Frage: Herr Hrubesch, Ihre große HSV-Mannschaft war bekannt dafür, dass sie fighten, aber auch feiern konnte, als gäbe es kein Morgen. Kann das die aktuelle Spielergeneration auch noch?
Hrubesch: Wenn die Jungs schlau sind, ja. Aber sie müssen sich genauer als wir überlegen: Wo mach ich es, wie mach ich es, wann mach ich es?
Frage: Machen die Spielern das auch?
Hrubesch: Ich hoffe es. Wäre ja traurig, wenn es nicht so wäre.
Frage: Das heißt, Sie kriegen bei Ihren Teams nichts davon mit?
Hrubesch: Ich kriege schon einiges mit. Ich weiß vielleicht nicht alles, aber zumindest zu 95 Prozent.
Frage: Fällt es bei den Kontrollmechanismen, die es heute im Fußball gibt, nicht sofort auf, wenn ein Spieler eine Nacht durchgezecht hat?
Hrubesch: Wir machen ja nicht jeden Tag einen Laktattest. Das ist auch nicht Sinn und Zweck der Geschichte. Das sind nur Mittel, um Spielern das Gefühl zu geben, körperlich topfit zu sein. Und dann kommt der Kopf dazu. Wenn der Spieler die Sicherheit hat, habe ich schon fast einen kompletten Fußballer. Und wenn dann die Erfolgserlebnisse hinzukommen, sind wir da, wo wir hin wollen. Du musst auf den Platz gehen, um mit Freude zu agieren, nicht um ängstlich zu reagieren.
Frage: Aber droht bei all dem Druck und dem Geld, das im Spiel ist, gerade bei jungen Spielern nicht der Spaß auf der Strecke zu bleiben?
Hrubesch: Bei meinen Teams nicht. Bei mir geht's nicht um Geld. Und Spielervermittler haben bei mir nichts zu suchen. Zu mir kommt der Spieler pur.
Frage: So was ist noch möglich?
Hrubesch: Ich kann das doch beeinflussen. Ein Spieler kam vor Jahren das erste Mal zu mir zum Lehrgang. Da fährt der Mercedes vor, der Junge steigt aus, Badetasche unterm Arm und dahinter die Mutter, die ihm die beiden Taschen Richtung Sportschule trägt. Ich stehe am Eingang und sage: "Stopp! Was machen Sie da?" Darauf die Mutter: "Ich will die Taschen aufs Zimmer bringen und einräumen." Da habe ich gesagt: "Das macht der hier alles selbständig." "Ich bin aber seine Managerin!" Sage ich: "Das ist wunderbar, aber hier hört dieser Weg auf. Hier macht er alles allein." Sie hat dann einen bitterbösen Brief an den DFB geschrieben, wegen dem ich mich aber Gott sei Dank nicht verantworten musste.
Frage: Fallen Sie da nicht vom Glauben ab?
Hrubesch: Das Einzige, was mich interessiert, ist der Junge. Wenn ich ihn nach drei Jahren wieder abgebe, muss es im Grunde so sein, dass ich ihn adoptieren kann. Wenn ich nicht ehrlich zu den Jungs bin, kann ich auch von ihnen keine Ehrlichkeit erwarten. Natürlich müssen die auch mal ausbüxen und sich ausleben. Sie haben den Druck, unter dem die Spieler stehen, angesprochen. Dann zeigt eben mal Basti Schweinsteiger seiner Cousine den Saunabereich.
Frage: Werden Profifußballer zu sehr umsorgt?
Hrubesch: Sie haben alle Privilegien, es wird viel für die Jungs gemacht. Vielleicht fehlt da manchmal die Selbständigkeit. Einmal kam ein Spieler zu mir und fragte, wann Bettruhe sei. Frage ich zurück: "Wann bist du denn müde?" "So um halb elf, elf." Sage ich: "Dann geh doch um die Zeit ins Bett." Solange die Jungs um 9 Uhr fit auf dem Platz stehen, ist es mir doch total egal, wann sie schlafen.
