Frage: Lässt sich sagen, wie viele Spieler eines Jahrgangs später mal in der A-Nationalmannschaft spielen werden?
Hrubesch: Wenn Sie so fragen: vom Talent und den Anlagen her alle. Wenn es anders wäre, würden wir etwas falsch machen. Ein Bernd Förster war schließlich auch Nationalspieler, sogar ein Horst Hrubesch ist einer geworden. Aber ich kann nicht ermessen, wie die Entwicklung des Einzelnen weitergeht. Die hängt von vielen Faktoren ab: Spielt er im richtigen Team, wechselt er richtig - vielleicht auch ohne nur aufs Geld zu schauen -, hat er Erfolgserlebnisse, bleibt er gesund?
Frage: Fragen Ihre Spieler Sie um Rat, wenn sie das Angebot eines Vereins bekommen?
Hrubesch: Das kommt schon vor. Mein wichtigster Hinweis dazu lautet: Entscheidet selbst, wenn ihr wechselt, sprecht mit dem Trainer, seht euch den Club an. Überlasst das nicht eurem Berater. Denn das Wichtigste ist, dass ihr als Profis auch spielen könnt.
Frage: Mit anderen Worten: Die meisten Karrieren von Nachwuchstalenten leiden heute unter falschen Transferentscheidungen.
Hrubesch: Das kann man so sagen, ja.
Frage: Sie sagen, ein intaktes Privatleben sei für Sie sehr wichtig. Lässt der Job beim DFB genügend Zeit dafür?
Hrubesch: Im Moment ist es schwer. Sicher habe ich als Nationaltrainer mehr Freiheiten als ein Vereinscoach, aber letztlich ist es immer eine Frage, inwieweit man abschalten kann. Ich komme nur sehr langsam runter. Nach der U19-EM 2008 habe ich lange gebraucht, um wieder ins normale Leben zurückzufinden. Obwohl ich längst nicht bei jeder der Ehrungen dabei war.
Frage: Wie muss man sich das vorstellen, wenn Horst Hrubesch runterfährt?
Hrubesch: Meine Frau kann ein Lied davon singen. Wenn ich nach einem Turnier zurückkomme, weiß sie genau, wann es besser ist, mich nicht anzusprechen. Und ob sie mich erst mal eine Woche zum Angeln fahren lässt.
Frage: Gibt es etwas beim Angeln, das einem bei der Arbeit als Trainer hilft?
Hrubesch: Angeln ist für mich Erholung. Ich praktiziere bewegliches Angeln, das heißt, ich gehe am Fluss entlang oder stehe im Wasser und angele Forellen oder Lachse. Das hat mehrere Vorteile: Ich bin weg von der Straße und in der Natur, ich muss mich voll auf eine ganz andere Sache als Fußball konzentrieren - und mich sabbelt keiner an.
Frage: Die vielen offiziellen Termine als DFB-Mitarbeiter sind nicht Ihr Ding, oder? Beim Festakt zum DFB-Bundestag 2007 etwa schliefen Sie während einer Rede in der Mainzer Oper auf dem Rang seelenruhig an der Schulter von Dieter Eilts.
Hrubesch: Kann passieren (lacht). Ich bin eben kein Anzugmensch, ich brauche meine Freiheit, brauche Platz. Wenn ich dann zu solchen Veranstaltungen gehe, habe ich natürlich auch Spaß daran, aber es kann zwischendurch auch mal passieren, dass bei mir kurzzeitig die Lichter ausgehen.
Frage: Sie arbeiten seit 2000 für den Verband. Wie sehr wurde an Ihrem Zeug geflickt, als Jürgen Klinsmann 2004 die Umstrukturierung beim DFB einleitete?
Hrubesch: Mit Jürgen Klinsmann war das ganz einfach. Er kam und sagte: Man muss den ganzen Laden auseinandernehmen.
Frage: Leute wie Uli Stielike oder Sepp Maier mussten gehen. Sie sind noch da.
Hrubesch: Kurioserweise. Keine Ahnung, warum.
Frage: Hat Klinsmann denn nicht mit Ihnen gesprochen?
Hrubesch: Überhaupt nicht. Ich habe nur gehört, dass er forderte, auf allen Ebenen die Strukturen aufzubrechen. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich nicht recht verstehe, wieso er das fordert, ohne im Ansatz eine Vorstellung davon zu haben, was wir beim DFB seit Jahren machen.
Frage: Hatten Sie keine Angst, dass Sie auch Ihren Job verlieren?
Hrubesch: Nö. Wissen Sie, ich bin erst mit 24 Jahren in die Bundesliga gekommen. Vorher haben sich die Leute immer über mich lustig gemacht, dass ich keine Technik hätte und keinen Ball annehmen kann. Am Ende der Karriere haben sie geflachst: 'Guck mal, da kommt Maradona.' Ich habe Ende der Achtziger mit meinen Kindern Streitgespräche geführt, ob wir einen Computer anschaffen. Ich habe gesagt: 'Kommt mir nicht ins Haus.' Heute nutze ich das Ding fast häufiger als die. Was ich damit sagen will: Ich bin neugierig und in der Lage, mich zu verändern. Und deshalb denke ich auch nicht so viel darüber nach, was hätte passieren können.
