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13.03.2010
 

Niedergang des Hauptstadtclubs

Hertha hoffnungslos

Von Philipp Köster

Randale in Berlin: Hertha-Fans machen Krawall
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AP

Turbulente Szenen in der Hauptstadt: Dutzende Randalierer stürmten nach der Niederlage gegen Nürnberg den Innenraum des Berliner Olympiastadions. Doch damit nicht genug. Aus sportlicher Sicht ist die Saison für Hertha BSC schon fast zu Ende - der Club wird absteigen.

Es waren hässliche Szenen, die sich im Berliner Olympiastadion unmittelbar nach dem Schlusspfiff abspielten: Kaum stand die bittere Heimpleite gegen den 1. FC Nürnberg fest, entlud sich der Frust einiger Hertha-Anhänger in Gewalt. Rund hundert Randalierer stürmten in den Innenraum des Olympiastadions, schlugen mit Stangen auf Werbebanden und Trainerbänke ein - die Spieler mussten vor ihren eigenen Fans in die Umkleidekabine flüchten.

Vier leicht verletzte Polizisten, 30 Festnahmen - so lautete die Spieltagsbilanz der Berliner Polizei. Und für Hertha BSC entstehen daraus zusätzliche Probleme: Neben den schwachen Leistungen der Fußballer ramponieren nun auch noch inakzeptable Gewaltausbrüche eines Teils der Anhängerschaft das Image des Hauptstadtclubs.

Aus sportlicher Sicht ist die Saison für das Schlusslicht gelaufen. Dafür bedarf es nur eines kurzen Blickes auf die Tabelle. Seit Samstag, 17.20 Uhr, ist Hertha in die zweite Liga abgestiegen. Wer etwas anderes behauptet, ignoriert alle fußballerischen Erfahrungswerte und die Tatsache, dass die Berliner in den letzten acht Spielen vorwiegend gegen die Spitzenmannschaften der Liga antreten müssen.

Es wird in den nächsten Tagen verstärkt nach den Schuldigen für die rasante Talfahrt eines Vereins gefragt werden, der sich vor Jahresfrist anschickte, endlich das ewige Versprechen eines Hauptstadtclubs einzulösen und mit dynamischem Fußball sogar zugezogene Schwaben und Pfälzer ins Olympiastadion lockte. Natürlich wird der ehemalige Trainer Lucien Favre genannt werden, der zwar zunächst eine vermeintlich neue, hoffnungsvolle Hertha formte, dann aber nahezu teilnahmslos zusah, wie sich die Garanten des Aufschwungs einer nach dem anderen verabschiedeten - sei es Torjäger Andrej Woronin oder Abwehrchef Josip Simunic.

Hektische Nachverpflichtungen

Auch Neumanager Michael Preetz ist dafür zu kritisieren, dass er das Ausbluten der Mannschaft nicht verhinderte und sich ans Prinzip Hoffnung klammerte, das Team werde die Abgänge schon aus eigener Kraft kompensieren. Die Fehler des Managers in der Saisonvorbereitung wurden spätestens im Herbst offensichtlich, als plötzlich doch Geld da war, um hektisch ein paar Spieler nachzuverpflichten. Dass diese der Mannschaft nur sehr bedingt weiterhalfen, verstärkte den Eindruck einer kapitalen Fehleinschätzung noch.

Und schließlich Friedhelm Funkel, der Trainer, dessen sportliche Bilanz keinen Deut besser ist als die des so gescholtenen Favre. Er hat zwar eine im Herbst 2009 völlig verunsicherte Mannschaft spielerisch und taktisch notdürftig aufgerichtet, ihr aber nicht jenen Überlebenswillen einhauchen können, der unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Aufholjagd gewesen wäre. Ganz im Gegenteil sorgte seine auf Absicherung und solide Defensivarbeit setzende Taktik und die daraus resultierende unattraktive Spielanlage dafür, dass sich in der hoffnungsvoll begonnenen Rückserie auch der Optimismus der Anhänger schnell verflüchtigte.

Hinzu kam, dass auch die Nachverpflichtungen der Winterpause der Mannschaft nicht weiterhalfen. Insbesondere der als Torjäger und mit großen Hoffnungen geholte Theofanis Gekas blieb ein sichtbarer Fremdkörper in einer Mannschaft, in der schon ohnehin nicht viel zusammenpasste.

