Von Marco Plein
Lorenz-Günther Köstner ist für gewöhnlich kein Mann der großen Worte. Das würde auch nicht so richtig passen, denn riesige Erfolge gelangen ihm als Trainer noch nie, und auch die Spielweise, mit der seine Mannschaften für gewöhnlich antreten, ist nicht gerade attraktiv. Nun aber stehen hinter dem 58-Jährigen, der seit rund sieben Wochen als Zwischenlösung den Meister VfL Wolfsburg betreut, vier Siege in Folge, und im Überschwang der Glücksgefühle hat er etwas gesagt, was für den Club womöglich nicht von Vorteil war.
"Edin Dzeko ist der kommende Weltfußballer."
Auch wenn der VfL Wolfsburg noch immer aktueller Deutscher Meister ist und der junge Bosnier seine Tore für eben jenen Club schießt, Weltfußballer und Wolfsburg, das passt nicht zusammen. Weltfußballer spielen in Madrid, Manchester oder Mailand. Und da Köstner mit seiner Einschätzung, Dzeko könne mal einer der ganz Großen werden, durchaus richtig liegt, hat er ihn womöglich darin bekräftigt, den Werksclub schon bald zu verlassen. Interesse an ihm gibt es jedenfalls genug. In Manchester (City), Mailand (AC) und, nein, nicht in Madrid, sondern in London (Arsenal) sind die herausragende Rundum-Qualitäten Dzekos längst kein Geheimnis mehr.
Ist ein Club bereit, die vertraglich festgeschriebenen 40 Millionen Euro für den sonst bis 2013 gebundenen Stürmer auszugeben, kann er in eine der großen Fußballstädte des Kontinents wechseln. "Es liegt nicht in unserer Macht. Wenn ein Verein diese Summe zahlen kann und das mit einer Bankbürgschaft hinterlegt, wird er kommende Saison nicht mehr in Wolfsburg spielen", erklärte VfL-Manager Dieter Hoeneß. "Konkret hat sich noch keiner an uns gewendet. Es gibt in Europa aber nur eine Handvoll Clubs, die sich Edin leisten können."
Je länger der VfL europäisch spielt, umso eher bleibt Dzeko
Trotzdem - eines scheint schon jetzt klar: Die Chancen, Dzeko zu halten, würden drastisch sinken, sollte Wolfsburg kommende Saison nicht mal in der Europa League antreten. Also geht es für den Club am Donnerstag (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), wenn er zum Achtelfinal-Hinspiel beim russischen Meister Rubin Kasan antritt, auch schon ein bisschen um die kommende Saison. Heißt: Je länger der VfL im europäischen Geschäft bleibt und sich dazu auch noch in der Bundesliga kleine Hoffnungen auf Platz fünf machen darf, desto größer sind die Chancen, dass Dzeko, den Manager Hoeneß unlängst zu den "Top-fünf-Stürmern Europas" mit "Prädikat Weltklasse" zählte, eine weitere Saison bleibt.
Im Grunde lässt sich die Situation mit der des Franzosen Franck Ribéry beim FC Bayern vergleichen - auch dort war ja vor der Partie in Florenz über die Zukunft des Dribblers spekuliert worden. Ein Ribéry will nicht bei einem Club spielen, der international hinterherhinkt, und ein Dzeko will nicht bei einem Club spielen, der international noch nicht mal präsent ist.
Für Wolfsburg ist die Lage nicht einfach. Auf der einen Seite würde der Verein bei einem Wechsel des begehrten Angreifers große Kasse machen und könnte dieses Geld in einer Zeit, in der sich viele Proficlubs aufgrund der Finanzkrise keine hohen Ablösesummen für neue Spieler leisten können, in zwei, drei erstklassige Fußballer reinvestieren. Auf der anderen Seite würde man sich liebend gerne noch eine weitere Saison an Dzekos Können erfreuen - "es wäre ein riesiges Zeichen für den VfL, wenn er noch ein Jahr hier spielen würde", sagt Köstner. Auch wenn der 23-Jährige spätestens 2011 nicht mehr zu halten sein dürfte und der Verein die Neubesetzung im Sturm also nur herauszögern würde.
Geht Dzeko, muss Wolfsburg den ganzen Angriff aufrüsten
"Er ist die wesentliche Frage in unserer Personalplanung", sagte Hoeneß der "Wolfsburger Allgemeinen". "Wenn Edin geht, können wir ihn nicht eins zu eins ersetzen. Dann müssen wir die gesamte Offensive aufrüsten."
Der Bosnier selbst hält sich bedeckt, natürlich, das ist branchenüblich. Allerdings hat er schon verdeutlicht, kein Interesse an einer hinausgezögerten Entscheidung zu haben. "Es ist immer besser, wenn man so schnell wie möglich Bescheid weiß", sagte er dem "kicker" - auch wenn er sich laut Vertrag erst bis zum 31. Mai entscheiden muss. Dass er sich in Wolfsburg, wo er in 85 Bundesliga-Spielen beeindruckende 46 Tore erzielte und in der laufenden Champions-League-Runde mit vier Toren in sechs Spielen glänzte, wohlfühlt, ist kein großes Geheimnis. Allerdings auch so wohl, um europäischen Fußball ein Jahr lang nur im Fernsehen zu schauen?
"Ich werde nie traurig sein, wenn ich in Wolfsburg bin", sagte er. Vielsagend, nichtssagend. Immerhin: "Es gibt kein Ultimatum", stellt Hoeneß klar. "Edin hat bei uns ein tolles Umfeld. Daher habe ich die Hoffnung, dass er nicht jedes Angebot annehmen wird."
mit Material der dpa
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