird das gleich wie eine Staatskrise behandelt, Brennpunktsendungen im Fernsehen inklusive.
Das alles hat damit zu tun, dass es im Fußball keine Diskussionskultur gibt, die diesen Namen verdient. Es wird zwar wahnsinnig viel schwadroniert, aber ein Austausch ernsthafter Argumente findet nur selten statt. Unbequeme Wahrheiten zu benennen löst sogar zumeist fast panikartige Reaktionen aus, wie man an diesem Wochenende
in München erleben konnte. Dort wurden Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zu Racheengeln mit dem Flammenschwert, weil Philipp Lahm in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" Kritik an der Vereinsführung
geübt hatte.
Diese fiel ihnen auch deshalb so tonnenschwer auf die Füße, weil Lahm der Vorzeigeprofi des Vereins ist. Er ist in München geboren und spielt seit seinem elften Lebensjahr bei dem Club, den er liebt. Er ist sogar bei den Bayern geblieben, um mit seinem Verein an die europäische Spitze zurückzukehren, als der FC Barcelona ihm ein attraktives Angebot unterbreitete. Nun ist er enttäuscht darüber, dass das Ziel nach dem Fehlversuch mit Klinsmann im Vorjahr erneut in Gefahr ist. Aber Lahm hat nicht etwa einen verbalen Amoklauf gestartet, sondern eine bis ins Detail zutreffende Analyse abgeliefert.
Ja, den Bayern hat in den letzten Jahren ein konsistentes sportliches Konzept gefehlt, nach dem man Spieler rekrutiert. Ja, man hat einfach gute Spieler eingesammelt, um dann zu schauen, was man mit ihnen macht. Ja, es fehlt der Mannschaft trotzdem seit langem an Kreativität im Mittelfeld. Ja, es gibt Spieler, die nicht ins System mit drei Angreifern passen, wie es Trainer Louis van Gaal anstrebt.
Lob für den Trainer, Kritik an der Chefetage
Anders als in der Begründung der Geldstrafe durch den Verein, dass Lahm seine Mitspieler oder seinen Trainer kritisiert habe, hat er das genau aber nicht getan. Er hat die Arbeit von van Gaal ausdrücklich gelobt und erklärt, warum Spieler wie Mario Gomez oder Anatoli Timoschtschuk derzeit Probleme haben. Als stellvertretender Mannschaftskapitän hat er sich vor sein Team und seinen Coach gestellt. Gezielt hat Lahm mutig auf die Chefetage. Die kritisiert, dass Lahm mit seiner öffentlichen Kritik ein Tabu gebrochen habe und wirft ihm vor, das Interview vorbei am Verein gegeben und autorisiert zu haben. Dies sei ihm laut Vertrag untersagt.
Neben der inhaltlichen Seite ist auch der Ton von Lahms Ausführungen wichtig. Er ist an keiner Stelle des umfangreichen Interviews persönlich geworden oder hat sich zynisch und herablassend gezeigt. Auch dieser Umstand trägt zu dem Eindruck bei, dass es ihm um eine sachliche Auseinandersetzung gegangen ist und hier kein Egotrip ausgelebt wurde oder verletzte Eitelkeit eine Rolle gespielt hat, die den meisten - angeblich kritischen - Äußerungen von Fußballspielern zugrunde liegen.
Tonis Aktion als Ausdruck der Selbstbezogenheit
Lahm hat gegen vertragliche Regelungen verstoßen, als er an der Pressestelle des Clubs vorbei ein Interview lanciert hat. Das wird ihm klar gewesen sein, er hat eine empfindliche Strafe einkalkuliert, und offensichtlich war es ihm die Sache wert. Spätestens die überwältigend positive Resonanz vieler Bayern-Fans dürfte ihn bestätigt haben und der Vereinsführung zeigen, dass von ihr mehr als wutschnaubende Bestrafungsaktionen erwartet wird. Vielleicht sollte sie sich mit der Kritik einfach mal inhaltlich auseinandersetzen.
Dass neben Lahm am Samstag auch noch
Luca Toni auffällig geworden ist, hat inhaltlich übrigens nichts miteinander zu tun. Es bedeutet sogar genau das Gegenteil, weil sich der italienische Stürmer wie ein beleidigtes Kind verhalten hat, als er nach seiner Auswechselung schon zur Halbzeit das Stadion verlassen hat. Das ist Ausdruck der trostlosen Selbstbezogenheit vieler Fußballprofis, die nur um sich kreisen. Es ist destruktiv, wo sich Philipp Lahm konstruktiv und wie ein Erwachsener verhalten hat. Die angebliche Rekordstrafe, die der FC Bayern Lahm nun aufbrummen will, ist für ihn überdies gut angelegtes Geld. Seit Samstag wissen wir, dass es sich bei dem kleinen Mann um eine Persönlichkeit handelt, dem ungeachtet persönlicher Konsequenzen das Wohl seines Vereins am Herzen liegt.
PHILIPP LAHM ÜBER...
Klicken Sie auf die Stichworte, um die Aussagen des Bayern-Verteidigers in seinem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen
"Wenn man unsere Mannschaft mit anderen Top-Teams aus der Champions League vergleicht, dann sind diese eben auf sieben, acht Positionen strategisch erstklassig besetzt - und das fehlt uns. Wenn man sich mit Barcelona, mit Chelsea, mit Manchester United messen will - dann braucht man als FC Bayern eine Spielphilosophie. Das muss auch das Ziel des Vereins sein."
"In der Vergangenheit lief das mit den Transfers nicht immer glücklich. (...) Vereine wie Manchester oder Barcelona geben ein System vor - und dann kauft man Personal für dieses System.