Das Glück des frühen Abgangs

Einer, der eine Mitschuld an dem Niedergang der Hertha trägt, wurde in den vergangenen Wochen allerdings nur selten genannt. Er hatte das Glück des frühen Abgangs. Als er rausgeschmissen wurde, sah es für die Hertha sportlich noch ganz passabel aus. Und er selbst ist klug genug, derzeit alle diesbezüglichen Fragen abschlägig zu bescheiden. Dabei ist der Abstieg der Hertha vor allem der Abstieg des Dieter Hoeneß. Vieles von dem, was heute die Misere der Hertha ausmacht, hat der lange Jahre allmächtige Manager verursacht.

Dass der Club im Sommer nahezu keinen Spielraum auf dem Transfermarkt hatte, ist das Ergebnis der langen und unverantwortlichen Schuldenpolitik des Vereins. Und dass Hertha seit den neunziger Jahren die enormen Chancen für einen Fußballclub in einer prosperierenden Weltstadt mit großem Umland nicht genutzt hat, wird ebenfalls mit Dieter Hoeneß verbunden bleiben. Zahllose verpuffte Marketingkampagnen, dazu die unerschütterliche und dabei völlig absurde Vorstellung, Fußball müsse in Berlin als Event inszeniert werden. Das Gegenteil ist der Fall.


Und nun, wie weiter mit Hertha? Die Saison sollte mit Friedhelm Funkel zu Ende gespielt werden. Ihn hinauszuwerfen und womöglich als Schnellschuss einen Feuerwehrmann der Preisklasse Jürgen Röber zu verpflichten, würde nur die unselige Personalpolitik dieser Spielzeit fortsetzen. Für einen Neuanfang braucht es jedoch einen Coach, der ein stimmiges Konzept für den Neuaufbau präsentiert, der aber vor allem Aufbruchstimmung vermitteln kann. Das wird bitter nötig sein, ohne die Perspektive eines sofortigen Wiederaufstiegs werden Zweitligapartien gegen Paderborn oder Oberhausen im riesigen Olympiastadion eine schon allein ästhetisch höchst unerfreuliche Angelegenheit.

Zugleich muss sich die Hertha auch fragen, was sie eigentlich sein will: ein profilloser von Marketingstrategen heruntergerockter Plastikclub oder das, was die Engländer einen "people's club" nennen? Ein Verein, mit dem die Berliner feiern und leiden. Nur wenn die Hertha diese Frage für sich richtig beantwortet, war die Niederlage gegen Nürnberg für irgendetwas gut.

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insgesamt 68 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
16.03.2010 von het: .

Geringfuegig danebengetippt, Herr Hovac, denn Berlins Wirtschaftskraft liegt gleichauf mit der der Hansestadt Hamburg. mehr...

16.03.2010 von het: .

Aus basler Sicht erscheint Berlin verstaendlicherweise als ein Superdorf. Insoweit also alles klaro. Nur die Zahlen...die koennten ein Update vertragen. mehr...

15.03.2010 von Golem22: Herthas "Aufholjäger": Realitätsverlust und andere Phänomene ...

In gewisser Weise typisch für Berlin und auch seine Fussballkultur: die Wirklichkeit will niemand sehen, und wenn es dann doch unübersehbar wird, ist auf einmal alles nur noch Scheiße. Jeder der Augen hat zu sehen wusste, dass [...] mehr...

15.03.2010 von Golem22: Herthas "Aufholjäger": Realitätsverlust und andere Phänomene ...

In gewisser Weise typisch für Berlin und auch seine Fussballkultur: die Wirklichkeit will niemand sehen, und wenn es dann doch unübersehbar wird, ist auf einmal alles nur noch Scheiße. Jeder der Augen hat zu sehen wusste, dass [...] mehr...

15.03.2010 von Usambaras: ...

Gut, dann liegen wir in unserer jeweils gegenseitigen Einschätzung halt beide falsch. ;-) Es gibt an meiner Heimatstadt zahlreiche Dinge und auch Vereine, die ich ganz fantastisch und keineswegs mies finde. Hertha und Union [...] mehr...

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