Von Mike Glindmeier
Lukas Podolski wollte nett sein. Als der Nationalstürmer den Ball in der 39. Minute bei einem Angriffsversuch ins Seitenaus verstolperte, griff er sich das Spielgerät und hielt es seinem ehemaligen Bayern-Kollegen Martin Demichelis freundschaftlich hin. Doch der argentinische Verteidiger war gedanklich schneller und hatte sich von einem Ballholer bereits selbst versorgt.
Es war eine symbolische Szene in diesem Freundschaftsspiel, das die DFB-Elf am Ende 0:1 (0:1) verlor. Argentinien war bis zu diesem Zeitpunkt zwar nicht deutlich überlegen, aber dennoch meist einen Schritt schneller als die Deutschen. So wie in der 38. Minute, als Argentiniens Angel di Maria die bis dahin beste Möglichkeit hatte. Kurz vor dem Strafraum tanzte der Stürmer erst den Stuttgarter Innenverteidiger Serdar Tasci aus, anschließend stolperte der HSVer Jerôme Boateng, der von Löw als rechter Außenverteidiger aufs Feld geschickt wurde. Di Marias Schuss aus 15 Metern konnte René Adler noch mit den Fingerspitzen an die Latte lenken.
Kurze Zeit später war es dann der Leverkusener Torhüter, der gemeinsam mit dem zweiten deutschen Innenverteidiger Per Mertesacker die Führung der Gäste einleitete. Nach einem weiten Pass aus der eigenen Hälfte überlief Gonzalo Higuain zunächst Mertesacker und umkurvte dann Adler, der einen abenteuerlichen Ausflug aus seinem Strafraum unternommen hatte. Der Stürmer von Real Madrid hatte anschließend keine Mühe, den Ball aus 20 Metern zum 1:0 ins leere Tor zu schieben. "Ich war überzeugt, dass ich den Ball kriege. Dann war ich aber die berühmte Zehntelsekunde zu spät, das wird auf Weltklasseniveau bestraft", so Adler selbstkritisch.
Kein Interesse an T-Frage
Ausgerechnet Adler. Der 25-Jährige war erst am Montag von DFB-Torwarttrainer zur Nummer eins für die WM in Südafrika gekürt worden. "René wird gegen Argentinien spielen. Damit hat er auch für die WM die Nase vorn", hatte Köpke gesagt und Adler damit im Kampf um die Stammposition im deutschen Tor vor seine beiden Konkurrenten Manuel Neuer (FC Schalke 04) und Tim Wiese (Werder Bremen) an die Spitze gesetzt. Gleichzeitig hatte der Bundestorwarttrainer eine Hintertür offen gelassen: "René hat es selbst in der Hand, ob er bei der WM spielt", so Köpke.
Der Auserwählte hatte mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Selbstvertrauen reagiert. "Man weiß ja, was alles passieren kann", hatte Adler gesagt. Gleichzeitig war er aber fest davon überzeugt, dass er seinen Status bis zum Saisonende mit guten Leistungen für Leverkusen untermauern wird. "Da bin ich zuversichtlich und auch selbstbewusst, dass mir das gelingt. Diese Zuversicht erhielt gegen Argentinien einen gehörigen Dämpfer, seine Zurückhaltung könnte sich dagegen als kluger Schachzug erwiesen haben.
Denn eines ist klar: Nach den Streitigkeiten um die Vertragsverlängerung von Löw und seinem Team mit dem DFB sowie die schon seit Wochen anhaltende Diskussion über die Krise der Offensivkräfte Lukas Podolski und Miroslav Klose dürfte keiner im DFB-Stab großes Interesse haben, jetzt auch noch öffentlich die T-Frage zu stellen. "Dass René rausgelaufen ist, war eigentlich richtig", sagte dann auch Löw. Insofern darf Adler trotz seines Fehlers weiterhin vom Stammplatz bei der WM träumen.
Müller und Kroos mit schwachen Debüts
Genau um diese Plätze sollte es im letzten Spiel vor der Nominierung des vorläufigen Kaders für das Turnier in Südafrika in diesem Härtetest gegen eine Starauswahl wie Argentinien gehen. Die Erkenntnisse, die Löw gegen die Maradona-Elf sammeln konnte, waren allerdings mehr als überschaubar. "Natürlich gibt es noch die eine oder andere Baustelle, das ist aber bei der Nationalmannschaft immer so", sagte Löw.
Eine dieser Baustellen ist die nach wie vor die Abwehr. Mertesacker und Tasci harmonieren noch nicht überzeugend, die Außenverteidiger Philipp Lahm und Boateng schalten sich noch zu wenig in das Offensive ein. Auch aus dem deutschen Mittelfeld kommt derzeit noch zu wenig. Daran konnte auch Debütant Thomas Müller nichts ändern. Der Jungstar vom FC Bayern zeigte in seinem ersten Auftritt für die A-Nationalmannschaft zwar Einsatz, das war es dann aber auch schon.
Der Bremer Mesut Özil, der den Spielaufbau in der Zentrale ankurbeln sollte, präsentierte sich wie zuletzt auch bei seinem Verein Werder Bremen formschwach. Auch Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger und Podolski konnten keine entscheidenden Impulse setzen. Der zweite Neuling, Toni Kroos, der in der 67. Minute für Müller eingewechselt wurde, passte sich dem konzeptlosen Treiben im Mittelfeld an.
Neben Adler konnten einem daher besonders die deutschen Angreifer leid tun. Miroslav Klose hing in den ersten 45. Minuten völlig in der Luft und wurde nach der Pause durch seinen Clubkollegen Mario Gomez ersetzt, von dem mangels Unterstützung ebenfalls keine Gefahr ausging. Auch der in den vergangenen Wochen überragende Stuttgarter Cacau, der ebenfalls in der 67. Minute eingewechselt wurde, konnte die Niederlage der DFB-Elf am Ende nicht mehr verhindern.
Das Schlusswort von Maradona glich dann wieder einmal einer Kampfansage: "Dieses Spiel hatte Viertelfinal-Charakter. Ich bin sehr zufrieden mit der Leistung meiner Mannschaft. Sie hat so gespielt, wie man es von Argentinien gewohnt ist. Auch wenn es der argentinischen Presse nicht gefällt: Wir werden bei der WM eine gute Rolle spielen."
Deutschland - Argentinien 0:1 (0:1)
0:1 Higuain (45.)
Deutschland: Adler
- Boateng, Mertesacker,
Tasci, Lahm -
Schweinsteiger (ab 75. Khedira), Ballack - Müller (
ab 67. Kroos), Özil (ab
67. Cacau), Podolski -
Klose (ab 46. Gomez)
Argentinien: Romero -
Otamendi, Demichelis (
ab 57. Burdisso), Samuel,
Heinze (ab 47. Rodriguez) - Mascherano -
Gutierrez, Veron (ab 90.+2 Bolatti), di Maria - Messi, Higuain (ab 63. Tevez)
Schiedsrichter: Martin Atkinson (England)
Zuschauer (in München): 65.152
Gelbe Karten: Schweinsteiger, Lahm, Cacau - Demichelis,
Samuel, Messi
Auf anderen Social Networks posten:
Nur keine Aufregung. Konnte das Spiels wegen eines wichtigen Termins zwar nicht verfolgen, aber es ist und bleibt ein Testspiel (früher sagte man Freundschaftsspiel). Jeder im Team hat noch deutliches Potential nach oben - ich [...] mehr...
Deutschland hat meist eine Fußball-Mannschaft in Turniere geschickt die sich steigern konnte. Da findet auch diesmal der Härtetest erst statt. mehr...
Sobald ein vermeintlich oder tasaechlich grosser Gegner kommt, ist es vorbei mit der dt. Fussballherrlichkeit. mehr...
Ich bin der Meinung für unsere Mannschaft war die Niederlage in Hinblick auf die WM besser als ein Sieg durch ein Glückstor, welches wieder gewisse Schwächen überspielt hätte. Im wesentlichen hat man m. E. zwei nicht [...] mehr...
Andererseits musste Adler doch raus ?! Ok, er war zu spät, aber der Fehler wurde vorher schon gemacht, wie und Oliver Kahn gezeigt hat. Die gesamte Leistung der Deutschen waren eher mässig, aber war das nicht immer in der [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema DFB | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH