Mittwoch, 10. Februar 2010

Sport



Robert Enke

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
12.11.2009
 

Depressionen im Profisport

"Keiner darf Schwächen zeigen"

Torhüter Enke: Ist jedes Unglück eine Chance?
Zur Großansicht
DPA

Torhüter Enke: Ist jedes Unglück eine Chance?

Der Profisport gleicht der Gesellschaft, aber im Umgang mit Minderheiten ist er wie eine archaische Gemeinschaft. Depressionen darf es nicht geben, Schwächen sind unerwünscht. Viele Profisportler flüchteten deshalb aus ihrem Beruf. Robert Enke schaffte den Absprung nicht.

Hamburg - Fußball ist ein Männersport, der Spieler darf keine Schwäche zeigen: "An diesem Klischee ist viel dran", sagt der Sportpsychologe Lothar Linz. "Der Leistungssport lässt generell wenig Raum für Schwächen. Und das ist beim Fußball noch mal verstärkt, da er vielfach im alten Denken verharrt." Nicht alle Sportler kommen mit dem Druck seitens des Vereins und den Erwartungen der Öffentlichkeit klar.

Nationaltorwart Robert Enke verschwieg jahrelang Versagensängste und Depressionen. Sebastian Deisler von Bayern München ging mit seiner Krankheit zwar an die Öffentlichkeit, beendete aber seine Karriere. Skispringer Sven Hannawald stieg nach einem Burn-out-Syndrom aus. Tobias Rau hatte im Alter von 27 Jahren genug.

Er sei zwar gerne Profifußballer gewesen, versicherte der frühere Nationalspieler. "Aber ein gewisser Druck ist schon von mir abgefallen. Allein dadurch, dass man künftig nicht mehr so in der Öffentlichkeit steht. Aber auch weil der Leistungsdruck weg ist. Denn der war nicht nur bei den Spielen da, sondern auch immer wieder im Training. Das Konkurrenzdenken, das Messen mit anderen Spielern gibt's für mich künftig nicht mehr und erleichtert mich gewissermaßen", sagte Rau dem "Westfalen-Blatt".

"Ausleseprozess in den Jugendmannschaften"

Druck vom Verein, von Fans und Medien: "Es gibt immer wieder Leistungssportler, die mit diesem Umfeld nicht zurechtkommen", sagt der Sportpsychologe Linz, der Spieler der Bundesliga-Mannschaft von Bayer Leverkusen betreut hat. "Keiner darf Schwäche zeigen - das ist wie in den Top-Etagen der Wirtschaft."

Viele labilere Fußballer schafften es gar nicht erst nach ganz oben. "Es gibt nicht viele psychisch auffällige Profifußballer. Das lässt auf einen Ausleseprozess in den Jugendmannschaften schließen", sagt der Psychologe: "Wer weich und schwach ist, steigt früher aus." Dennoch gebe es vermutlich noch einige Spieler in der Bundesliga, die an Depressionen litten.

Das Problem gebe es auch in den unteren Ligen, erklärt der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV, Ulf Baranowsky. Auch dort komme es vor, dass Sportler Drohanrufe erhielten oder ihre Autos zerkratzt würden. Nach einer Heimniederlage von Drittligist Dynamo Dresden hoben Unbekannte auf dem Trainingsplatz elf Gräber aus. Im Gegensatz zu den Bundesliga-Stars komme in den unteren Ligen oft noch ein finanzieller Druck für die Spieler dazu. "Viele fressen das in sich rein, aber glücklicherweise suchen immer mehr auch psychologische Hilfe", sagt Baranowsky.

"Wird oft nicht publikgemacht"

Es gebe im Fußball ganz klar einen Trend zur sportpsychologischen Betreuung, bestätigt Linz. "Das wird aber oft nicht publikgemacht, was tief blicken lässt." Einige Spieler suchten unabhängig vom Angebot ihres Vereins professionelle Hilfe. Laut VDV-Geschäftsführer Baranowsky arbeiten etwa Bayern München und der VfL Bochum mit Sportpsychologen zusammen, 1899 Hoffenheim beschäftige einen Jugendberater.

Wunder wirken könne aber auch ein Sportpsychologe nicht, unterstreicht Linz und verweist auf den " Extremfall Enke". Bei diesem habe es keine erkennbaren Zeichen seiner Erkrankung gegeben. Sogar Bundestrainer Joachim Löw sei vom Suizid des Torhüters völlig überrascht gewesen: "Er muss sich gut verstellt haben", sagt Linz. Baranowsky hofft, dass der Tod Enkes bei Spielern, Trainern, Fans und Medien zum Nachdenken über den Umgang miteinander führt. Auch Linz sagt: "Jedes Unglück ist eine Chance."

Uwe Gepp, AP

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




FORUM

Zum Tod von Robert Enke Diskutieren Sie mit anderen Lesern!

DEPRESSIONEN

Krankheit und Verbreitung

Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern Depressionen, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.

Ursachen und Formen

Symptome

Therapie

Was können Betroffene tun?



TERESA ENKE ÜBER IHREN VERSTORBENEN MANN ROBERT

Klicken Sie auf die Titel, um die Erklärungen von Teresa Enke im Wortlaut zu lesen

Akute Depressionsschübe

Trauer nach dem Tod der Tochter

Enkes Verhältnis zum Fußball

Angst vor dem Verlust des Adoptivkindes

Perspektiven abseits des Sports








Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern