Aus Florenz berichtet Oliver Birkner
Bastian Schweinsteiger war es ein Bedürfnis, zwei Wünsche zu äußern. Kaum waren die Bayern an diesem Dienstagabend in Florenz mit Ach und Krach ins Viertelfinale der Champions League eingezogen, da begab sich der Spieler in Gedanken einige Wochen nach vorn. Erstens: Im Viertelfinale solle für seinen Verein jetzt möglichst erst das Auswärts- und dann das Heimspiel stehen. Und zweitens: "Wenn es geht, wäre erneutes Losglück auch nicht schlecht."
Erneutes Losglück?
Kaum zu glauben, dass Schweinsteiger den AC Florenz, den Gegner aus dem Achtelfinale, nach diesem Abend noch als simples Los bezeichnet. Der FC Bayern ist schließlich mit der 2:3-Niederlage, der ersten nach 18 Pflichtspielen, nur knapp nicht aus dem europäischen Spitzenturnier ausgeschieden.
"Diebe, Diebe", skandierten die rund 43.000 aufgeheizten Fiorentina-Fans, als die Bayern-Spieler ihr schlappes Ergebnis zu feiern begannen. Außerdem diffamierten sie lautstark Uefa-Präsident Michel Platini - in Erinnerung an Miroslav Kloses Abseitstor aus dem Hinspiel, das nun letztlich die Bayern ins Viertelfinale bringt. "Ich kann den Unmut verstehen", sagte Bayern-Coach Louis van Gaal. "Es ist bitter, durch so einen Treffer auszuscheiden."
Trotzdem - nimmt man die insgesamt 180 Minuten der beiden Achtelfinal-Partien Bayern-Florenz zusammen, dann haben die Münchner sich mit Cleverness, Routine und fraglos höherer Qualität der einzelnen Spieler durchgesetzt. Zum Beispiel in Florenz in der 65. Minute: Da schwebte Arjen Robben an vier Gegnern vorbei und traf aus fast 30 Metern zum 2:3 in den Winkel. "Schon als der Ball den Fuß verließ, wusste ich, dass er reingehen wird", sagte der Niederländer danach stolz.
"Die Bedingungen waren katastrophal"
Das enorme Selbstvertrauen in die eigenen Möglichkeiten war der Trumpf der Bayern. In wichtigen Phasen verstanden sie es, dem Gegner blitzartig zuzusetzen. Der starke Mark van Bommel verkürzte nur sechs Minuten nach Stevan Jovetics 0:2 (54.). Robben benötigte nicht mal 60 Sekunden, um auf das 3:1 der Fiorentina (erneut Jovetic, 64.) zu antworten. "Ob das Ding ohne den Wind reingegangen wäre, weiß ich nicht", sagte später Schweinsteiger. "Bei so einem Wind habe ich überhaupt noch nie gespielt, das war fast Wettbewerbsverzerrung."
"Der Wind" - gemeint sind Orkanböen, die in Florenz immer wieder zu bizarren, dramatischen Szenen im Spiel führten. Da blieben weitgeschlagene Bälle in der Luft stehen oder nahmen mit Rückenwind geradezu unnatürlich an Fahrt auf.
Daniel van Buyten sprach davon, man habe mit zwei Gegnern zu kämpfen gehabt: Florenz und dem Wind. Wobei es etwas einfach wäre, allein die Böen für die indiskutable Leistung des Münchner Abwehrspielers verantwortlich zu machen.
Torwart Hans-Jörg Butt, der einen Fernschuss schwach pariert und so Juan Vargas das 0:1 in der 28. Minute ermöglicht hatte, klagte ebenfalls über den Wind. "Beim ersten Gegentor habe ich schlecht ausgesehen - doch die Bedingungen waren katastrophal. Solche Tore passieren unter normalen Umständen nicht."
Wind hin oder her - was bleibt? Erstens ein guter Eindruck von David Alaba zum Beispiel. In der insgesamt schwachen Defensive der Bayern war bloß auf den 17-jährigen Champions-League-Debütanten Verlass. Der österreichische Außenverteidiger erledigte seinen Part tadellos und ohne Nervosität.
"Ich bin momentan sehr zufrieden in München"
Zweitens steigert der Einzug ins Viertelfinale die Chancen der Bayern, Franck Ribéry über den Sommer 2011 hinaus halten zu können. "Ich bin momentan sehr zufrieden in München - wir haben eine tolle Mannschaft und können noch drei Wettbewerbe gewinnen", sagte der 26-Jährige am Dienstagabend. "Ende März, Anfang April" will er über seine Zukunft entscheiden. Rund um das Viertelfinale also. Damit Ribéry bleibt, brauchen die Bayern weitere internationale Erfolge - um eine Forderung ihres zuweilen genialen Mittelfeldspielers zu erfüllen: sportlich exzellente Perspektiven. (Dass Ribéry in Florenz bis auf die Vorlage zum 1:2 vieles schuldig blieb, ist da vermutlich nur eine Randnotiz.)
Was die exzellenten Perspektiven angeht, sieht es bei den Münchnern jetzt so aus: Sie haben in dieser Saison in der Champions League bereits rund 30 Millionen Euro kassiert. Für das Erreichen des Viertelfinales gibt es noch einmal 3,3 Millionen Prämiengeld - plus Erlöse aus dem Marketingpool der Uefa und Ticketverkäufen. Und die Uefa will im Rahmen eines "finanziellen Fairplay" durchsetzen, dass überschuldete Clubs nicht mehr an der Champions League teilnehmen dürfen. Dann dürfte ein finanziell solider Verein wie der FC Bayern für Top-Stars noch interessanter werden.
Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge freut's. Für ihn hat Ribérys Vertragsverlängerung "oberste Priorität". Auch Kapitän van Bommel wirbt um seinen erfolgshungrigen Mitspieler: "Wir haben das Zeug, die Champions League zu gewinnen", sagte er nach dem überstandenen Sturm von Florenz.
Nun muss sich nur noch Ribéry überzeugen lassen.
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