Appell der Polizei
Fans sollen Enke-Beerdigung fernbleiben
ddp
Trauernde Enke-Fans: Abschied im Stadion
Es wird eine der größten Trauerfeiern in der Geschichte der Bundesrepublik: Mehr als 50.000 Gäste werden zum Gottesdienst für Nationaltorhüter Enke in Hannover erwartet. Die Beisetzung soll dann im Kreis der Familie erfolgen.
Hamburg - Mehr als 50.000 Menschen werden am Sonntag zum Trauergottesdienst im WM-Stadion in Hannover erwartet, die komplette Nationalmannschaft samt Trainerstab sowie Delegationen der Bundesliga-Vereine haben sich angesagt. Auch zahlreiche Kollegen und ehemalige Wegbegleiter werden ab 11 Uhr Abschied von Nationaltorhüter Robert Enke nehmen.
Enke beging am Dienstag Suizid.
Enke litt, wie seine
Frau Teresa auf einer Pressekonferenz erklärt hatte, viele Jahre an Depressionen und hatte dies aus Angst vor möglichen Konsequenzen verheimlicht.
Nach der Trauerfeier wird Enke im Raum Neustadt beerdigt. Dort liegt seit 2006 auch die Tochter der Enkes, die im Alter von zwei Jahren an einem angeborenen Herzfehler starb. Die Beisetzung soll auf Wunsch von Teresa Enke im engen Kreis von Angehörigen, Freunden und Weggefährten erfolgen", heißt es. "Bei aller verständlichen Trauer appellieren wir an die Fans, diesen Wunsch zu respektieren", erklärten Hannover-96-Präsident Martin Kind und Polizeipräsident Uwe Binias. Die Fans wurden aufgerufen, "nach dem Ende der Veranstaltung in der AWD-Arena nicht dem Trauerzug in den Raum Neustadt zu folgen".
Vertreter des FC Barcelona und von Benfica Lissabon
Während der Trauerfeier wird der Sarg Enkes auf dem Rasen im Mittelkreis der Arena aufgebahrt werden. Wie Hannover 96 mitteilte, liegen Anmeldungen von Vertretern des FC Barcelona und von Benfica Lissabon vor, für die der Torwart in seiner Karriere aktiv war. "Die Dimension der Anteilnahme ist überwältigend - nicht nur in Hannover, sondern in ganz Deutschland und sogar im Ausland", so Präsident Kind.
Da aus Sicherheitsgründen nur 45.000 der 49.000 Plätze im Stadion freigegeben werden, sollen der Gottesdienst und die Trauerreden zusätzlich auf zwei Großleinwänden vor der Arena übertragen werden. Dort erwarten die Organisatoren nochmals mehrere tausend Menschen. "Man sieht, wie vielen Menschen Robert Enke etwas bedeutet hat und was für eine tolle Persönlichkeit er war", sagte Kind.
Die Reden bei der Trauerfeier werden von Kind, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil und DFB-Präsident Theo Zwanziger gehalten. Die Andacht wird Pfarrer Heinrich Plochg halten, der der Familie Enke seit dem Tod ihrer kleinen Tochter Lara vor drei Jahren verbunden ist. Ein Streichquartett soll musikalisch für einen würdigen Rahmen sorgen.
In ihrer Dimension dürfte die Trauerfeier Ausmaße annehmen, wie sie in der deutschen Nachkriegsgeschichte nur bei wenigen Anlässen erreicht wurde. Nach den Amokläufen von Erfurt (2002) und Winnenden (2009) hatten jeweils mehrere zehntausend Menschen bei öffentlichen Veranstaltungen Anteil am Tod der Opfer genommen. Zur Prozession vor der Beisetzung des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer waren entlang des Rheins ebenfalls Tausende von Menschen erschienen.
Bereits am Mittwochabend waren rund 35.000 Menschen von der Stadtmitte zum Stadion gezogen. Am Freitag erinnerte Enkes Witwe Teresa mit einer
Todesanzeige an ihren verstorbenen Ehemann.
Die psychischen Probleme, mit denen Enke kämpfte, sind möglicherweise keine Seltenheit im deutschen Profifußball. "Ich weiß, dass schon namhafte Spitzenspieler mit unseren Seelsorgern gesprochen haben und dass denen auch geholfen werden konnte", sagte der Präsident der Profifußballer-Gewerkschaft (VDV), Florian Gothe, der "Süddeutschen Zeitung". Gothe will noch nicht mal von einer Dunkelziffer mental labiler Profis sprechen. "Man muss eher sagen: Schwarzziffer - so tabu wie dieses Thema bisher war. Ich gehe davon aus, dass die Quote im Fußball ähnlich ist, wie in anderen Gesellschaftsbereichen."
So hat Enkes Freitod beispielsweise beim brasilianische Stürmer Adriano Erinnerungen an seine Depressionen wachgerufen. "Ich habe das auch erlebt. Ich hatte außerdem Probleme mit Alkohol. Trinken war für mich eine Flucht, als ich nicht schlafen konnte. Es war ein Weg, um vor der Verantwortung zu fliehen", sagte Adriano, der 2004 nach dem Tod seines Vaters unter Depressionen gelitten hatte.
