Aus Florenz berichtet Oliver Birkner
Ein eisiger Wind pfeift seit Sonntag durch die Gassen von Florenz, und am Dienstagmittag setzte gar leichter Schneefall ein. Ein Vorteil für die Bayern, fürchten die Florentiner, denn die sind das schließlich gewohnt. Für die Hauptstadt der Toskana mutet eine derartige Fröstelei Anfang März indes sonderlich an, und am Ende passt es irgendwie zu diesem besonderen Tag.
Fast auf den Tag genau 40 Jahre ist es her, dass die Fiorentina zuletzt in der K.o.-Runde des Landesmeister-Wettbewerbs stand, deshalb offerierten die lokalen Gazetten ihren Lesern vor dem Achtelfinal-Rückspiel gegen die Bayern heute (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) seitenlange Extrabeilagen, die mit "Nacht der Sterne" oder "Lasst uns Geschichte schreiben!" reichlich Pathos bemühten.
Bayern-Trainer Louis van Gaal hingegen trat wie gewohnt souverän unterkühlt auf. Schließlich bedeutete ein Weiterkommen für die Münchner weniger Historisches als selbsterklärte Pflicht. Nach der Ankunft am Montagnachmittag im Grand Hotel, von dem man über den Arno und die pittoreske Ponte Vecchio blickt, erkundigte sich der Niederländer erst einmal nach dem Mittagsmenü, bevor er konstatierte: "Die Ausgangslage spricht nach dem 2:1-Sieg im Hinspiel für uns. Für die Fiorentina wird es immens schwer, denn wir schießen in der Regel immer ein Tor." Überhaupt verlor Trainer van Gaal abgesehen von der Niederlage gegen Juventus Turin im Champions-League-Finale 1996 nach Elfmeterschießen noch nie gegen ein italienisches Team und kokettierte mit der Hoffnung, "der Fluch der Italiener zu bleiben".
Ribéry und Robben einsatzbereit
So blieb er auch angesichts der Defensivsorgen ob der Ausfälle von Martin Demichelis und Diego Contento zuversichtlich und kommentierte den möglichen Einsatz des 17-jährigen David Alaba in der Abwehr als problemlos: "Ich habe schon sechs Spieler aus der Jugend zu den Profis geholt, ohne Vertrauen hätte ich das nicht getan. Außerdem ist für die Jungen nicht das zweite oder dritte, sondern das zehnte Spiel das schwierigste."
Bequem scheint auch der Münchner Weg unter die besten Acht Europas. Die angeschlagene Fiorentina beendete die letzten 17 Partien in Folge stets mit mindestens einem Gegentor, in der Liga liest sich die Bilanz von einem Sieg und sechs Niederlagen aus den letzten neun Auftritten erschreckend. Von neun Duellen gegen deutsche Mannschaften hat Florenz keines gewonnen - es gab drei Remis und sechs Niederlagen. Für Anstrengungen im Marathon Serie A, Pokal und Champions League ist der Kader eindeutig zu schwach besetzt. Außerdem agierte die Vereinsführung fahrlässig, für den wegen Dopings suspendierten Adrian Mutu im Januar keinen gestandenen Ersatz zu verpflichten.
Wunde, die als "Diebstahl von München" zum geflügelten Wort wuchs
Allzu sehr vertraute Florenz zuletzt auf Investitionen in die Zukunft und vergaß die Gegenwart. In der löblichen Politik des Projekts Jugend, einer Gehaltsobergrenze von 1,9 Millionen Euro und sauberer Bilanzen, mit dem man Beachtliches erreichte, fehlt es dem Club letztlich jedoch an nötiger Substanz, wenn man sich mit den Kolossen des Fußballs misst. So bewertete Trainer Cesare Prandelli die Partie in demütigem Realismus: "Wir sind ohne pompöse Ambitionen in der Champions League gestartet. Niemand hätte damit gerechnet, Chancen aufs Viertelfinale zu besitzen. Unsere Waffen bleiben wie in der Gruppenphase also Enthusiasmus und die pure Freude, dabei zu sein."
Höflich hofieren will man die Bayern natürlich nicht in die nächste Runde und sucht eine zusätzliche Motivation aus dem deutlichen Abseitstreffer des Hinspiels. In der Stadt ist das Sieg-Tor von Miroslav Klose zum 2:1 weiterhin eine offene Wunde, die als "Diebstahl von München" zum geflügelten Wort wuchs. Schon am Tag nach dem Hinspiel riefen die Tifosi dazu auf, die Telefonleitungen und das E-Mail-Postfach der Uefa per Protestaktionen lahmzulegen, im Internetnetzwerk "Facebook" formierten sich flugs zahllose Anti-Övrebö-Gruppen, dem verantwortlichen Schiedsrichter, und selbst eine populäre Wahrsagerin der Stadt ereiferte sich: "Diese Abseitsstellung hätte man sogar vom Mond sehen müssen."
"Den Bayern die Hölle bereiten"
Die Vereinigung der Fan-Gruppen verfasste deshalb einen offenen Brief an den heutigen Schiedsrichter Undiano Mallenco und mahnte den Spanier: "Nach der Schandtat Ihres Kollegen Övrebö stehen Sie in der Pflicht, eine perfekte Spielleitung zu demonstrieren. Die Augen von 40.000 Fans werden auf Sie und Ihre Entscheidungen gerichtet sein. Sollten auch Sie Unterwürfigkeit gegenüber den Großclubs beweisen, werden wir mit einer Panolada demonstrieren, die Sie ja aus Ihrer Heimat kennen dürften." Gemeint ist das Wehen weißer Taschentücher. Angeheizt wurden die Fans durch AC-Stürmer Alberto Gilardino: "Von den Fans fordere ich, dass sie den Bayern die Hölle bereiten."
Im Hause der Fiorentina spielte man den Vorfall hingegen herunter: "Natürlich war die Episode ärgerlich, sie darf aber nicht als Alibi gelten", sagte Prandelli. "Selbstmitleid ist eine schlechte Medizin, mit der wir gegen die Bayern fraglos ohne Chance sein würden." Es wäre dennoch wünschenswert, wenn es dieses Mal selbst vom Mond keine Einwände gegen den Schiri gäbe.
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