Man holt gezielt Spieler - und dann steht die Mannschaft. (...) So etwas gibt es bei uns nicht: Dass der Verein etwas vorgibt und alles darauf aufgebaut wird."
"Der Verein muss sagen, wenn ein Trainer kommt: So spielen wir. (...) Wir haben jetzt viele Spieler, für die es in einem 4-3-3, das unser Trainer gerne spielen möchte, gar keine Position mehr gibt. Zum Beispiel unsere Stürmer. Wir haben wirklich gute Stürmer - aber beim 4-3-3 sitzen zwei, drei immer auf der Bank. Wenn ich einen Mario Gomez kaufe, muss ich sagen: Okay, dann spielen wir mit zwei Spitzen. Und wir haben ja auch in der gesamten Vorbereitung nur 4-4-2 gespielt. Und dann kommt plötzlich Robben, ein toller Spieler, der zu uns passt - und der am liebsten im 4-3-3 spielt. (...) Man darf die Spieler nicht einfach kaufen, weil sie gut sind."
"Wir brauchen im Mittelfeld Spieler, die man aus der Abwehr immer anspielen kann. (...) Ich glaube einfach, unser größtes Problem liegt im Mittelfeld. (...) Wen soll man denn anspielen? Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann? (...) Und dann holt man zum Beispiel Anatoli Timoschtschuk, eine Art zweite Nummer sechs - aber dann spielt man nach Robbens Transfer plötzlich wieder nur mit einer Nummer sechs!"
"Ich glaube schon, dass wir jetzt den Trainer haben, der den Bau einer Mannschaft hinbekommen kann. (...) Er ist sicher auch manchmal schwierig im Umgang für viele Spieler. Aber er ist bestimmt kein Unmensch, er verlangt keine Undinge von uns. Es braucht noch Zeit, aber ich bin der Überzeugung, dass er ein guter Trainer ist. (...) Viele haben noch so eine Mischung aus Respekt und Angst. (...) Aber ich denke, dass wir trotz der bisherigen Ergebnisse auf dem richtigen Weg sind mit diesem Trainer. Im Vergleich zum letzten Jahr habe ich Hoffnung, weil ich Struktur erkennen kann. Man sieht eine Handschrift. Trotzdem muss sich natürlich einiges ändern."
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DIE WÜTENDE ERKLÄRUNG DES FC BAYERN IM WORTLAUT
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"Luca Toni hat sich am Samstag mit dem vorzeitigen und unerlaubten Verlassen des Bundesliga-Spiels und der Allianz Arena eine unakzeptable Disziplinlosigkeit erlaubt. Der Vorstand belegt ihn deshalb mit einer empfindlichen Geldstrafe. Luca Toni hat sich unabhängig davon mittlerweile beim Club und bei seinen Mannschaftskollegen für sein Verhalten entschuldigt."
"Philipp Lahm hat als stellvertretender Mannschaftskapitän mit einem Interview, in dem er öffentlich den Club, den Trainer und seine Mitspieler angegriffen hat in eklatanter und unverzeihlicher Art und Weise gegen interne Regeln verstoßen:
1. Interviews müssen ausschließlich beim Club angefragt und organisiert und zum Autorisieren für den Spieler vorgelegt werden. Dies ist im Lizenzvertrag festgelegt und von jedem Spieler bestätigt.
2. Es ist ein absolutes Tabu, in der Öffentlichkeit Kritik gegen den Club, den Trainer und Mitspieler zu äußern.
'Gegen beide klare Absprachen hat Philipp verstoßen', erklärt Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. 'Wir sind enttäuscht, weil er als stellvertretender Kapitän hier eigentlich eine besondere Verantwortung für die Mannschaft und den Club trägt. Philipp Lahm wird deshalb mit einer Geldstrafe belegt, wie es sie in dieser Höhe beim FC Bayern München noch nicht gegeben hat.'"
ULI HOENESS ÜBER…
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"Das Interview ist nicht in Ordnung, das wird uns Philipp Lahm erklären müssen. Das war nicht klug, vor so einem wichtigen Spiel, das hätte er besser nicht gegeben. Wir werden das in aller Ruhe besprechen - in meinem Büro. Sie können sich sicher sein, dass er das Interview noch bedauern wird. Er hat eindeutig gegen Regeln verstoßen. (...) Wir haben ja bisher auch nicht öffentlich darüber geredet, dass er ein besserer Linksverteidiger als ein Rechtsverteidiger ist. Die Meinung, dass er ein guter rechter Verteidiger ist, hat er sowieso ziemlich exklusiv."
"Ich sehe da die Handschrift von Roman Grill (Lahms Berater, d.Red). Der würde gerne bei uns arbeiten, nachdem man ihn in Hamburg nicht genommen hat. Der meint sowieso, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Auch für ihn wird es keine gute nächste Woche. Der will uns ja irgendwann auch wieder mal einen Spieler verkaufen."
"Bruno Labbadia hat auch mal vor einem wichtigen Spiel ein sehr unglückliches Interview gegeben. Und ich glaube, das hätte er besser nicht getan." (Labbadia hatte am Tag des letztjährigen Pokalendspiels ebenfalls ein streitbares Interview gegeben - nach der Niederlage gegen Bremen war für den heutigen HSV-Coach Schluss in Leverkusen)
"Auch darüber werden wir in der nächsten Woche sprechen. Das ist natürlich nicht in Ordnung, wir haben das registriert."
"Wir haben die Position von Louis van Gaal bisher nie in der Öffentlichkeit diskutiert, und wir werden das auch in Zukunft nicht tun. Wir sollten bis Weihnachten in aller Ruhe weiterarbeiten. In fünf, sechs Wochen ist dann der Zeitpunkt gekommen, Bilanz zu ziehen."