Der 27-Jährige spielt nach seinem Abgang von Inter Mailand derzeit beim brasilianischen Verein Flamengo Rio de Janeiro. Er hatte im vergangenen April seinen ursprünglich bis 2010 laufenden Vertrag bei Inter wegen persönlicher Probleme aufgelöst. Er wolle eine Auszeit vom Fußball, hatte der ehemalige Nationalstürmer damals gesagt.
Gothe sagte, zwar hätten Berufsfußballer weniger materielle Sorgen. Gerade am Karriereende gebe es aber einige, die massive Existenzängste hätten. Als Konsequenz aus dem Selbstmord von Nationaltorwart Enke müssten nun der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball Liga (DFL) und die VDV Anlaufstellen für die Profis bieten: "Wir müssen da klare Zeichen setzen: Spieler offenbart euch! Ihr braucht nichts zu verheimlichen. Ruft uns an, wir können euch helfen. Und wir behandeln es absolut vertraulich."
Die Hilfsangebote bei psychischen Erkrankungen dürfen nach Ansicht von Gothe aber "nicht nur am Verein" angekoppelt sein: "Dieses Problem muss die ganze Fußballbranche lösen. Die momentane Überraschung und Betroffenheit zeigt mir zwar: Die Vereine erkennen, dass Optimierungsbedarf besteht - und das ist grundsätzlich gut. Aber noch einmal: Ich glaube, dass sich viele Spieler mit einem echten Problem innerhalb ihres Vereins nicht öffnen werden - auch, wenn man ihnen dort Fachleute zur Verfügung stellt."
jar/sid/dpa
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DEPRESSIONEN
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern Depressionen, die behandelt werden müssen.
Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.
Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht. Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Spezialformen der Depression.
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit. Depressionen sind die Hauptursache für Selbstmorde in Deutschland.
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist sechs bis zwölf Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Mit Material von dpa
Um aus einer Depression herauszufinden, hilft es, seinen Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich bzw. sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum." Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu
bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative
Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.
Das Kompetenznetz Depression bietet auf seiner
Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der
Selbsttest des Kompetenznetzwerks helfen.
TERESA ENKE ÜBER IHREN VERSTORBENEN MANN ROBERT
Klicken Sie auf die Titel, um die Erklärungen von Teresa Enke im Wortlaut zu lesen
"Wenn er akut depressiv war, dann war das schon eine schwere Zeit. Das ist klar, weil ihm dann der Antrieb gefehlt hat und die Hoffnung auf baldige Besserung und weil natürlich auch die Schwere darin bestand, das Ganze nicht in die Öffentlichkeit hinauszutragen. Weil es sein ausdrücklicher Wunsch war - aus Angst, seinen Sport, unser Privatleben und alles zu verlieren. Was natürlich im Nachhinein Wahnsinn ist. Es kommt ja jetzt auch raus."
"Aber die Zeit während der Depressionen, die war nicht einfacher. Wir haben das durchgestanden, weil wir schon mal eine Zeit nach Istanbul und Barcelona durchgestanden haben. Und auch mit Doktor Marksers Hilfe einfach so viel Hoffnung daraus gezogen haben, was wir alles schaffen können. Auch nach Laras Tod. Das hat uns einfach so zusammengeschweißt, dass wir gedacht haben, wir schaffen alles und mit Liebe geht das. Aber, man schafft es doch nicht immer."
"Der Fußball war alles, es war sein Leben, sein Lebenselixier, es war alles. Es hat ihm Halt und Kraft gegeben, die Mannschaft. Als es ihm scheinbar ein bisschen besser ging, in dieser Phase war alles so schön, auch wieder ein Teil der Mannschaft gewesen zu sein. Und das war auch damals in Barcelona, wo er aussortiert wurde, wo er auch krank war. Da hat er dann auch gesagt, es ist so schön, bei der Mannschaft zu sein, mit den Jungs Spaß zu haben. Das Training war für ihn der Halt. Als er jeden Tag dahinfahren konnte, das war für ihn das Wichtigste in dieser Situation, das Training, die Mannschaft."
"Ich wollte ihm einfach helfen, das durchzustehen und hatte auch immer gesagt, dass wir auch andere Hilfe in Anspruch nehmen können, wie die Klinik. Aber er wollte es nicht. Aus Angst, dass es rauskommt. Und auch aus Angst, dass man Leila verliert. Wenn man depressiv krank war, was sich herausgestellt hat. Ich habe auch schon mit dem Jugendamt telefoniert, es hätte für alles eine Lösung gegeben. Ja, es ist natürlich die Angst. Was denken die Leute, wenn man ein Kind hat und der Papa ist depressiv? Aber ich habe ihm damals auch schon immer gesagt, das ist kein Problem. Die Leute, das sind alles Pädagogen, und die wissen, dass das zu behandeln ist und der Robert sich liebevoll um Leila gekümmert hat, bis zum Schluss."
"Ich habe versucht, für ihn da zu sein, ihm Perspektiven und Hoffnung zu geben. Dass der Fußball nicht alles ist und dass es so viele schöne Dinge im Leben gibt, auf die man sich freuen kann, dass wir uns haben, dass wir Leila haben, dass wir Lara hatten. Das Wichtige war die Perspektive, dass es nichts Auswegloses gibt, dass es für alles eine Lösung gibt, wenn man zusammenhält - und das haben wir gemacht. Ich war immer dabei. Ich bin mit zum Training gefahren die letzten Male und habe ihn immer begleitet."