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08.01.2010
 

Hertha BSC am Boden

Der Pannenverein

Von Peter Ahrens

Hertha BSC hat fast kein Geld und fast keine Punkte. Das Flugzeug ins Trainingslager streikt, und wenn die Berliner kommen, regnet es sogar in Spanien in Strömen. Lediglich die leitenden Angestellten des Noch-Bundesligisten haben die Hoffnung nicht komplett aufgegeben.

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: Herthas Absturz

In Berlin geht gerade mal wieder nichts. Der S-Bahn, die ohnehin seit Monaten auf dem Zahnfleisch fährt, ist jetzt auch noch die Mechanik eingefroren. Tausende quetschen sich im Berufsverkehr in die wenigen noch fahrenden Bahnen, in denen bei Minusgraden possierliche Warnschilder in den Fensterscheiben hängen: Wagen nicht geheizt. Ursache ist die typische Berliner Mischung aus fehlendem Geld und Schlamperei. Irgendwann soll der S-Bahn-Fahrplan aber wieder überkorrekt laufen, hat der Betreiber, die Deutsche Bahn AG, durchblicken lassen. Die Verantwortlichen peilen dafür mal so über den Daumen das Jahr 2013 an.

Der Premium-Fußballverein der Stadt, Hertha BSC, ist so etwas wie die S-Bahn der Bundesliga. Der Club, der im Mai noch in die Champions League wollte, und das sogar fast geschafft hätte, hat eine gar fürchterliche Hinrunde mit sechs kümmerlichen Pluspunkten hinter sich. Auf dem Weg ins Trainingslager nach Mallorca ging dem Flieger, in dem die Profis saßen, noch am Flughafen Tegel die Puste aus. Auf den Balearen angekommen schüttete es dermaßen, dass ein Testspiel gegen Zweitligist FSV Frankfurt verlegt werden musste.

Das Glück schüttet derweil nicht unbedingt sein Füllhorn über Hertha BSC aus. So einen Absturz, wie es dem Hauptstadtverein seit dem Sommer widerfahren ist, hat die Bundesliga lange nicht erlebt.

Sechs Punkte aus 17 Spielen, wobei man die Hälfte davon bereits nach dem ersten Spieltag eingefahren hatte - so schlecht ist seit Einführung der Drei-Punkte-Regel noch kein Tabellenletzter zur Saisonhalbzeit gewesen. Dass die Hertha den schmählichen Vergleich mit dem längst verblichenen Lokalrivalen Tasmania Berlin unwidersprochen aushalten muss, der den All-Time-Negativrekord in der Liga aus den sechziger Jahren hält, ist der Tiefpunkt.

Das ganz große Pfeifen im Walde

Trainer Friedhelm Funkel, Manager Michael Preetz und Kapitän Arne Friedrich tun das, was artige leitende Angestellte in solchen Fällen tun. Sie pfeifen in den Grunewald, was das Zeug hält und halten angestrengt nach Hoffnungsschimmern Ausschau. Funkel verweist auf die Winterzugänge Theofanis Gekas und Lewan Kobiaschwili, die die Qualität des Kaders erheblich gesteigert hätten. Arne Friedrich, der zuvor tagelang Gerüchte unkommentiert ließ, er wolle noch im Winter nach Wolfsburg zu seinem alten Spezi Dieter Hoeneß wechseln, spricht von der Möglichkeit, "die ersten fünf Spiele der Rückrunde zu gewinnen" - wobei er selbst das Spiel bei Werder Bremen gleich eingerechnet hat.

Manager Preetz hat sich ebenfalls als Rechenkünstler betätigt und genau ausgetüftelt, dass die Hertha in der Rückrunde "25 Punkte plus x" benötige, um - wie auch immer - noch den Sprung über den Strich zu schaffen. Die Hertha hätte dann 31 Zähler, womit man allerdings in zehn der vergangenen zwölf Spielzeiten trotzdem abgestiegen wäre. Dem Karlsruher SC reichten 1998 nicht einmal 38 Punkte zum Klassenerhalt, Arminia Bielefeld rauschte 2003 mit 36 Punkten in die Zweitklassigkeit, 2005 reichten dem VfL Bochum 35 Punkte nicht. Wenn es den Strohhalm der Relegation für den Drittletzten der Liga nicht gäbe, wäre ohnehin alles Rechnen vergeblich.