Frage: Wie rege ist Ihr Kontakt zum jetzigen Bundestrainer?
Hrubesch: Normal. Wir haben regelmäßige Trainersitzungen und sehen uns ab und zu auch zwischendurch.
Frage: Ist das ein Verhältnis wie zwischen Chef und Untergebenem?
Hrubesch: Ist doch klar: Wir sind da unten, die sind da oben. Denn die A-Mannschaft ist nun mal das Aushängeschild des DFB und sie spielt letztlich das Geld ein, das unsere Kosten deckt.
Frage: Matthias Sammer ist Ihr direkter Vorgesetzter. Wie kommen Sie mit ihm aus?
Hrubesch: Wir haben ein kollegiales Verhältnis.
Frage: Er gilt gemeinhin als nicht einfach.
Hrubesch: Jeder Mensch ist anders. Matthias ist klar strukturiert. Er weiß, was er will und geht diesen Weg mit hundertprozentiger Überzeugung. Natürlich sind wir auch mal unterschiedlicher Meinung, aber ich schätze sehr an ihm, dass er sich immer auch mit den Ansichten anderer auseinandersetzt.
Frage: 2000 begleiteten Sie die A-Mannschaft als Assistent von Trainer Erich Ribbeck zur Europameisterschaft. Unvergessen ist der Moment nach der 0:3-Niederlage gegen Portugal in Rotterdam. Sie saßen auf der Bank und weinten wie ein Schlosshund.
Hrubesch: Ich war furchtbar enttäuscht von der Mannschaft. Ich konnte nicht verstehen, wie sich eine Mannschaft so ergeben kann. Wissen Sie, es nagt bis heute an mir, dass ich nicht Weltmeister geworden bin. Bei der WM 1982 in Spanien hatten wir eine gute Mannschaft und wir hätten es schaffen können. Aber wir haben nicht alles dafür getan: Wir hätten solider leben und im Training mehr reinhauen müssen. Damals waren die Kölner und Münchner die führenden Blöcke im Team. Und ich habe es vorgezogen, kritische Punkte - die ich fraglos erkannt habe - nicht öffentlich anzusprechen. Damals habe ich mir geschworen, dass mir so was nie wieder passieren soll. Selbst wenn wir ausscheiden, darf bei mir nie mehr das Gefühl zurückbleiben, wir hätten für den Erfolg nicht alles getan.
Frage: Und 2000 war das so.
Hrubesch: Die ganze Euro lief nicht gut, aber dass sich am Ende eine Mannschaft derart aufgibt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Dieses Spiel gegen Portugal war für mich ein Offenbarungseid. Der absolute Tiefpunkt. Danach habe ich mich längere Zeit gefragt, ob das Ganze überhaupt noch einen Sinn ergibt.
Frage: Sie wollten aufhören?
Hrubesch: Vielleicht der einzige Moment, in dem ich ernsthaft erwogen habe, Schluss mit Fußball zu machen.
Frage: Kennen all Ihre Jungs eigentlich Ihren Werdegang als Spieler?
Hrubesch: Ich vermeide zwar von früher zu reden, aber die wissen natürlich, dass ich Nationalspieler war. Ab und zu fragen die auch. Vor ein paar Jahren wollte eine DFB-Junioren-Mannschaft auch mal eines meiner Spiele von damals sehen. Da hat mein damaliger Assistent Michael Oenning, der heute den 1. FC Nürnberg trainiert, die DVD vom Spiel HSV gegen Real Madrid im April 1980 besorgt, das wir 5:1 gewonnen haben. Vielleicht mein bestes Spiel für den HSV, aber nach heutigen Maßstäben wären in dem Spiel sechs Platzverweise ausgesprochen worden. Was da von beiden Seiten hingelangt wurde …
Frage: Wie haben die Spieler reagiert?
Hrubesch: Ohne jetzt angeben zu wollen, die waren schon ein bisschen angetan. Und sie haben sich wahnsinnig aufgeregt, wie oft ich von hinten einen Tritt in die Beine bekommen habe. Da habe ich gesagt: 'Da seht ihr mal, was ihr Stürmer heute für ein Leben habt. Wie Gott in Frankreich.'
Frage: Heute gehört es fast dazu, dass Stürmer in der Lage sind, Strafstöße zu schinden.
Hrubesch: Das ist nicht mein Ding. Ich sage meinen Jungs immer, dass sie durchziehen und sich nicht fallenlassen sollen. Ein Stürmer braucht den Willen, ein Tor zu schießen und einen Zweikampf zu gewinnen. Einen, der lieber fällt, kann ich nicht gebrauchen. Noch mal: Das Wichtigste im Fußball ist die Ehrlichkeit.
Das Interview führten Jens Kirschneck und Tim Jürgens
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