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21.01.2010
 

Fußball in Afrika

Wo man Spielern in den Hintern treten darf

Von Thilo Thielke

Zaires Präsident Mobutu (l., 1984): Torgeiler TyrannZur Großansicht
AFP

Zaires Präsident Mobutu (l., 1984): Torgeiler Tyrann

Wenn Diktatoren Trikots designen: Die WM in Südafrika soll auch die politische Situation auf dem Kontinent verbessern. Doch Fußball und Politik vertragen sich nicht. Brutale afrikanische Alleinherrscher nutzten das Spiel, um ihr ramponiertes Image aufzupolieren.

Kann der Fußball Afrika den Frieden bringen? In Liberia, im November 2005, wäre fast einer der großen afrikanischen Fußballheroen zum Präsidenten gewählt worden. Erst in der Stichwahl, kurz vor Abpfiff sozusagen, war George Weah an Ellen Johnson-Sirleaf gescheitert. Doch insbesondere der Jugend des Landes hatte Weah als großer Hoffnungsträger gegolten. Nach Jahren des Betrugs, des Kriegs, der Meuchelmorde schien ausgerechnet ein Fußballspieler geeignet, die Todfeinde zu versöhnen. Er hatte den Menschen durch sein Spiel Freude bereitet, er hatte das Land durch seinen Erfolg stolz gemacht, und er schien durch seinen persönlichen Reichtum immun gegenüber Bestechungsversuchen.

Schon früher, im Trikot der "Lone Stars", hatte er die Vertreter der verschiedenen Stämme und Klassen einen können. Wenn George am Ball war, herrschte für neunzig Minuten lang Frieden im Lande des Kriegs, da saß die Nation wenigstens eine Spielzeit vereint vor dem Fernseher. Ich traf in Monrovia, der Hauptstadt des Landes, auf eine Götzenverehrung, die allenfalls mit religiöser Inbrunst zu vergleichen ist. "Legt eure Waffen nieder und geht ins Stadion und genießt das Spiel", rief die zweite liberianische Fußball-Legende, der ehemalige Spieler und Trainer Josiah Johnson, den Kombattanten zu, "ihr werdet keine Millionäre, wenn ihr jemanden erschießt, aber vielleicht, wenn ihr gut Fußball spielen könnt."

Aber kann Liberias Fußball tatsächlich "ein kollektives Bewusstsein dafür schaffen, dass die Menschen glauben, das was sie eint, sei bedeutender als das, was sie trennt", wie der Sportwissenschaftler Gary Armstrong aus London fragt? Armstrong weist darauf hin, dass 1998 in Monrovia nur ein einziges Denkmal gestanden hatte, in der vielbefahrenen Broad-Street im Zentrum, und es war nicht das eines ehemaligen Präsidenten, Freiheits- oder Kriegshelden, sondern das des berühmten Fußballers gewesen, in Bronze gegossen, von wohlhabenden Anhängern gestiftet.

Fußball und Politik vertragen sich nicht

Es dürfte für alle Beteiligten wohl dennoch besser gewesen sein, dass der Fußballer am Ende nicht Präsident wurde - auch wenn er in Liberia nicht mehr viel hätte kaputtmachen können. Auch wenn die Autoren Marc Broere und Roy van der Drift meinen: "Der Einzige, der George Weah als populärstem Mann Afrikas Konkurrenz machen kann, ist Nelson Mandela" und einen liberianischen Sportjournalisten mit den Worten zitieren: "George Weah ist der Einzige, der unserem Land den Frieden bringen kann" - Fußball und Politik vertragen sich nicht gut. Nirgends.

"Guineas Diktator Sekou Touré, Präsident seines Landes von 1958 bis 1984, nahm den Fußball so ernst, dass er sogar Militärgerichten präsidierte, in denen erfolglose Kicker abgestraft wurden", sagt der Schweizer Soziologe Daniel Künzler. Und auch Kongos 1965 an die Macht gekommener Führer Joseph-Désiré Mobutu, der sich kurz darauf Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga und den Kongo Zaïre nennen ließ, verstand, wenn es um die schönste Nebensache der Welt ging, wenig Spaß. Anfangs hatte er sogar Erfolg. Nachdem er seinen "Leoparden" großzügig alle erdenkliche Unterstützung zukommen ließ, gewann die Mannschaft 1968 in Äthiopien und 1974 in Ägypten den vom afrikanischen Fußballverband Caf ausgelobten Africa Cup of Nations und qualifizierte sich damit für die Tip- und Tap-WM in Deutschland.

"Der Hahn, der alle Hennen besteigt", wie eine der offiziellen Übersetzungen seines Titels lautet, versprach jedem Spieler 20.000 Dollar und noch allerhand andere Reichtümer wie Autos und Frauen und soll selbst an der Gestaltung der Spielkleidung mitgewirkt haben: "Gelb steht euch gut. Das kommt gut auf schwarzer Haut." Die Reise ins Wirtschaftswunderland geriet zum Fiasko. Selbst all die den Spielertross begleitenden Hexenmeister mit ihren Knollen und Knochen aus dem Kongobecken fanden kein Rezept gegen schottische Kraft, jugoslawischen Witz und brasilianische Spielkunst. 0:2, 0:9, 0:3 hieß es am Ende. Null Punkte, 0:14 Tore, letzter Platz in Gruppe 2 - obwohl Sportreporter Ernst Huberty sie "wie Katzen springen" und "wie Gazellen laufen" gesehen hatte.

Rauchende Reservespieler

Schottlands Trainer Willi Ormond schien der Wahrheit näher gekommen zu sein, als er vor der Weltmeisterschaft schon unkte: "Denen fällt es schwer, aus zehn Metern eine Pyramide zu treffen." Was für eine Blamage! Mobutu soll in seinem Palast in Kinshasa geschäumt ("Ihr habt Schande über unser Land gebracht! Ihr seid Abschaum und Hurensöhne!") und wüste Flüche ("Solltet ihr im letzten Spiel mehr als drei Tore zulassen, werdet ihr Zaïre nie wiedersehen!") ausgestoßen haben, und die Spieler bangten ihrer Heimkehr entgegen.

Später kam allerdings heraus, was zum desaströsen Auftreten zumindest mit beigetragen hatte. Nach dem achtbaren Spiel gegen die Schotten hatten die Kicker einen Teil der zuvor versprochenen Prämie eingeklagt, doch statt Geld nur den Rat erhalten, sich wie brave Sportsleute zu benehmen und das Hotelzimmer nicht zu verlassen. Da drohten sie mit Spielboykott, und einige praktizierten ihn wohl auch.

In der Halbzeitpause des Jugoslawienspiels jedenfalls konnte man drei Ersatzspieler beobachten, wie sie auf der Reservebank Zigarette rauchten, und viel gestresster wirkten auch einige Kollegen auf dem Rasen des Gelsenkirchener Parkstadions nicht. Jedenfalls blieb ihnen das Schlimmste erspart. Bei ihrer Ankunft wurden die Versager nicht am Flughafen in der Hauptstadt Kinshasa empfangen, das war alles. Einige mussten sich später als Hühnerhändler durchschlagen, andere lebten "wie die Landstreicher" - zumindest nach der Erinnerung des damaligen Rechtsverteidigers Ilunga Mwepu von TP Mazembe aus Lubumbashi.

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Gefunden in

Thilo Thielke
"Traumfußball - Geschichten aus Afrika"
Verlag Die Werkstatt, 2009, 224 Seiten, Hardcover, mit vielen Farbfotos, Euro 24.90

www.werkstatt-verlag.de

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