Von Volkhard Windfuhr, Kairo
Entsprechend hoch schlugen die Wogen in den letzten Wochen und Tagen vor dem vermeintlichen Entscheidungspiel am vergangenen Samstag in Kairo. In Algier amüsierten sich die Teens und Twens an einer Zeitungskarikatur, die den erfolgreichen ägyptischen Trainer Hassan Schahata in einem algerischen Brautkleid darstellte - entwürdigend in arabischen Augen. Algerische Kommentatoren warnten vor "pharaonischen Herausforderern" und schlimmerem. Medien in der Nilrepublik sprachen von "unsauberen Tricks" der Algerier.
Die Preise der Eintrittskarten kletterten in Kairo auf das Fünfzehnfache, eilfertige Fahnenfabrikanten verkauften mehr als 300.000 schwarz-weiß-rote ägyptische Trikoloren. Das 100.000 Zuschauern Platz bietende Stadion - vom selben Architekten entworfen, der das Berliner Olympiastadion gebaut hatte - schwamm förmlich im Fahnenmeer. Der Mobiltelefonnetzbetreiber Ittissalat stellte eine Flotte klimatisierter Großraumbusse zur Verfügung, die von allen größeren Plätzen Fußballfreunde gratis zum Stadion transportierten. Der Straßenverkehr kam zum Erliegen. Taxis und Pkw blieben stellenweise stundenlang eingeklemmt. Das einzige Verkehrsmittel, auf das halbwegs Verlass war, blieb die U-Bahn.
Auch die Religionshüter und -verwalter beteiligten sich am Hochputschen der Gefühle. Der wortgewaltige Imam Chalid al Gindi, Absolvent der heiligen Al Azhar und Betreiber des frommen Fernsehkanals "Al Haya", zelebrierte in der nagelneuen Scharbatli-Moschee im neuen Kairoer Elitevorort Katamiya die Freitagspredigt eigens für die Mitglieder der Nationalelf - wenige Stunden vor dem Spiel. "Allah wird euch den Sieg verleihen", frohlockte der gewiefte Vorbeter. Er verglich die Herausforderung, der die ägyptischen Fußballer gerecht werden mussten, mit Gottes Beistand für Noah: "Allah errettete ihn, indem er ihm befahl, die Arche zu bauen." Noah gehorchte und schaffte das schier Unmögliche.
Auch die islamischen Schriftgelehrten in Algerien wussten, was Allah mit den algerischen Fußballhelden vorhatte. Die Imame der "Sozialistischen arabischen Volksdemokratie" erbaten den Beistand des Höchsten. Sie gingen aber einen Schritt weiter, als die antiägyptischen Emotionen überzuborden drohten. "Wir warnen euch, kontrolliert eure Gefühle!"
Randale bei der "Explosion der Seelen"
In Kairo sorgten mehr als zehntausend Ordnungshüter für die Sicherheit. Um der sich hochschaukelnden Animositäten Herr zu werden und den Ausbruch von Gewaltakten vorzubeugen, führten die Außenminister beider Länder lange Ferngespräche. Schließlich schlossen sich auch die Staatspräsidenten Husni Mubarak und Abdelaziz Bouteflika kurz. Die Medien mäßigten sich in ihren Darstellungen, der Hausfrieden schien gerettet.
Dennoch führte "die Explosion der Seelen" (Radio Kairo) zu grotesken Szenen: Da verlangte etwa die Ägypterin Fatima von ihrem fußballbesessenen algerischen Ehemann die Scheidung "aufgrund der Unvereinbarkeit der Standpunkte". Dann eilte sie mit ihren drei Kindern zum Flughafen und erreichte die Nilmetropole gerade noch rechtzeitig zum Spielbeginn.
Und wieder wurde es brenzlig: Aufgebrachte Algerier umstellten Häuser in der Hauptstadt Algier, in denen Ägypter wohnten. Brandsätze wurden geworfen, Schlägereien brachen aus. Polizei und Feuerwehr waren jedoch rasch zur Stelle und verhinderten das Schlimmste.
Die algerischen Protestler hatten sich zusammengerottet, nachdem sie das Gerücht erreicht hatte, ägyptische Fans hätten den Bus der algerischen Nationalmannschaft auf dem Weg vom Kairoer Flughafen ins Hotel und nach dem Spiel angegriffen. Diese Version der Ereignisse stützt der Bericht eines AFP-Korrespondenten, wonach eine Sicherheitssperre der ägyptischen Polizei nicht besetzt gewesen sein soll und in Sichtweite platzierte Sondereinheiten bei den Angriffen auf den Bus nicht eingegriffen hätten.
Die Algerier verlangten umgehend vom Weltfußballverband Fifa, Ägypten wegen des angeblichen Sicherheitsrisikos für die algerische Mannschaft aus dem Weltcup-Gerangel auszuschließen und das Spiel in Kairo abzusagen. Als Strafe sollte Algerien kurzerhand zum Sieger ernannt werden und automatisch das Plazet für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Südafrika zugesprochen bekommen.
Der Trick fruchtete mitnichten. Die algerischen Spieler hatten zwar vorsorglich die Fensterscheiben ihres Busses eigenhändig mit den kleinen Nothämmerchen zerschlagen, um den Fifa-Repräsentanten vor Ort den Beweis für die Aggression der ungeliebten Ägypter zu erbringen. Sogar der algerische Botschafter in Kairo glaubte anfangs an die Verleumdung. Doch der ägyptische Busfahrer hatte auf einer Videokamera die ganze Szene aufgenommen - er war ein Sicherheitsoffizier in Zivil.
"Endlich mal wieder eine gute Nachricht"
Das Spiel fand statt. Es war technisch gut, auf hohem Niveau. In der dritten Spielminute schoss die Heimelf ihr erstes Tor, in der letzten Minute ihr zweites.
Algerien hatte vor der Partie einen Punkte- und Torvorsprung vor Ägypten. Ägypten hätte deshalb 3:0 gewinnen müssen, um das Johannesburg-Ticket zu ergattern. Doch die Ägypter schafften nur ein 2:0 - in der 95. Minute. Sicher eine große Leistung, immerhin zogen sie damit mit Algerien gleich. Daher wird die ägyptische Nationalelf kommenden Mittwoch noch einmal gegen die Algerier antreten. Diesmal in der Sudan-Hauptstadt Khartum.
Die Ägypter, immerhin Afrikameister, haben gute Chancen, wenngleich ihre algerischen Gegner ebenfalls zu den besten Teams des schwarzen Kontinents gehören. Auch jetzt noch, nach ihrer Niederlage auf dem Rasen in Kairo.
Die vielgelesene ägyptische Oppositionszeitung "Asch-Schuruk" kommentierte auf Seite eins in Fettschrift: "Die Grünen weinen in den Armen der Mutter der Welt." Grün ist das Trikot der Algerier, und "Mutter der Welt" ist der Kosename für Kairo. Die Freudenfeiern auf Kairos Straßen dauerten bis Montagfrüh. Tausende ägyptischer Arbeitnehmer schafften es nicht mehr zur Stechuhr in den Betrieben.
"Für viele Ägypter war die Freude über den Fußballsieg ein Ersatzsieg über Probleme des täglichen Lebens", analysierte der bekannte Kairoer Agronom Salah Higazi die Ekstase seiner Landsleute. "Endlich mal wieder eine gute Nachricht nach der Kette negativer Erfahrungen, ausgelöst von Weltwirtschaftskrise, Überbevölkerung und sozialen Diskrepanzen."
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