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16.03.2010
 

Braunschweiger Fußballfans

Einträchtig im Elend

Von Tim Jürgens

Braunschweiger Fans: Ungebrochene LeidenschaftZur Großansicht
Getty Images

Braunschweiger Fans: Ungebrochene Leidenschaft

Der größte Erfolg von Eintracht Braunschweig sind die Fans. Beharrlich folgen sie ihrem Club seit Jahrzehnten durch ein Tal sportlicher Misserfolge. Das Magazin "11FREUNDE" geht der Ursache dieser ungebrochenen Leidenschaft nach und skizziert das Phänomen Eintracht.

Legendenbildung gehört zum Fußball wie Ketchup auf die Pommes. Auch schmächtige Fußballer erscheinen durch ein spektakuläres Spiel, ein Tor im entscheidenden Augenblick aus der Fanperspektive plötzlich überlebensgroß. Und je weiter das Ereignis zurückliegt, desto bedeutender die Heldentat.

In Braunschweig sind die großen Zeiten schon ewig her. Das Denkmal, das sie in der Fankneipe Elvan dem Mittelfeldspieler Walter Schmidt gesetzt haben, einem der Veteranen aus der Meistermannschaft von 1967, ist von entsprechend erdrückender Dimension. Der "Walter Schmidt Teller" ist ein kulinarisches Werk, das in der Kategorie "Fleischberg" eine Sonderkategorie belegt. Nur eingefleischte Eintracht-Fans meistern diese anspruchsvolle Verzehr-Aufgabe restlos.

In gewisser Hinsicht ist die epische Größe, die sie hier dem Spieler Schmidt nach mehr als 40 Jahren zusprechen, typisch für den tief gefallenen Traditionsclub. Walter Schmidt ist längst ein freundlicher älterer Herr mit schlohweißem Haar. Außerhalb der Stadtgrenzen würde niemand auf die Idee kommen, ihn mit einer Kombination aus Schweinesteaks, Gyros und Leber inklusive reichlich Pommes Frites, Salat und Reis in Verbindung zu bringen. Im Elvan an der Ortsausgangsstraße Richtung Helmstedt ist das anders. Hier hat man auch Männern wie Danilo Popivoda, Bernd Franke und Uwe Hain üppige Tellerspeisen gewidmet. Sogar der lebenslustige Bernd Buchheister, der als Star der späten Achtziger den Sinkflug der Eintracht begleitete, hat als Schnitzel-Kombination Einzug in diese kulinarische Ruhmeshalle gehalten.

Unter dem blau-gelben Meer an den Wänden der Gaststätte versammeln sich allabendlich Menschen wie Ingo Hagedorn, Christel Neumann oder Norbert Prukop. Sie trinken Bier aus großen Gläsern und diskutieren das Eintracht-Universum. Sie sind Teil einer großen Gemeinschaft, deren Antriebsfeder der Club ist. Ein Verein, der es ihnen beileibe nicht leicht macht, ihn zu lieben. Seit 25 Jahren ist die Eintracht nicht mehr erstklassig. 15 Jahre davon verbrachte der Club in der dritten Liga. Doch die Leidenschaft ist ungebrochen.

"Wenn ich die Eintracht-Familie nicht hätte, würde ich eingehen"

Christel Neumann war schon im Stadion an der Hamburger Straße, als Eintracht in den Sechzigern Meister wurde. Doch darüber spricht sie wie über ein früheres Leben. Viel wichtiger als die großen Erfolge ist für die Südkurvenmutti der Zusammenhalt unter den Fans. Als sie nicht wusste, wie sie ihren Umzug regeln sollte, saß sie mit traurigem Gesicht im Elvan. Besucher fragten nach ihrem Befinden, sie erzählte von ihrem Problem, und am nächsten Morgen standen Jungs mit einem Lieferwagen vor der Tür und brachten das Mobiliar in die neue Wohnung. Wenn die Anhänger auf Auswärtsfahrt gehen, schmiert Neumann schon im Morgengrauen die Brötchen für unterwegs - oft sind es mehr als tausend. Und als sie im vergangenen Jahr ihr Auto zersägte, sammelten die Fans so viel Geld, dass sie ihr einen nagelneuen Golf im Stadion übergeben konnten. Christel Neumann weiß: "Wenn ich die Eintracht-Familie nicht hätte, würde ich eingehen."

Neben ihr sitzt Ingo Hagedorn, der eine Anekdote seines Fanlebens an die nächste reiht. Mit seinem größten Eintracht-Moment verbinden ihn allerdings bittersüße Gefühle: Als der Club 2002 nach neun Jahren Drittklassigkeit wieder aufstieg, saß Hagedorn in einem Auto auf dem Parkplatz der Shell-Tankstelle, einen Steinwurf von der Spielstätte entfernt. Ein Stadionverbot zwang ihn, das Match in der Radiokonferenz zu verfolgen. Als der eingewechselte Thomas Piorunek in der 90. Minute gegen Wattenscheid 09 traf und Hagedorn kurz darauf einem Kumpel um den Hals fallen wollte, traf ihn dieser so unglücklich, dass er sich zwei Schneidezähne ausschlug. Am Ende tänzelte Hagedorn entstellt, aber glücklich, durch die vom Geräusch ploppender Sektkorken durchhallten Stadionkatakomben.

