Aus Wolfsburg berichtet Frank Hellmann
Es passierte Sekunden vor dem Abpfiff, als die Reminiszenz an den 4. April 2009 wieder auflebte. Grafite, der wuchtige Stürmer des VfL Wolfsburg und Deutschlands Fußballer des vergangenen Jahres, hatte in der Wolfsburger Arena ins Tor getroffen. Genau auf der Seite, wo dem Brasilianer vor fast auf den Tag genau zehn Monaten gegen den stolzen FC Bayern das sagenumwobene 5:1 geglückt war - per dreistem Hackentrick.
Ein größeres Kontrastprogramm hätte es für den Torjäger jedoch beim abermaligen Gastspiel der Münchner nicht geben können: Nach zahllosen Annäherungs- und Schussversuchen, zu denen sogar ein von Hans-Jörg Butt recht mühelos parierter Elfmeter zählte, war es Grafite doch noch gelungen, den Schlusspunkt zu setzen. Doch was damals die Schleife um die fachmännisch zerlegten Bayern bedeutete, war diesmal für vor Selbstbewusstsein strotzende Münchner kein wirkliches Ärgernis. Und der Kopfballtreffer aus kurzer Distanz nicht mal für Grafite wirklich ein Trost.
So endete die Demütigung eben 1:3 statt 0:3. Ergebniskosmetik nennt man dies. Und nur die Statistiken erinnern später daran. Die Geschichte dieses Spiels gehörte anderen: etwa Louis van Gaal. Der niederländische Chefstratege schaffte es tatsächlich, eine vereinsinterne Debatte zu entfachen, wie der achte Bundesliga-Sieg der Bayern in Serie nach Toren von Arjen Robben (2.), Daniel van Buyten (26.) und einem Eigentor von Andrea Barzagli (57.) zu bewerten sei. Zornig und kritisch (wie von van Gaal) oder zufrieden und milde (wie von Robben).
Van Gaal ließ in seiner Analyse kaum ein gutes Haar an seinen Mannen: "Ich bin böse, weil wir nicht konzentriert gespielt haben. Das war ein bisschen arrogant. Das werde ich gegenüber den Spielern auch kommunizieren."
Trotz teilweise frappierender technischer und taktischer Überlegenheit tadelte der Trainer: "Ich finde nicht, dass wir gut Fußball gespielt haben." Ihn nervten nach der Führung zu viele Flüchtigkeitsfehler, zu denen der zur Pause eingewechselte Franck Ribéry eine ganze Menge beitrug. Und sogar zum streckenweise glänzend Regie führenden Bastian Schweinsteiger beschied der Trainer: "Das war nicht sein bestes Spiel."
"Drei Treffer in jedem Spiel sind auch gut"
Van Gaals Kritik war natürlich Methode; und ein perfektes Ablenkungsmanöver, um vor dem Pokal-Viertelfinale gegen den Zweitligisten Greuther Fürth keinen Schlendrian aufkommen zu lassen. Doch während Mark van Bommel ("wir haben nicht so dominiert wie in den vergangenen Wochen") oder Mario Gomez ("wir waren teilweise nachlässig") die Trainerkritik teilten, stellte sich Landsmann Robben dagegen. Das Attribut "arrogant" könne er nicht akzeptieren. "Damit bin ich nicht einverstanden." Und so stellte van Gaals Landsmann klar, dass er anderer Ansicht sei. "Wenn man 3:1 in Wolfsburg gewinnt, ist das eine gute Leistung. Wir haben Konzentrationsfehler gemacht, aber wir sind doch auch nur Menschen. Wir hätten schon in Bremen neun oder zehn Tore schießen können, aber drei Treffer in jedem Spiel sind auch gut."
Zumal die Konkurrenz aus Leverkusen oder Gelsenkirchen an diesem Spieltag mit dem Toreschießen so ihre Probleme hatte und den FC Bayern nur noch das schlechtere Torverhältnis von der Tabellenführung trennt. So mutete die vereinsinterne Diskussion über die Güte des Münchner Auftritts wie eine überflüssige Luxusdebatte an - gleichermaßen sinnfrei wie jene Kontroverse, ob Superstar Robben nun eine graue Stoffhose als Wärmeschutz tragen darf oder nicht.
