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22.11.2009
 

Fluchtpunkt Fußball

Spiel gegen das echte Leben

Von Peter Unfried

Hannover-Fans in Gelsenkirchen: Gedenken an Robert EnkeZur Großansicht
REUTERS

Hannover-Fans in Gelsenkirchen: Gedenken an Robert Enke

Der 13. Spieltag der Bundesliga war der erste nach dem Tod Robert Enkes. Doch war es eine Rückkehr zur "Normalität"? Im Stadion gilt: Gefühle während des Spiels sind ausschließlich Fußballgefühle.

Die kollektive Trauer über den Freitod des Fußballnationalspielers Robert Enke war immens - oder zumindest der Eindruck einer solchen. Ich kann nicht sagen, was von beidem stimmt. Dass Enkes Tod eine so außergewöhnliche Anteilnahme erlebte, lag an den Umständen, daran, dass Fußball immer "wichtiger" wird, aber vor allem auch an seiner medialen Sichtbarkeit, die in einer live übertragenen Aufbahrung in einem Fußballstadion gipfelte.

Warum wird Fußball immer wichtiger: Weil er eben nicht nur ein Spiel ist? Eher im Gegenteil. Eben weil er als Spiel gegen das "echte" Leben und dessen Zumutungen positioniert wird. Man könnte sagen: Er wird deshalb immer wichtiger, weil vieles am Fußball im Kern oberflächlich ist oder vom User auf Oberflächlichkeit ausgerichtet wird. Auf den ersten Blick spricht die Anteilnahme am Tod Enkes für das Gegenteil. Es könnte aber auch sein, dass die großen Themen der Massenmediengesellschaft, Sex, Liebe, Hass, Neid und Tod auch im Fußball immer "wichtiger" werden, da das Fußballpublikum immer breiter wird.

Der 13. Spieltag der Fußball-Bundesliga war der erste nach dem Tod Enkes.

Der Spieltag sollte, so erklärten viele Beteiligte, zurück zur "Normalität" führen. Die Normalität aber, also der Alltag, darüber war man sich in den vergangenen zwei Wochen nicht nur in Sonntagsreden einig, ist häufig gar nicht "normal". Im Gegenteil. Kranke müssen so tun, als ob sie gesund seien, Homosexuelle müssen Scheinehen eingehen, damit sie überleben können. Das ist die Normalität. Dennoch sehnte man sich nach ihr zurück. Insofern ist es ironisch und folgerichtig, dass die Rückkehr zur Normalität nun mit einem globalen Fußball-Wettbetrug zusammenfällt.

Flucht in die Fußballwelt

Um ein Gespür für diesen Spieltag zu bekommen, rannte ich in ein Bundesligastadion. Es begann tatsächlich anders als sonst. Vor dem Einmarsch des Heimteams wurde auf das sonst übliche "Highway to Hell" verzichtet. Auf den Rängen einige R.I.P-Plakate. Auf einem wurde eine neue Fankultur definiert: "Getrennt in den Farben, vereint in der Trauer." Dann Gedenkminute. Danach sofort der Roar im Heim-Fanblock, dann im Gästeblock. Fußball. Endlich.

Am Nebentisch zwei Journalisten, die eine Fachfrage beschäftigt: "Grafi-tee oder Gra-fitsch?" Tja. Es ist eines der ewigen Rätsel des Fußballs, über das man jahrelang diskutieren oder grübeln kann. Während, sagen wir mal, das globale Klimaproblem sich gefälligst selbst lösen soll. Ich prangere das nicht an. Der Fußball hat sicher kulturellen, sozialen, demokratischen und zivilisatorischen Spielraum. Aber wofür halten wir, die Fußballgesellschaft, denn Fußball? Genau dafür. Um entweder komplett oder zeitweise in einer Welt leben zu können, in der es eben keinen Tod und kein Klimaproblem gibt. Bitte auch keinen Wettbetrug. Und möglichst keine Depressionen. Sondern um über die Aussprache eines Namens sinnieren zu können. Darüber, dass man mit weniger als 50 Prozent Ballbesitz Deutscher Meister werden kann. Wahnsinn. Aber nicht mit Babbel als Trainer. Niemals (Stand heute.).

