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09.03.2010
 

Aufregung im britischen Boulevard

Haut "The Kraut"!

Englische Boulevard-Zeitung "Daily Star": Viel Lärm um eher wenigZur Großansicht
AFP

Englische Boulevard-Zeitung "Daily Star": Viel Lärm um eher wenig

Wenn sich englische Boulevard-Journalisten langweilen, greifen sie zu Deutschland-Klischees. Neuester Insel-Skandal vor der WM in Südafrika: Der DFB-Tross logiert im ersten Haus am Platze, die Engländer auf der Baustelle. Kein Grund zur Aufregung, findet "11 FREUNDE"-Autor Matthias Paskowsky.

Tom Savage schreibt für die englische Tageszeitung "Daily Star" und erlebte Ende Januar offenbar einen besonders einsamen und uninspirierten Augenblick. Über John Terrys Affäre mit der Freundin eines Teamkollegen war alles erzählt. Und auch Boxenluder Katie Price hatte sich schon lange nicht mehr öffentlich freigemacht.

In diesem finsteren Moment erinnerte sich Savage an die ewige Trumpfkarte des englischen Boulevards: Hitler musste ins Blatt. Oder Handtücher. Nicht irgendwelche natürlich, sondern jene textilen Platzkarten, mit denen die deutschen Hotelgäste bereits dann die besten Plätze am Pool blockieren, wenn Englands Pauschalurlauber noch fest schlummern. Savage probierte beides.

In Savage erwachten offenbar Watergate-Instinkte, als er erfuhr, dass der "Erzfeind" das beste Hotel Südafrikas gebucht hatte, und zwar angeblich lange bevor die deutsche Elf sich qualifizierte. Spätbucher England müsse sich dagegen mit einem Provinz-Resort in der Nähe einer heruntergekommenen Bergarbeiterstadt zufriedengeben, das zudem noch eine riesige Baustelle sei, empörte sich Savage.

Einen Tag später verwurstete er einen weiteren Metaboliten seiner Aufklärungsmission. Er "enthüllte", dass die deutschen Auswärtstrikots den schwarzen Uniformen glichen, in denen "die SS während des Kriegs Europa terrorisiert" habe. Laut Savage betrachteten Kritiker dies als Kriegserklärung. Einer dieser Kritiker war der 28-jährige Maurer Michael Hayes aus Südlondon, dem das schwarze Shirt angeblich auch schon unangenehm aufgefallen war.

Einen weiteren Tag später beschwerte sich Savage über die wütenden Reaktionen aus Deutschland: "Die Deutschen ziehen gegen den 'Daily Star' in den Krieg." Seine Schwarzshirt-Auslassungen vom Vortag wollte er nun als augenzwinkernde Neckerei verkaufen wollte. Dass sie das nicht waren, weiß jeder, der sie gelesen hat.

Holzhammer statt feinem britischen Humor

Was dem Mann jedoch zu Recht auffiel, war die Aufregung in Deutschland. Denn langsam sollten wir es gelernt haben. Ein Hitlerbild sorgt in der englischen Regenbogenpresse für mehr Auflage als Drillinge mit Körbchengröße Dora. "Kraut-Bashing" verkauft sich immer noch prima. Umso besser, wenn man irgendwie den Krieg in den Artikel geschummelt kriegt. Das ist alles andere als geschmackvoll und wir mögen es traurig finden. Ein Grund zur Aufregung ist das aber nicht.

Denn die Engländer wissen es besser. Die, die ich kenne, schlagen bei solchen Tiraden beschämt die Hände vors Gesicht. Und selbst wenn es tatsächlich um Humor geht, gelten auf der Insel bekanntermaßen Maßstäbe, die an diesem Ende der Nordsee mitunter Irritation verursachen. Als ich vor zehn Jahren ein Zimmer in Liverpool bezog, hatten mir meine Nachbarn einen Zettel mit einer Willkommensbotschaft an die Tür gehängt. "Arbeit macht frei", stand drauf. Das war kein Mobbing, das sollte ein Witz sein. Dass ich die Stelle zum Lachen nicht finden konnte, verstanden die Kommilitonen nicht.

Empörung über Savage und Co. ist allein schon deshalb nicht das richtige Mittel, weil Empörung Ernsthaftigkeit impliziert. Es wäre entweder sehr naiv oder vorsätzlich aggressiv, seine Texte ernst zu nehmen. Für den Leser mit deutschem Pass scheinen drei andere Strategien wesentlich besser geeignet. Die erste Wahl ist Schweigen. "Puff!", und der Unsinn ist vergessen. Die zweite Wahl sind anerkennende Leserbriefe. Tenor: "Endlich mal einer, der sich traut, die Wahrheit zu sagen!" Last - but not least - kommt noch das Stiften von Verwirrung als Mittel der Wahl in Frage. "Let the church in the village!", könnte eine kurze Aufforderung an Mr. Savage lauten, mit der dieser erst mal ein bisschen beschäftigt wäre.

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insgesamt 86 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.03.2010 von fat_cat: Teddy in corner

After reading the Spiegel article, then the forum answers a week later, I actually brought myself to read the really bad "derogative" article in the Star. I couldn't do anything but laugh that it caused such stir in [...] mehr...

15.03.2010 von unterländer:

Netter Versuch. Die angesprochenen Artikel waren weder witzig noch gingen sie als sarkastisch durch. Aber was weiß unsereins schon von Humor werter Troll, gell? mehr...

15.03.2010 von fat_cat: Ignorance

The fact that some here are getting upset about a Daily Star article shows their ignorance of the tabloid papers in the UK, I found both articles in the Star and Spiegel-online quite funny but there again, I am English. As far [...] mehr...

10.03.2010 von Zero Thrust: re

Sorry - ich bin nicht ganz im Bilde?! Von der versprochenen Illustration seh' ich hier jedenfalls wenig bis nichts, warum auch immer. Ist aber gar nicht so wichtig, weil die Rede hier doch mitnichten von bloßen Nazi-Artikeln [...] mehr...

10.03.2010 von thekraut: Haut der Engländer den Kraut...? - the sequel

Ahem, als Illustration meiner gewagten These: wie wärs mit der Zahl der Nazi-Artikel auf der ersten Seite unter http://search.bbc.co.uk/search?scope=all&tab=all&q=German? Freddie Frinton und 'Dinner for One' kennt [...] mehr...

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