Doch wer aus der Meinungsverschiedenheit zwischen van Gaal und Robben ableitet, es herrschten Verständigungsschwierigkeiten, der irrt. Selbst Wolfsburgs Ersatztorwart André Lenz, schuldlos an allen Gegentreffern, empfahl nach der Lehrstunde, "sich den FC Bayern als Vorbild zu nehmen". Lenz' Begründung: "Sie treten als geschlossene Einheit auf, da ist sich keiner zu schade, im Spiel die Meter zu machen und für den anderen zu arbeiten." Der VfL-Keeper stellte ferner erschrocken fest, "dass bei uns an jeder Ecke ein Quäntchen fehlt."
Damit zeichnete der Stellvertreter des am Knie verletzten Diego Benaglio ein erschreckendes Bild vom Gesamtzustand des Deutschen Meisters, der sich binnen Monaten ohne den Alleinherrscher Felix Magath vom Vorzeigeverein zum Krisenclub zurückentwickelt hat. Und angesichts der bevorstehenden Aufgaben bei Spitzenreiter Bayer Leverkusen und gegen den Dritten FC Schalke 04 ist es sogar möglich, dass der VfL Wolfsburg noch in den Abstiegsstrudel gerät - VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem, zugleich VfL-Aufsichtsratsvize, hat vor diesem Horrorszenario bereits gewarnt. "Nicht ohne Grund", wie Interimscoach Lorenz-Günther Köstner ausführte. Der monierte, dass seine Mannschaft wie schon beim 1:1 in Hamburg ein Erfolgserlebnis "nicht verdient" habe. "Wir müssen den Gegner besser bekämpfen, die Gegentore dürfen nicht so einfach fallen", stellte Köstner fest.
Finstere Vorzeichen in Wolfsburg, wirrer Interimscoach
Der knorrige Übergangstrainer erwartet nun "mehr Professionalität" und "weniger Rederei und Quatscherei". Und Schönspieler, wie der abermals ausgewechselte Spielmacher Zvjezdan Misimovic, haben bei dem 58-Jährigen schlechte Karten: "Es ist keiner glücklich, wenn er ausgewechselt wird. Das war ich auch nicht. Aber dann muss halt im Training noch mehr laufen. Wir müssen wieder richtig ackern wie in der Meistersaison."
Fraglich ist, ob solche Forderungen beim zersprengten VfL-Ensemble wirklich Widerhall finden. Wer sah, dass Edin Dzeko bei der Torvorlage zum Ehrentreffer nicht einmal die Gratulation Grafites entgegennahm; wer registrierte, dass Misimovic bei der Auswechslung wie eine beleidigte Diva in die Kabine stolzierte und die Handschuhe achtlos in den Gang warf; wer vernahm, dass Neid und Missgunst anstelle von Zusammenhalt und Geschlossenheit getreten sind, dem schwant Böses.
Köstner, 57, unlängst als Verantwortlicher vom Regionalligateam zu den Profis befördert, ahnt, dass schwierige Wochen in der Volkswagen-Stadt auf ihn zukommen: "Die Tabelle gibt vor, was man trainieren muss." Nur auf die ergänzende Frage, in welche Richtung der VfL Wolfsburg denn da schauen wolle, wusste der neue Leitwolf auch keine schlüssige Antwort, sondern gab eine wirre Beschreibung ab: "Wir können kurz nach oben schielen, dürfen uns dabei nur keinen steifen Hals holen. Wenn wir nach unten schauen, verlieren wir den Blick nach vorne. Und irgendwann hoffe ich, dass wir durch eine Sonnenbrille wieder das hellere Licht sehen."
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Na ja, es gibt schon einen Unterschied zwischen Uruguay (3,5 Mill. Einwohner) und dem anachronistischen Fürstengebiet Liechtenstein mit 30.000 Einwohner und 10 x soviel Briefkästen. Ich würde es eher für unwahrscheinlich [...] mehr...
Unabhängig davon, ob es Lichtenstein gibt oder nicht, ist Uruguay zweimal Weltmeister geworden. Auch nicht gerade das allergrößte Land, weder nach Fläche noch nach Einwohnern. Li(e)chtenstein hat also Hoffnung. mehr...
Na,na, die haben immerhin gegen die Schweiz gewonnen; die sind im Kommen...2050 sind sie vielleicht dabei. Schade, dass ich es nicht mehr erlebe. mehr...
Die Punkte werden ausreichen und die Bushaltestelle(Hoffenheim) wird dann im nächsten Spieljahr im 2.Versuch einen qualifizierten Abstieg vollenden. Und das ist gut so, denn es ist nicht gut, das so ein Örtchen in der Ersten [...] mehr...
Wahrscheinlich nicht. Deshalb mussten die Hoffe-Spieler ja in die Weltstadt Heidelberg um dort die Nachtszene aufzumischen :-) mehr...
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