Die Fußballzahlen des Wochenendes sehen so aus, wie man sie früher aus Italien kannte, und schön sind sie nicht. 0:1, 1:0, 0:0, 1:2, 0:2, 2:1, 0:0, 1:1, 2:1 heißen die Bundesligaergebnisse des 24. Spieltages und ergeben gerade mal eine Summe von 15 Treffern. Nun könnte man sagen, dass dies ein statistischer Zufall ist, wie er halt vorkommt. Denn auch in der Vergangenheit hat es immer mal wieder den ein oder anderen Spieltag auf Tordiät gegeben. Doch leider passen die Zahlen zu dem, was in der letzten Zeit auf den Plätzen zu sehen war.
In der Bundesliga findet derzeit eine kollektive Besinnung auf Defensive und Konterspiel statt, wie es sie so massiv lange nicht gegeben hat. Die große Mehrzahl der Mannschaften ist inzwischen selbst in Heimspielen froh, wenn sie nicht in Ballbesitz ist und ein Offensivspiel aufziehen muss. Lieber lässt man den Gegner walten und lauert auf dessen Fehler. Angriffe werden meist aus Situationen entwickelt, in denen der Ball gerade erobert, die gegnerische Mannschaft vielleicht etwas ungeordnet ist und ausgekontert werden kann.
Das macht die eigene Arbeit auf dem Platz einfacher und weniger riskant. Es ist die Waffe der fußballerisch Armen, und bei diesen scheinen sich inzwischen die meisten Bundesligisten einzuordnen. So schmiedete der 1. FC Köln beim 0:0 in Leverkusen eiserne Abwehrringe vor dem eigenen Tor, in denen es keine Mittelfeldspieler und Stürmer mehr gab, sondern nur aufopferungsvolle Kämpfer gegen den Ball. Die Hoffenheimer lobten nach ihrem Sieg in Berlin, dass sie endlich wieder gut verteidigt hätten.
Der Hamburger SV ließ beim 0:1 in München den FC Bayern gerne um den eigenen Strafraum spielen, ohne ihn zum Schuss kommen zu lassen. Und in Bochum trafen mit dem heimischen VfL und dem 1. FC Nürnberg beim 0:0 gleich zwei Mannschaften aufeinander, die überhaupt nichts mehr riskierten und Fußball von unendlicher Zähigkeit präsentierten. Die Protagonisten des Spiels lobten die Vorstellung einhellig als Rasenschach.
Abnutzungsschlacht im Revierderby
Ein ästhetisches Vergnügen ist es nicht, wenn sich Fußball unter den Bedingungen von Treibjagden zur Balleroberung und dauernder Verengung der Räume in einen mühsamen Infight mit ständig wechselndem Ballbesitz, Serien von Fehlpässen und kaum gelungenen Spielzügen verwandelt. Das Revierderby in Gelsenkirchen machte daraus eine Abnutzungsschlacht, an dessen Ende die Fans von Schalke 04 natürlich nicht nach der künstlerischen B-Note für die Darbietungen fragten. Zumal gerade ihre Mannschaft zeigt, mit wie wenig Fußball man ganz ernsthaft um die Meisterschaft mitspielen kann. Schalke steht kompakt wie ein Granitblock und vorne hilft entweder Kevin Kuranyi, irgendwelche langen Kerls nach Ecken und Freistößen oder ein Mann mit Eingebung. Gegen Dortmund war das Ivan Rakitic mit seinem Siegtreffer in den Winkel des Dortmunder Tors.
Gegen den Trend zur Defensive haben in der Bundesliga derzeit nur zwei Mannschaften keine Angst vor Ballbesitz und wollen stets und ständig ihr Spiel machen. Der FC Bayern spielte gegen den HSV zwar schwächer als zuletzt und entschied das Spitzenspiel letztlich durch die individuelle Klasse von Franck Ribéry, doch Trainer Louis van Gaal geht den Weg von Ballbesitz und Kreativität konsequent. Bayer Leverkusen vermochte zwar das rheinische Derby nicht zu gewinnen und verlor die Tabellenführung, ist mit seinem schönen Kombinationsfußball in der Bundesliga aber weiter das Maß der Dinge. Werder Bremen könnte die dritte Ausnahme sein, nimmt aber leider gerade eine Auszeit.
Wenn man den Rahmen noch größer zieht, findet man mit dem amtierenden Europameister Spanien und dem aktuellen Sieger der Champions League, dem FC Barcelona, zwei Mannschaften auf Spitzenniveau, die für erfolgreiche Offensive stehen. Man braucht den Bundesligatrainern, die lieber die Aktionen des Gegners zubetonieren unter dem allgegenwärtigen Erfolgsdruck keinen Vorwurf zu machen. Denn Mut zum Risiko wird selbst von den eigenen Fans selten beklatscht, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Doch ein Modell für höhere Ansprüche ist das nicht. Wer nicht nur irgendwie durchkommen, sondern Titel gewinnen will, muss mehr als die Verteidigung und das Kontern beherrschen.
Auf anderen Social Networks posten:
1. Der Begriff Rasenschach ist irreführend. Auch im Schachspiel gibt es Varianten, bei denen versucht wird, mittels fulminant offensiver Eröffnung (und high risk -Vernachlässigung der Defensive) den Sieg einzufahren. 2. Ein [...] mehr...
Es reicht ein Blick auf die europäischen Clubvergleiche: In der Championsligue finden wir normalerweise unter den letzten 8 drei oder vier englische Clubs, ein paar spanische, den einen oder anderen italienischen...und dann alle [...] mehr...
Der Artikel ist, wie smsag schon zeigte, bei den Haaren herbeigezogen. Besonders dreist finde ich den Vergleich mit Barcelona, die würden ja so toll offensiv stehen. Bei genauerer Betrachtung stehen die bei Ballverlust auch sofort [...] mehr...
1. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich der Erfolgsdruck vieler Mannschaften, sei es im Kampf um den Klassenerhalt oder um Plätze fürs internationale Geschäft, auf die Taktik und die Spielausrichtung auswirkt. Für den [...] mehr...
Wann gab’s denn den mal nicht? mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-Bundesliga | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH