Es ist schon einige Jahre her, als der Begriff des "mündigen Profis" im Fußball in Mode kam. Genau lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wer ihn eigentlich aufbrachte, die Idee dahinter war aber klar: Berufsfußballer sollten sich eigenverantwortlich mit ihrem Beruf beschäftigen und nicht hinter soldatischen Befehlsstrukturen verstecken. Sie sollten auf dem Platz selbstständig agieren und jenseits davon klare Positionen beziehen, notfalls auch mal konträre.
Die Idee klingt gut, nur mit der Praxis hapert es seither. Oft entpuppen sich meinungsstarke Profis als beleidigte Leberwürste, die öffentlich nicht mehr einzuklagen haben, als dass sie zu früh aus- oder zu spät eingewechselt wurden. Übt aber mal ein Spieler Kritik über die eigene Befindlichkeit hinaus, wie etwa Michael Ballack vor einigen Monaten zur Situation bei der deutschen Nationalmannschaft, wird das gleich wie eine Staatskrise behandelt, Brennpunktsendungen im Fernsehen inklusive.
Das alles hat damit zu tun, dass es im Fußball keine Diskussionskultur gibt, die diesen Namen verdient. Es wird zwar wahnsinnig viel schwadroniert, aber ein Austausch ernsthafter Argumente findet nur selten statt. Unbequeme Wahrheiten zu benennen löst sogar zumeist fast panikartige Reaktionen aus, wie man an diesem Wochenende in München erleben konnte. Dort wurden Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zu Racheengeln mit dem Flammenschwert, weil Philipp Lahm in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" Kritik an der Vereinsführung geübt hatte.
Ja, den Bayern hat in den letzten Jahren ein konsistentes sportliches Konzept gefehlt, nach dem man Spieler rekrutiert. Ja, man hat einfach gute Spieler eingesammelt, um dann zu schauen, was man mit ihnen macht. Ja, es fehlt der Mannschaft trotzdem seit langem an Kreativität im Mittelfeld. Ja, es gibt Spieler, die nicht ins System mit drei Angreifern passen, wie es Trainer Louis van Gaal anstrebt.
Lob für den Trainer, Kritik an der Chefetage
Anders als in der Begründung der Geldstrafe durch den Verein, dass Lahm seine Mitspieler oder seinen Trainer kritisiert habe, hat er das genau aber nicht getan. Er hat die Arbeit von van Gaal ausdrücklich gelobt und erklärt, warum Spieler wie Mario Gomez oder Anatoli Timoschtschuk derzeit Probleme haben. Als stellvertretender Mannschaftskapitän hat er sich vor sein Team und seinen Coach gestellt. Gezielt hat Lahm mutig auf die Chefetage. Die kritisiert, dass Lahm mit seiner öffentlichen Kritik ein Tabu gebrochen habe und wirft ihm vor, das Interview vorbei am Verein gegeben und autorisiert zu haben. Dies sei ihm laut Vertrag untersagt.
Neben der inhaltlichen Seite ist auch der Ton von Lahms Ausführungen wichtig. Er ist an keiner Stelle des umfangreichen Interviews persönlich geworden oder hat sich zynisch und herablassend gezeigt. Auch dieser Umstand trägt zu dem Eindruck bei, dass es ihm um eine sachliche Auseinandersetzung gegangen ist und hier kein Egotrip ausgelebt wurde oder verletzte Eitelkeit eine Rolle gespielt hat, die den meisten - angeblich kritischen - Äußerungen von Fußballspielern zugrunde liegen.
Tonis Aktion als Ausdruck der Selbstbezogenheit
Lahm hat gegen vertragliche Regelungen verstoßen, als er an der Pressestelle des Clubs vorbei ein Interview lanciert hat. Das wird ihm klar gewesen sein, er hat eine empfindliche Strafe einkalkuliert, und offensichtlich war es ihm die Sache wert. Spätestens die überwältigend positive Resonanz vieler Bayern-Fans dürfte ihn bestätigt haben und der Vereinsführung zeigen, dass von ihr mehr als wutschnaubende Bestrafungsaktionen erwartet wird. Vielleicht sollte sie sich mit der Kritik einfach mal inhaltlich auseinandersetzen.
Dass neben Lahm am Samstag auch noch Luca Toni auffällig geworden ist, hat inhaltlich übrigens nichts miteinander zu tun. Es bedeutet sogar genau das Gegenteil, weil sich der italienische Stürmer wie ein beleidigtes Kind verhalten hat, als er nach seiner Auswechselung schon zur Halbzeit das Stadion verlassen hat. Das ist Ausdruck der trostlosen Selbstbezogenheit vieler Fußballprofis, die nur um sich kreisen. Es ist destruktiv, wo sich Philipp Lahm konstruktiv und wie ein Erwachsener verhalten hat. Die angebliche Rekordstrafe, die der FC Bayern Lahm nun aufbrummen will, ist für ihn überdies gut angelegtes Geld. Seit Samstag wissen wir, dass es sich bei dem kleinen Mann um eine Persönlichkeit handelt, dem ungeachtet persönlicher Konsequenzen das Wohl seines Vereins am Herzen liegt.
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