Frage: Solange sie sich an bestimmte Regeln halten, drehen Sie ihnen also keinen Strick daraus. Ist das Ihr Geheimnis?
Hrubesch: Einmal habe ich die Spieler aufgefordert, sie sollten aufschreiben, was für sie als Nationalspieler wichtig ist. Es ging mir eigentlich um Charaktereigenschaften und Werte. Aber was steht auf den Zetteln, als ich sie einsammle? Verspätung so viel, falsches Hemd so viel und und und ... ein Strafenkatalog. Da habe ich ihnen die Zettel zurückgegeben und gesagt: "Ihr solltet aufschreiben, was das Wichtigste ist."
Frage: Aber diese Mentalität kommt nicht von ungefähr. Sie wird den Spielern in den Vereinen doch vorgelebt.
Hrubesch: Bei mir müssen die Spieler die Regeln machen, und ich akzeptiere sie. Glauben Sie mir: Ich habe noch nie eine Geldstrafe verhängt. Was soll ich mit dem Geld von denen?
Frage: Hat Sie das erfolgreiche letzte Jahr des deutschen Nachwuchses überrascht?
Hrubesch: Voraussehen kann man das nicht. Die Titel der U17-, U19- und U21-Teams, dazu das gute Abschneiden der U20 trotz der Abstellungsprobleme, das war top, fast eine Explosion. Aber die Arbeit geht bis ins Jahr 2000 zurück, als man einen radikalen Schnitt gemacht und das Talentförderprogramm gestartet hat.
Frage: Sie haben als Cheftrainer drei Turniere gespielt: Die U19 und die U21 haben gewonnen, und die U20 ist, obwohl fast alle Leistungsträger fehlten, erst im Viertelfinale knapp gegen Titelfavorit Brasilien ausgeschieden.
Hrubesch: Gerade das ärgert mich. Denn ich bleibe dabei: Wären wir mit unserer eingespielten Mannschaft zur WM gefahren, hätten wir demonstrieren können, wie gut wir Fußball spielen, wie unsere Jugendphilosophie aussieht und was wir geschafft haben. Wir hätten das Turnier dominieren können. Aber man muss auch den Jungs, die letztlich gespielt haben, ein Kompliment machen.
Frage: Ist ungeachtet der Titel das gute Abschneiden der U20 vielleicht sogar der größte Erfolg?
Hrubesch: Insgesamt würde ich die Leistung bei diesem Turnier am höchsten bewerten. In diesem Team ist einer für den anderen eingestanden. Was sie zeigten, waren die deutschen Tugenden, wie es immer so schön heißt. Die haben mit so viel Leidenschaft gespielt, haben richtig gelitten für ihren Sport.
Frage: Bei welchem Ihrer Spieler geht Ihnen das Herz auf?
Hrubesch: Bei vielen. Die Bender-Brüder muss ich gar nicht erwähnen, die marschieren, die sind ehrlich, geben alles. Oder Richard Sukuta-Pasu. Was der Junge häufig allein im Sturm da vorne ackert, ist der Wahnsinn. Das sind die Typen, die eine Mannschaft mitziehen können.
Frage: Jérôme Boateng hat neulich in einem Interview gesagt, Sie hätten seine Karriere gerettet.
Hrubesch: Jérôme ist mein Lieblingsspieler, weil ich seit vielen Jahren mit ihm arbeite. Sein Bruder Kevin war damals in meiner Mannschaft, als er noch im Jahrgang darunter spielte. Aber ich habe ihn zu uns geholt. Nach seinem ersten Spiel bin ich zu Kevin gegangen und habe gesagt: "Hör mal, ich habe jetzt einen, der ist noch besser als du." "Wer denn?" "Dein Bruder". Seit ich Jérôme das erste Mal gesehen habe, war ich sicher: Der Junge wird A-Nationalspieler, da gehe ich jede Wette ein.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, wie Hrubesch die Ära Klinsmann überstand und was ihn fast dazu gebracht hätte, mit dem Fußball Schluss zu machen.
Das Interview führten Jens Kirschneck und Tim Jürgens
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