Von Volkhard Windfuhr, Kairo
Beim WM-Qualifikationsspiel vergangenen Samstag in Kairo ging es vordergründig um eine simple Frage: Welcher der beiden Araberstaaten Ägypten und Algerien qualifiziert sich für die Weltmeisterschaft in Südafrika? Doch die Partie war mehr als ein Gütetest arabischer Kicker. Die sportliche Begegnung wurde zu einem Aufeinanderprallen zweier arabischer Brudervölker, die zunehmend in Konflikt stehen.
Dabei waren Ägypter und Algerier "zur ewigen Freundschaft verurteilt", wie Ägyptens populärer ehemaliger Präsident Gamal Abdul Nasser bekundete, der die algerischen Freiheitskämpfer mit Waffen, Geld und Experten in die Lage versetzte, der Kolonialmacht Frankreich Anfang der sechziger Jahre die Unabhängigkeit abzutrotzen. Algerische Kommandos beteiligten sich im Gegenzug an der legendären Suezkanal-Überquerung der ägyptischen Armee Oktober 1973, Zigtausende ägyptischer Lehrer und Experten halfen beim ehrgeizigen Arabisierungsprogramm und dem Aufbau einer effizienten Verwaltung.
Allmähliche Entfremdung
Doch ein erster Wermutstropfen trübte die Völkerfreundschaft. Nasser brüskierte das aufstrebende freie Algier mit einem unerhörten Trompetenstoß: Ein Sonderkommando der ägyptischen Luftwaffe befreite den ägyptenfreundlichen algerischen Staatspräsidenten Ahmed Ben Bella aus einem Wüstengefängnis, in das ihn sein Nachfolger Hawari Bumedien nach seiner Machtübernahme hatte werfen lassen.
In der Ära des späteren Friedenspartners Israels, Anwar al-Sadat, der auf die Durchschlagskraft eines rudimentären Kapitalismus setzte, kühlte sich das Beziehungsgeflecht zwischen Kairo und dem jahrzehntelang sozialistisch geprägten Algier weiter ab. Als die nordafrikanische Mittelmacht quasi über Nacht zur Religion zurückfand und eine Zeitlang islamistischen Agitatoren Zuflucht gewährte, die in Ägypten nach einer kurzen Zeit politischer Flitterwochen wieder von der politischen Bildfläche verschwanden, mündete die beidseitige Entfremdung der Machteliten in beiden Ländern in eine Atmosphäre des Misstrauens, teilweise sogar auf kultureller Ebene.
All das fraß vor allem am Selbstverständnis der jungen, ambitionierten nordafrikanischen Nation Algerien, sensibilisierte aber auch die ägyptische Volksseele. Der Bügler in Altkairo, der Fellache im Fajum und der Kaufmann in der Deltagroßstadt Tanta hatten kein Verständnis für die Psyche eines Volkes, das sich doch erst mit ihrer Hilfe vom ausländischen Joch befreit hatte, sich aber gerierte wie die Römer in Gallien und ihr ungewöhnliches Geburtsexperiment als Modell für die im Aufbruch befindlichen Völker der Welt verstand.
Die Entfremdung begann. Deutliche Gradmesser der wachsenden Gegensätzlichkeiten waren weniger Auseinandersetzungen in Presse und Politik, sondern Fußballspiele. Dort entluden sich Vorurteile und Komplexe, die auch heute ohne die komplizierte ägyptisch-algerische Geschichte nicht erklärbar wären.
Als die ägyptische Nationalmannschaft 1984 ihre algerischen Fußballkollegen besiegte und diese dadurch an der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Los Angeles hinderte, witterten algerische Sportmanager denn auch gleich "anrüchige Machenschaften". Bei einem algerisch-ägyptischen Länderspiel in Kairo kam es dann zu Tätlichkeiten zwischen den Fans. Es floss Blut, der algerische Nationalspieler Al-Achdar Balluschi drückte einem ägyptischen Jungarzt im Nil-Stadion ein Auge aus. Bei einem Spiel in der algerischen Küstenstadt Annaba attackierten hysterische algerische Jugendliche den Reisebus, in dem die ägyptischen Gäste vom Flughafen ins Stadion transportiert wurden. Etliche wurden verletzt.
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