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11.11.2009
 

Nachruf eines 96-Fans

Warum ausgerechnet Robert?

Enkes Gedenkstätte an der AWD-Arena: So nah liegt das UnfassbareZur Großansicht
dpa

Enkes Gedenkstätte an der AWD-Arena: So nah liegt das Unfassbare

Robert Enkes Tod hat die 96-Fans in einen Schockzustand versetzt. "Warum ausgerechnet er", fragen sich die Anhänger. Einer von ihnen ist Simon Haumer, der nur wenige Kilometer von der Todesstelle aufwuchs. Für SPIEGEL ONLINE erinnert er sich an einen seiner Helden und nimmt Abschied.

Den Dienstagabend hatte ich mir anders vorgestellt. Eigentlich wollte ich einen ruhigen Abend auf der Couch verbringen und meine Erkältung auskurieren. Doch als ich ins Wohnzimmer kam, wäre ich fast vor Schreck umgefallen. "Hast Du schon gehört, dass Robert Enke tot ist", fragte mich meine Freundin. Ich konnte es nicht glauben - geschweige denn einen klaren Gedanken fassen. Als ich die lediglich vier Zeilen umfassende Nachricht im Internet las, war das erste, was ich dachte: Warum ausgerechnet Enke? Und: "Wie konnte das nur geschehen?"

Ich erinnerte mich an seine überstandene Darmentzündung. Vielleicht war bei den Nachuntersuchungen doch etwas übersehen worden oder die Belastung eines Bundesliga-Spiels zu früh gekommen. Schließlich hatte er seit seinem bakteriellen Infekt zweimal hintereinander für 90 Minuten wieder das Tor meiner 96er gehütet. An einen Unfall hatte ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gedacht - bis dann die ersten Meldungen über das Unglück an einem Bahnübergang über die Ticker liefen.

Womit könnte eine Familie so viele Schicksalsschläge verdient haben? Die Möglichkeit eines Selbstmordes kam mir nicht ansatzweise in den Sinn. Nicht bei einem Mann, der immer so besonnen wirkte - stets auf dem Boden geblieben war und bei dem nicht zuletzt durch den Verlust seiner Tochter die wirklich wichtigen Dinge des Lebens gegenüber dem Fußball stets klar im Vordergrund zu stehen schienen.

Einer wie kaum ein anderer

Ich habe Roberts Karriere zwar erst spät, dafür aber umso intensiver verfolgt. Schließlich hat man als Fan der 96er nur selten die Gelegenheit, einen seiner Helden im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu bestaunen. Sicherlich tauchte der Name auch vorher immer wieder in den Nachrichten auf, und man wusste von seinen fußballerischen Stationen, aber als er 2004 zu 96 wechselte, rückte er natürlich wesentlich stärker in mein Blickfeld.

Starke Leistungen war man von ihm von Anfang an gewohnt. Aber ansonsten fiel er mir persönlich viel mehr durch sein Auftreten auf. In einer Welt von Stars, Selbstüberschätzung und Egoismus war er stets bescheiden und zurückhaltend geblieben. Er war einer der wenigen Fußballer, denen man gerne nach Spielen oder in Sportsendungen zugehört hat. Gerade als Torhüter war er ein auffallend ruhiger Vertreter, der seine Mannschaft trotzdem im Griff hatte und wohl auch daher einen besonderen Stellenwert in der Mannschaft, im Verein und in der Stadt Hannover besaß. Respekt brauchte er sich nicht durch lautes Auftreten zu verschaffen - er wurde ihm dafür entgegengebracht, was ihn als Mensch ausmachte.

Natürlich auch als 96-Fan, aber vor allem aus Sympathie für ihn als Fußballer und Mensch, hatte ich gehofft, dass er nach seiner Erkrankung schnell ins Tor der Nationalelf zurückkehrt und einer der überragenden Spieler der Weltmeisterschaft 2010 wird.

Wie nah das Unfassbare liegen kann

Der Tod seiner Tochter vor drei Jahren hatte mich zutiefst berührt. "Warum ausgerechnet Robert Enke?", ist damals wohl vielen Mensch durch den Kopf gegangen - auch wenn man niemandem solch einen Schicksalsschlag wünscht. Gestern ging mir diese Zeit wieder durch den Kopf. Ich erinnerte mich daran, einmal gefragt worden zu sein, welches meine größte Angst sei. Meine Antwort damals lautete: "Dass eines meiner Kinder vor mir sterben könnte." Wie nah das Unfassbare plötzlich an mich kam, wurde mir dann klar, als ich den Namen des Unglücksortes hörte: Eilvese. Zehn Kilometer von Roberts Todesstelle bin ich aufgewachsen.

Die aufkommenden Spekulationen über einen Selbstmord hielt ich zunächst aufgrund der wenigen Information für völlig unglaubwürdig. Zu abwegig schien es mir, dass jemand, der bereits so vieles durchgemacht und durchgestanden hatte, solch einen Schritt für sich wählt. Als dann jedoch immer weitere Details bekannt wurden, stellte ich mir die Frage, was wohl schwerer zu verarbeiten wäre für eine Familie - ein Unfall oder dass ein geliebter Mensch keinen anderen Ausweg mehr sah? Eine Antwort darauf habe ich für mich noch nicht gefunden.

Ich hoffe von Herzen, dass seine Familie an diesem schweren Schlag nicht zerbricht - auch wenn man den Verlust seines Partners wohl nie überwinden kann. Es sind immer wieder solche Momente, die einem bewusst machen, was wirklich zählt im Leben. Fußball gehört dazu sicherlich nicht.

Mein Mitgefühl gilt seiner Familie.

Ich hoffe, Robert Enke hat seinen Frieden gefunden.

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Zur Person

Simon Haumer
Simon Haumer, geboren 1978 in Hannover, ist seinen 96ern trotz Umzuges 1989 nach Hamburg immer verbunden geblieben. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur hielt auch am vergangenen Sonntag trotz seiner Sympathie für die Stadt Hamburg beim Spiel des HSV in Hannover (2:2) zu den Roten.

Schockiert und fassungslos

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