Hamburg - Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat als Reaktion auf die Ermittlungen im Fußball-Wettskandal eine Task Force eingerichtet. Die Arbeitsgruppe werde von DFB-Chefjustiziar Jörg Englisch geleitet, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger an diesem Montag auf einer Pressekonferenz in Frankfurt. Er habe mit der Staatsanwaltschaft Bochum telefoniert und die Unterstützung des Verbandes zugesagt.
"Ich bin froh, dass die Staatsanwaltschaft in Bochum ermittelt", sagte Zwanziger. "Ohne Staatsanwaltschaft wären wir nicht in der Lage, diesen Sumpf aufzulösen." Ein Sportverband wie der DFB sei "absolut überfordert, organisierte Kriminalität - auch noch mit internationalem Charakter - allein zu bekämpfen". In diesem Fall gehe es um gesellschaftliche Kriminalität, "und da brauchen wir die Unterstützung der Staatsanwälte". Eine abschließende Bewertung der Vorgänge sei vor Einsichtnahme in die Akten jedoch nicht möglich. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat am Montag Akteneinsicht beantragt.
Der DFB-Präsident wies Kritik zurück, dass der Verband seit der Affäre um den Schiedsrichter Robert Hoyzer im Jahr 2005 nichts gelernt habe. Das Warnsystem, das danach aufgebaut worden sei, habe "in den letzten Jahren schon geholfen". Warum man nicht unmittelbar auf die jetzigen Fälle aufmerksam geworden sei, müsse nun geklärt werden.
"DFB und DFL können Betrug niemals zu hundert Prozent ausschließen"
Zwanziger warnte vor Vorverurteilungen. "Wir haben gezeigt, dass wir diese Dinge nicht bagatellisieren, aber es sollten auch nicht Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden", sagte er. Er versicherte, dass der DFB "immer alles tun" werde, um solche Vorgänge aufzudecken und entsprechende Konsequenzen zu ziehen.
Zum Frühwarnsystem sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, es sei unmöglich, alle Manipulationsversuche ausfindig zu machen: "Die Tatsache, das selbst eine Staatsanwaltschaft nur zufällig durch das Abhören von Telefonen auf das Thema stößt, zeigt, dass DFB und DFL Betrug niemals zu hundert Prozent ausschließen können."
"Vor einem Monat wurde bei einer Tagung der Uefa die Gefahr, die von Wettbetrug ausgeht, als mindestens ebenso groß bezeichnet wie die Gefahr, die von Doping droht", berichtete DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach. "Dort hat die Uefa den DFB als Musterbeispiel (im Kampf gegen Wettbetrug, Anm. d. Red.) genannt. Deutschland ist in dieser Sache gut aufgestellt, Perfektion gibt es nicht und kann es nicht geben."
Die Firma Sportradar, die im Auftrag des europäischen Fußballverbandes Uefa die Wettquoten überwacht, hat in Deutschland im vergangenen halben Jahr keine Auffälligkeiten registriert. "Wir haben auffällige Partien gehabt, aber keine in Deutschland", sagte Geschäftsführer Carsten Koerl auf der Pressekonferenz. Sportradar sei nicht in die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bochum involviert. "Wir wissen aber, dass Spiele, die bei uns als auffällig registriert wurden, Gegenstand der Ermittlungen sind." Das Unternehmen überwacht nach eigenen Angaben Fußballspiele der ersten und zweiten Ligen in allen 53 Mitgliedstaaten der Uefa.
Festnahmen in Italien, Suspendierungen in der Schweiz
Die italienische Polizei hat im Zuge des Wettskandals am Montag den Präsidenten eines Drittligisten sowie acht weitere Personen festgenommen. Die Ermittlungen betreffen eine Partie in der Serie B in der Saison 2007/2008 und sieben Spiele der 3. Liga in der Saison 2008/2009. Die Ermittlungen laufen bereits seit mehreren Monaten. Die Staatsanwaltschaft wirft den Festgenommenen nach Behördenangaben Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Wettbetrug vor.
In der Schweiz ist ein Spieler des Zweitligisten FC Gossau bis auf weiteres suspendiert worden. Der Präsident des Challenge-League-Clubs, Roland Gnägi, bestätigte am Montag einen entsprechenden Bericht der Zeitung "Blick". Der Spieler habe zugegeben, dass in der letzten Rückrunde bei einem Spiel nicht alles sauber gelaufen sei.
Dabei gehe es um das 0:4 verlorene Match vom 24. Mai gegen Locarno. Der Akteur habe ihm gesagt, er sei von einem Mitspieler mit den Worten angegangen worden: "Du, da ist Geld zu verdienen." Der Spieler habe ihm aber nicht gesagt, ob er auf das Angebot eingestiegen sei. Der Angesprochene sei im Zuge der Ermittlungen auch polizeilich vernommen worden. Am vergangenen Wochenende hatte bereits der Schweizer FC Thun einen Spieler suspendiert, der ebenfalls wegen des Wettskandals von der Polizei vernommen worden war.
Beim Fußballclub NK Travnik aus Bosnien-Herzegowina sollen von der Wettmafia eigens für zwei Testpartien im Sommer 2009 zwei Spieler eingeschleust worden sein. Dies berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Demnach zahlten die Drahtzieher Reisekosten und Prämien der Mannschaft - die Spiele in der Schweiz gingen wie abgesprochen verloren, die Wettgewinne sollen 152.400 Euro betragen haben.
Ebenfalls im Rahmen der Pressekonferenz äußerte sich Zwanziger zu Mario Basler. Der Trainer des Regionalligisten Eintracht Trier ist vom DFB für persönliche Fußballwetten gerügt worden. "Wir haben Mario Basler vor zwei Wochen darauf hingewiesen, dass sein Wettverhalten nicht ganz eindeutig statutengemäß ist", sagte Zwanziger. "Das zeigt, dass wir sehr wohl ein Auge auf alles haben, auch wenn wir das nicht jedesmal publik machen."
Der Europäische Fußballverband Uefa will am Mittwoch ein Krisentreffen mit neun europäischen Verbänden abhalten. Bei der mehrstündigen Zusammenkunft in der Uefa-Zentrale im schweizerischen Nyon sollen die Ermittlungen der Bochumer Staatsanwaltschaft mit den betroffenen Verbänden erläutert werden.
fsc/dpa/AP/sid
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