Für viele Fans ist Eintracht zur Ersatzfamilie geworden. "Die Fangruppe gab mir die Kraft, die ich zu Hause nicht bekam", sagt Thilo Götz, der seit über 20 Jahren fast jedes Spiel besucht. Er hat selbst nie in Braunschweig gelebt, reist zu jedem Spiel aus dem Rheinland an. Seine Verrücktheit, sein Humor und seine integrative Kraft haben ihn zur Kultfigur werden lassen. Auf den Arm ließ er sich Bernd Franke tätowieren, obwohl der 38-Jährige den legendären Torhüter gar nicht mehr als Spieler erlebt hat.

Weltmeister im Verhältnis: Anzahl der Fans zu verlorenen Punkten

Natürlich gibt es wie in jeder pulsierenden Fanszene auch in Braunschweig Scharmützel zwischen Ultras, Meckerecke und VIP-Tribüne. Doch die Rivalitäten sind marginaler als anderswo. Philipp Lehmann hat als Gymnasiast mit ein paar Schulfreunden den Fanclub "Braunschweiger Jungs '95" gegründet. Heute ist er Rechtsanwalt, trägt Maßanzug und Krawatte. Einen wie ihn stellt man sich in einem mondänen Penthouse vor, doch er wohnt in einer Bude am Kopf der Rheingoldstraße, die an Spieltagen als Flaniermeile der Fans fungiert. Der Putz blättert von der Fassade, aber von seinem Fenster aus blickt er auf die Tankstelle, über deren Dächern sich die Flutlichtmasten des Stadions erheben. Vor jedem Heimspiel treffen sich hier die alten Kumpels auf ein "Wolters"-Pilsner. Es ist kein Widerspruch, dass nur ein Stockwerk tiefer die "Ultras Braunschweig 01" ihre Zentrale unterhalten, die den eher militanten Flügel der Eintracht-Fanklientel darstellen und derzeit Stadionverbot haben. Man kennt sich, man grüßt sich, ansonsten geht jeder seiner Wege.

Musiker der Jazzkantine haben ein Musical über Eintracht geschrieben. In einer Ankündigung zur Premiere von "Unser Eintracht" im August 2008 hieß es: "Man kann keinem Nichtbraunschweiger erklären, was es bedeutet, blaugelb zu sein. Wir sind Weltmeister im Verhältnis Anzahl der Fans zu verlorenen Punkten."

Die Magie des Clubs liegt in seiner Fehlerhaftigkeit. Die Fans sind einträchtig im Elend, und sie haben sich mit diesem Schicksal abgefunden. Seit mehr als zehn Jahren liegt der Zuschauerschnitt über 10.000, in guten Spielzeiten sogar bei über 18.000 Besuchern. So eine Statistik können sonst nur bessere Zweitligisten vorweisen. Eintracht bestimmt das öffentliche Leben, es gibt kaum einen Mittelständler aus der Region, der sich nicht im Sponsoren-Pool "Eintracht 100" engagiert. Und Sportredakteur Thomas Fröhlich von der "Braunschweiger Zeitung" sagt: "Wenn die Eintracht erfolgreich ist, steigt bei uns der Einzelverkauf." Doch erfolgreich war Braunschweig in den vergangenen Jahrzehnten selten.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie Paul Breitner mit seinen Starallüren in Braunschweig aneckte, der Wiederaufstieg für Ausnahmezustand sorgte und Trainer Benno Möhlmann das sinkende Schiff verließ.

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26.10.2011 von krafts:

Bevor dieser Thread hier zu eurem Privatchat mutiert, gebe ich auch meinen Senf dazu: Eigentlich finde ich es schon schade, wenn einer von den 2 Clubs SC Freiburg oder 1. FC Nürnberg absteigt. Aber im Zweifelsfall bin ich [...] mehr...

26.10.2011 von ray4901: FJS und der Glubb

Danke! Der Franz Josef hat in seine Zeit gepasst, der war so wichtig wie 1968. Und dem Glubb wünsche ich ernsthaft auch nichts Übles. Du siehst, Freundschaft ist auch mir etwas wert! Und wenn jeweils nichts mehr geht, ziehen [...] mehr...

25.10.2011 von sitiwati: ich drück

Dir und Freiburg die Daumen, auch wenn Du Dich über FJS negativ geäussert hats, Du Schlimmer ! mehr...

25.10.2011 von ray4901: Rechtzeitig Wiederaufstieg planen

Natürlich bin ich in Sorge, ist ja auch kein Wunder. Aber Du kannst gewiss sein. Wenn wir die 2. Liga schon vor Silvester planen müssen: wir tun' s dann gleich richtig. Schon oft erfolgreich geübt, gell! mehr...

25.10.2011 von ray4901: Eigenständig

Klardoch, ich bin in Sorge! Kein Wunder! Oft wird bei uns die 2. Liga schon im alten Jahr geplant. Dann aber gleich richtig, haben wir schon oft mit Erfolg geübt. Deine Sorgen sind bloss "gestohlene" Punkte. Dabei [...] mehr...

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Nr. 100 - März 2010

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