Es ist noch gar nicht lange her, da hat Uli Hoeneß von der Tabellenführung gesprochen. "Bis zur Winterpause sind wir wieder oben", sagte er nach einem faden 0:0 beim VfB Stuttgart Ende Oktober. Es war mal wieder so eine antizyklische Kampfansage. Starke Worte in Zeiten schwacher Ergebnisse. Und allzu oft hat das in der Vergangenheit ja auch funktioniert - wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung.
Derzeit aber wirkt es irgendwie grotesk.
Tabellenführer werden die Bayern vor der Winterpause sicher nicht mehr, und nach dem 1:1 gegen Bayer Leverkusen haben die Münchner das wohl auch selbst gemerkt. "Gemeinsam mit der Mannschaft und Trainer Louis van Gaal wollen wir versuchen, die Kurve zu kriegen." Das sagte nun Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, und es klang nicht mehr nach Angriff. Sondern nach Überlebenskampf.
Große Worte sind leisen Tönen gewichen, "was soll ich große Reden schwingen, das bringt nichts", sagte Rummenigge. Leise Töne waren in München schon immer ein untrügliches Zeichen, wie ernst es wirklich ist. Klar wird auch: Wurde in Zeiten der Hoffnung an das "wir" appelliert, an die Mannschaft, an den Club, kapriziert sich in der Krise vieles auf den zunehmend isolierten Coach Louis van Gaal. "Wir sollten den ohnehin großen öffentlichen Druck auf den Trainer nicht noch erhöhen", forderte Vorstandsboss Rummenigge.
Und das ist nicht weniger grotesk.
Denn der ins Erdrückende gewachsene "öffentliche Druck" ist vor allem hausgemacht. Da werden vor dem Leverkusen-Spiel durch Präsident Franz Beckenbauer taktische Vorschläge gemacht, die wie Anweisungen klingen, im 4-4-2 solle die Mannschaft bitte künftig spielen statt wie im vom Trainer bevorzugten 4-3-3. Jede Woche aufs Neue wird der kurzfristige Erfolg beschworen, ein vermeintliches Schicksalsspiel folgt aufs nächste. Selbstkritik findet sich nirgendwo. Bei Jürgen Klinsmann führte dieser Prozess zur Entlassung. Und er führte zur Verpflichtung des Fußballlehrers van Gaal. Dem man vertraute, dem man Zeit geben wollte.
Die Spieler trauen van Gaal die Wende noch zu
Wie lange hält das Vertrauen noch?
Natürlich hat auch der selbstbewusste Holländer van Gaal seinen Beitrag zur sportlichen Malaise geleistet. Jede Woche gibt er der Mannschaft ein anderes Gesicht, taktisch, personell - das Ergebnis ist ein gesichtsloser FC Bayern München mit verunsicherten Akteure. Trotzdem trauen ihm Führungsspieler wie Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger immer noch die Wende zu. Sie sehen die akribische Arbeit des Holländers jeden Tag im Training. Nur spielt das mit jeder Begegnung ohne Erfolgserlebnis eine kleinere Rolle.
Eine Siegesserie, so leicht ist das im Fußball, könnte die Verunsicherung lösen und die Wende bringen. In Stuttgart klappte das nicht, gegen Schalke nicht und auch nicht gegen Bayer Leverkusen. Je länger die Serie aber ausbleibt, desto größer wird der gefühlte Handlungsdruck, gerade beim FC Bayern München. Nur drei Heimsiege, Platz sieben mit 21 Punkten, die Bundesligaspitze mit Leverkusen, Schalke, Bremen, Hoffenheim enteilt.
Und jetzt auch noch das Aus in der Champions League vor Augen und das Auswärtsmatch in Hannover. Zwei Schicksalsspiele, mal wieder. Es ist nicht schwer zu erahnen, was mit Louis van Gaal passiert, wenn die Siegesserie nicht endlich einsetzt. Dabei könnte selbst ein glanzvolles Schützenfest gegen Maccabi Haifa(Mittwoch, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wertlos sein, wenn Juventus Turin gleichzeitig bei Tabellenführer Bordeaux gewinnt.
Wer glaubt, die Vereinsführung konzentriere sich deshalb vor allem auf die Bundesliga-Partie am Sonntag in Hannover (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), liegt falsch. "Wir haben am Mittwoch ein schweres Spiel", sagt Karl-Heinz Rummenigge, "danach sehen wir weiter."
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