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15.11.2009
 

Gedenkfeier für Robert Enke

Trauer in der Kirche der Fans

Aus Hannover berichtet Christian Gödecke

Verstorbener Enke: Vergleichbares hat es noch nie gegeben in DeutschlandZur Großansicht
AP

Verstorbener Enke: Vergleichbares hat es noch nie gegeben in Deutschland

Die Stimmung im Stadion als Spiegel der Nation: Das Publikum bei der Trauerfeier von Robert Enke schwankte zwischen andächtigem Applaus und Tränen der Trauer. Etwas Vergleichbares hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben - ein Fußballstadion wurde zur Kirche der Fans.

Es ist 9.45 Uhr, als Teresa Enke den Rasen der AWD-Arena betritt. Der Leichnam ihres Mannes Robert ist im Mittelkreis aufgebahrt, dort stehen Blumenkränze, ein Herz aus Rosen. Teresa Enke wird gestützt, langsam macht sie sich auf den Weg zu dem schlichten Holzsarg. Es ist ein schwerer Gang und ein sehr persönlicher.

Zehntausende klatschen.

Der Applaus ist erst laut, innig, bewundernd und wird dann immer leiser. Zweifelnd. Dann ist er weg.

Die Menschen in der AWD-Arena scheinen in diesem Moment zu schwanken zwischen dem Bedürfnis, dieser starken Frau dort unten ihre Zuneigung zu zeigen. Und gleichzeitig der Würde des Anlasses gerecht zu werden. Alle wirken unsicher, etwas Vergleichbares hat es ja noch nie gegeben in Deutschland. Ein Fußballstadion wird zu einer Kirche, und Zehntausende nehmen unter einem Dach aus Stahl Abschied.

Es ist der Abschied von Robert Enke, der am Dienstag seinem Leben ein Ende gesetzt hatte und dessen Tod zahllose Menschen nicht nur im Fußball schockierte. Hannover 96 organisierte diese öffentliche Trauerfeier in nicht mal fünf Tagen; der Club, erschüttert nach dem Suizid des größten Vereinsidols und selbst nach Halt suchend, wollte auch andere Menschen in ihrem Leid trösten.


Aber es ist nicht leicht, in den Dimensionen und Grenzen der AWD-Arena zu trauern. In einem Stadion, in dem jede Veranstaltung einen Event-Charakter bekommt. In dem bei der Trauerfeier für Robert Enke der Werbeslogan des Stadionsponsors leuchtet: "Mehr Siege, mehr Tore, mehr Netto." Andererseits: Wenn der Fußball für viele eine Religion ist, ist das Stadion dann nicht die Kirche?

Und kann man wirklich behaupten, die spontane Zusammenkunft Tausender am Abend von Enkes Tod sei würdevoller gewesen? Wo doch auch die Trauerfeier in der Hannoveraner Arena so viele erhebende Momente hatte?

11 Uhr. Die komplette Fußballnationalmannschaft erweist Enke die letzte Ehre, auch der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Junge Männer laufen langsam zum Mittelkreis und zurück, gebeugt, kopfschüttelnd. Einige weinen.

Applaus. Stille.

Enkes Familie kommt ins Stadion, wieder applaudiert das Rund, diesmal stehend. Wieder ist es kurz darauf ganz still. Dann setzen sich alle, wie in einer Kirche, nur dass sich das bei 35.000 Menschen wie das Rauschen von Blättern anhört. Junge Männer sitzen da mit roten Schals und roten Augen, sie stehen samstags in der Kurve und brüllen für Hannover. Jetzt haben sie die Hände gefaltet und schweigen.

Schon als die Menschen zum Stadion gelaufen waren, hatten sie das eher bedächtig getan. Sie liefen ganz langsam, vorbei an Händlern, die Robert-Enke-Schals verkauften und zwei Euro für die Stiftung Kinderherz spenden wollten. Ein alter Mann stand vor dem Stadiontor, gestützt auf einen roten Regenschirm. Er hatte einen dunklen Anzug an und die Zeichen der Zeit im Gesicht. Er sei aus Berlin gekommen, sagte er. Der alte Mann kannte Robert Enke nicht, "aber ich verspürte den Drang, hierherzukommen".

Auszüge der Trauerreden zum Gedenken an Robert Enke...

...vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff

"Die Welt ist nicht im Lot. Wir brauchen doch keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften."

"In Ihrer Pressekonferenz am Mittwoch haben Sie, Teresa Enke, sich mutig, stark und eindrucksvoll an die Öffentlichkeit gewandt. Dadurch ist für uns all das erst erkennbar geworden."


...von DFB-Präsident Theo Zwanziger

...von Hannover-96-Präsident Martin Kind

Es ist, als ob ein ganzes Land um Robert Enke trauert. Weil Enke, und das weiß man spätestens seit der Pressekonferenz seiner Witwe Teresa, ein Mann mit Schwächen war, mit Ängsten, Problemen. Einer, der gelitten hatte und doch eher an das Wohl anderer dachte, wie es der Pfarrer Heiner Plochg ausdrückte. "Und der bei einem Konzert mit seiner Frau mitten unter den Menschen saß anstatt sich VIP-Karten zu besorgen." So beschrieb ihn Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff in seiner Trauerrede.

Es ist 11.22 Uhr als Theo Zwanziger an das Rednerpult tritt. Gerade haben sie die Vereinshymne gespielt (96, Alte Liebe), Tausende Menschen bewegten die Lippen dazu, aber sangen nicht. Sie weinten nur. Nun also steht Zwanziger dort, der DFB-Präsident.

Und er trifft den Ton.

Zwanziger stellt Enkes Tod in einen größeren Kontext, er leitet einen Auftrag "dieses an sich sinnlosen Sterbens" für die Allgemeinheit ab. "Lasst uns immer an die Würde des Menschen denken", sagt Zwanziger. Im System Fußball seien nach Enkes Suizid "nun Werte wie Maß, Balance, Fairplay und Respekt gefragt".

Es scheint, der DFB-Präsident habe sich fest vorgenommen zu verhindern, dass Enkes Tod vergeblich war. Zwanziger will Tabus aufbrechen, das Schweigen über Schwächen, über Homosexualität, über Ängste. Er weiß, auch wenn das eine bittere Ironie ist, dass die Chance vielleicht nie so groß war wie jetzt. "Fußball ist nicht alles", sagt Zwanziger immer wieder und appelliert auch an die Eltern junger Fußballer. "Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an Zweifel und Schwächen."

Denkt immer an Robert Enke.

Es ist 12.05 Uhr, als die Profis von Hannover 96 den Sarg aus dem Stadion tragen. Pfarrer Plochg hat ihnen Stärke für die kommenden Wochen gewünscht. Wer Jiri Stajner beim Training zugesehen hat, weiß, dass es schwere Wochen werden. Jetzt stehen zwei Dutzend Männer dort unten auf dem Rasen, mit Taschentüchern. Sie heulen. Sie zeigen Schwäche. Alle im Stadion klatschen und weinen mit.


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insgesamt 1431 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
17.11.2009 von mac4ever: Recht auf Trauer

Dem kann ich nur voll zustimmen. Und noch eins: Jeder hat ein Recht auf seine Trauer. Von Frau Enke bis zum letzten Fan. Und wie berechtigt dies sei oder wie intensiv oder aus welcher Motivation heraus diese erlebt wird, ist [...] mehr...

16.11.2009 von Peter Gabriel:

Ob es der Robert so gewollt hätte ist erst mal Egal. Es war der Wunsch seiner Frau, die Ihren Mann wohl besser kannte als alle anderen. Und der Wunsch der Frau ist Kommentarlos zu repektieren!!! Und diejenigendie Trauerfeier [...] mehr...

16.11.2009 von aqualung:

Danke für diesen Beitrag. Ich habe die Trauerfeier am TV verfolgt. Vorab hatte ich auch ein ungutes Gefühl ob eventueller Entgleisungen. Diese Befürchtung war unbegründet. Die Entscheidung der Familie und des Vereins, diese Form [...] mehr...

16.11.2009 von jasyd:

Erstaunlich, wieviele Menschen hier im Forum sich äußern, die Zugführer kennen, die wie verzweifelt in einem Käfig hin und her laufen. Und wieviele schon oft an zerfetzten Leichen vorbeigefahren sind. Wem wollen Sie den Ihren [...] mehr...

16.11.2009 von aqualung:

Ich schliesse mich diesem Beitrag an. mehr...

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Heft 47/2009:
Die Angst vor dem Leben

Der Fall Robert Enke: Was Menschen den Halt verlieren lässt

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Traueranzeigen zum Gedenken an Robert Enke...

...von seiner Frau Teresa Enke

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."

"In ewiger Liebe - Teresa, Leila und Dein kleiner Engel".

...von der Nationalmannschaft

...von seinem Verein Hannover 96

...vom Deutschen Fußball-Bund

...der Deutsche Fußball Liga



Depressionen

Krankheit und Verbreitung

Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern Depressionen, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.

Ursachen und Formen

Symptome

Therapie

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