Jedes zweite Spiel muss gewonnen werden

Hertha müsste, wenn man der Preetz'schen Algebra folgt, mindestens jedes zweite Spiel in der Rückrunde gewinnen, um sich zu retten. Allein das scheint nur den allerhartgesottensten Hertha-Fans - und von denen gibt es nicht mehr viele - möglich.

Preetz ist die tragische Figur in Herthas Niedergang. Als Spieler eine Ikone im Gedächtnis der Fans, danach ein Prinz Charles der Hertha, der Jahr um Jahr warten musste, bis er das lange versprochene Erbe von Vorgänger Dieter Hoeneß antreten durfte. Und da hatte Hoeneß den Verein in seinen zehn Jahren der Politik der offenen Hand dermaßen finanziell in die Malaise gesteuert, dass Preetz als Manager ohne Mittel im Hemd dastand.

Dem in der Vorsaison noch als Taktikgenie gefeierten Schweizer Coach Lucien Favre fiel angesichts der leeren Kassen und des ausgedünnten Kaders auch nichts Kreatives, geschweige denn Polyvalentes, um das Favresche Lieblingswort aufzugreifen, mehr ein. Und auch nach dessen Entlassung und der Verpflichtung von Feuerwehrmann Funkel wurde zunächst nichts besser. Nur die Falten-Marianengräben in Funkels Gesicht sind seitdem noch ein bisschen tiefer geworden.

Achselzucken in der Hauptstadt

In der Stadt hat man sich fast achselzuckend mit dem Abstieg des Vereins abgefunden, womit Berlin die einzige namhafte Hauptstadt in Europa ohne Erstligisten sein dürfte. Dass man im Rahmen dieser Abschiedstour skurrilerweise in der Euro League den Sprung in die Zwischenrunde geschafft hat, erweitert zwar den finanziellen Rahmen leicht. An der öffentlichen Meinung Berlins, die der Verein ohnehin nur in allerbesten Zeiten und höchstens wochenweise mal für sich einnehmen konnte, hat das wenig bis gar nichts verändert.

Ein Traditionsverein steigt ab, und die Stadt nimmt es lediglich zur Kenntnis. Man muss in Berlin nur einmal eine Fußballkneipe aufgesucht haben und die Häme mitbekommen, mit der die Zugezogenen ein Gegentor der Hertha quittieren, um zu wissen, was dem Verein fehlt: ein Rückgrat in der Stadt.

Das Rückgrat der Hertha ist 17 Spiele vor dem Liga-Abschied zwar noch nicht gebrochen, aufrecht gehen kann der Club aber lange nicht mehr. Der Hauptsponsor von Hertha BSC, auch das ist eine Errungenschaft von Dieter Hoeneß aus der Vergangenheit, ist übrigens die Deutsche Bahn. In Berlin wächst dieser Tage endlich zusammen, was zusammengehört.

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insgesamt 53 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.01.2010 von Foul Breitner: Sitzen ist für A*****

Das eine hat mit dem anderen ja nix zu tun. Mit Business und VIP verdient der verein Geld und so viele premium Sitze gibt es auch nicht. mehr...

12.01.2010 von Kurt Kurzweg: Tradition hin, Erfolg her...

So soll es sein: man muss auch jönne könne! Und als fairer Nachbar und manchmal Verlierer dem heute mal Besseren (wie schnell geht's gerade im Fußball rauf und runter) Anerkennung zollen. Und "seinem Verein" auch in [...] mehr...

12.01.2010 von m4574: an alle experten!

mir scheint es, dass sich hier wohl nur dauerkarteninhaber im forum tummeln. es mag zwar sein, dass das stadion nicht jedes mal prall gefült ist bei hertha spielen, die kurve jedoch ist auch diese saison IMMER voll! und darum [...] mehr...

11.01.2010 von markolito1: so ernst war es auch nicht gemeint

Ich bezog mich bei der Gründung auf den Ursprung als Arbeiterfußballverein in Köpenick. Richtig ist natürlich das Gründungsdatum 1966, wie man ja auch im Wiki lesen kann. Hertha war da für mich immer etwas abgehoben. Obwohl man [...] mehr...

11.01.2010 von scott kausky: Traditonen

Also ich kann nur sagen, dass ich mit meinen Zwillingen schon bei vielen Hertha-Heimspielen war und dass man das ohne schlechtes Gewissen jedem auch zum Thema Gewalt und Gefahr empfehlen kann (wer allerdings grossartige Siege [...] mehr...

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