Gefühle während des Spiels sind ausschließlich Fußballgefühle

Die mutmaßlich unmenschliche Gnadenlosigkeit der zerbrechenden Industriegesellschaft im Kapitalismus haben wir umgedreht, indem wir aus der Höhe des Gehaltes eines Spielers oder Trainers das Recht ableiten, ihn ohne größere Kenntnis von Zusammenhängen wie ein Stück Dreck zu behandeln. Kurz gesagt: Wenn die Gesellschaft wirklich wollte, dass sich der Fußball ändert, müsste sie sich selbst, ihr Verständnis und ihren Gebrauch von Fußball ändern.

Ansonsten macht der Stadionbesuch mal wieder klar: Gefühle während des Spiels sind ausschließlich Fußballgefühle. Es gibt weder Raum, noch Bedarf für anderes. Deshalb sollten Verliebte nur ins Stadion, wenn sich beide wirklich für Fußball interessieren. Das Auf und Ab, der Rückstand, die Hoffnung, der erneute Rückstand, der zunehmende Stress wegen der verrinnenden Zeit, das Glücksgefühl, die Erregung, die Sehnsucht nach dem guten Ende, die riesige Enttäuschung, die Hilflosigkeit und in der Folge ihre Verwandlung in unangemessen maßlose Wut - wohin jetzt mit dem Gefühl? Drei Rote Karten übersehen - mindestens! Abseits beim 1:1? Wie kann das sein, dass ein Profiteam in letzter Minute dermaßen unprofessionell agiert?

Beherrschen, nicht beherrschen lassen

Es sind echte und sehr intensive Gefühle. Man kann sie als großartig erleben. Aber es sind Fußballgefühle. Man sollte sie beherrschen und sich nicht von ihnen beherrschen lassen. Und wenn es an der Zeit ist, sich bitte nicht unter dem Stadionrasen oder auf einem "Fanfriedhof" begraben lassen. Und auch nicht im Trikot seines Lieblingsclubs. Das ist einfach zu viel verlangt vom Fußball. Und zu wenig von sich selbst.

Bei allem Respekt vor dem Torhüter und Menschen Robert Enke; oder gerade deswegen, da Enke ja auch der war, der sich vehement gegen Fußball als erste Meldung in der Tagesschau wandte: Man sollte in Zukunft keinen Sarg mehr im Stadion aufstellen. Sie gehören da einfach nicht hin.

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insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.11.2009 von nungo: "Und...

wenn es an der Zeit ist, sich bitte nicht unter dem Stadionrasen oder auf einem "Fanfriedhof" begraben lassen. Und auch nicht im Trikot seines Lieblingsclubs. Das ist einfach zu viel verlangt vom Fußball. Und zu wenig [...] mehr...

22.11.2009 von sappelkopp: Brot und Spiele

Endlich sagt es mal jemand völlig emotionslos. Brot und Spiele, gilt auch in Deutschland. Das diese ganz verlogene Fußballgesellschaft - siehe neuester Wettskandal - am Ende am meisten die Zuschauer betrügt, scheint diesen [...] mehr...

22.11.2009 von Toni H: Archaische Männergesellschaft

Ach wie war es doch vordem, mit dieser Weltsicht so bequem. Das Spiel dauert 90 Minuten, das Spielfeld hat eine bestimmte Größe, die Regeln sind einfach und der Schiedsrichter bestraft die Bösen noch im gleichen Moment auf Erden. [...] mehr...

22.11.2009 von olicrom: Fatal

Ich kann mich nur wiederholen: alle, die dieser vermeintlichen Trauer - real war es ein Höhepunkt in der Geschichte menschlichen Eskapismus - anheim gefallen sind, sind ein Fall für den Psychiater. Inklusive meiner lieben Kollegen [...] mehr...

22.11.2009 von Kurt G: Titel

Schon der Todesfall von Hr Enke, war - so tragisch es ist,- Realität - und somit "Normalität". Man kann nicht zu etwas zurückkehren, was man nie verlassen hatte. Kurt G mehr...

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Zum Autor

Peter Unfried, Jahrgang 1963, ist Chefreporter der "taz". Seine Top-Drei-Trainer sind Volker Finke, Ralf Rangnick und Jürgen Klopp. 2008 veröffentlichte er das Standardwerk "Öko - Al Gore, der neue Kühlschrank und ich" (Dumont). Unfried lebt mit seiner Familie in Berlin.






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