Von Jan Reschke
Die Szenen ähneln sich. Es ist der 24. Spieltag in der ersten türkischen Liga, in der Partie zwischen Diyarbakirspor und Bursaspor fliegen laufend Gegenstände auf das Spielfeld. Polizisten müssen Spieler, die eine Ecke oder einen Einwurf ausführen wollen, mit Schilden beschützen. In der 17. Minute stürmt ein tobender Mob das Spielfeld auf der Jagd nach Spielern und Offiziellen. Die Partie muss abgebrochen werden. Bilanz: Zehn Verletzte, darunter auch ein Schiedsrichterassistent, der von einem Stein am Kopf getroffen wurde.
Auch am 25. Spieltag, eine Woche später, Diyarbakirspor spielt auswärts gegen Belediyespor, kommt es zum Gewaltausbruch. Als Belediyespor in der 87. Minute das Führungstor erzielt, stürmen etwa 60 aufgebrachte Diyarbakirspor-Anhänger erneut das Spielfeld, wieder wird die Partie nicht zu Ende gespielt.
Da sieht der Vorfall in Berlin vom Wochenende, als Hertha-Anhänger nach dem Spiel gegen Nürnberg im Stadioninnenraum zahlreiche Gegenstände zertrümmert hatten, im Vergleich sogar noch harmlos aus.
Auch in Europa gab es bereits Todesfälle. Im Oktober vergangenen Jahres wurde in Bosnien vor dem geplanten Erstligaspiel zwischen Siroki Brijeg und dem FC Sarajevo ein FC-Anhänger erschossen. Mehrere hundert Gästefans hatten zuvor Steine in Geschäfte und Bars geworfen und zahlreiche Fahrzeuge demoliert.
Nur eine Woche zuvor war ein Anhänger des FC Toulouse so heftig mit Eisenstangen attackiert worden, dass er schließlich seinen Verletzungen erlag. 30 serbische Hooligans hatten eine Gaststätte gestürmt, in der sich einige Franzosen auf die Europa-League-Begegnung mit Partizan Belgrad eingestimmt hatten. Insgesamt 200 Partizan-Fans hatten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert.
Bei Auseinandersetzungen im englischen Derby zwischen West Ham United und dem FC Millwall wurde im vergangenen Sommer ein 44-jähriger Mann niedergestochen, er hatte Glück und überlebte die Attacke. Schon während des Spiels und nach dem Schlusspfiff waren Fans auf das Spielfeld im Stadion Upton Park gestümt.
Die Liste könnte fortgesetzt werden.
Allen Vorfällen war gemein, dass harte Sanktionen durch die jeweiligen Fußballverbände folgten. Beispielsweise verhängte der Kontroll- und Disziplinarausschuss der Uefa drastische Strafen, nachdem es im Zuge der Europapokal-Partie zwischen dem rumänischen Club Timisoara und Dinamo Zagreb zu schweren Krawallen gekommen war. Zagreb musste zwei Heimspiele vor leeren Rängen austragen, zudem wurden dem Club drei Punkte in der Gruppenphase abgezogen. Damals sagte Dinamos Chef Damir Vrbanovic: "Wir sind schockiert. Nicht im Traum hätten wir gedacht, dass man uns drei Punkte abziehen würde."
Doch es wird künftig nicht bei Strafen bleiben. Auch Präventionsmaßnahmen werden verschärft. So dürfen Fans des 1. FC Nürnberg, seitdem sich beim Abbrennen von Pyrotechnik acht Personen in Bochum teils schwer verletzt hatten, Eintrittskarten für Auswärtsspiele nur noch personalisiert erwerben und nicht übertragen. Personen mit Stadionverbot dürfen sich bei Heimspielen dem Stadion in Nürnberg in einem Umkreis von etwa einem Kilometer nicht mehr nähern, außerdem gibt es Meldeauflagen. Zudem könnte es bei weiteren Vorkommnissen dazu kommen, dass Nürnberg auf den Verkauf von Tickets für Auswärtsspiele verzichtet.
In Italien gibt es schon länger personalisierte Tickets. Die müssen lange im Voraus im Internet oder einer Vorverkaufsstelle gekauft werden. Name, Adresse, Ausweis- und die Steuernummer müssen dabei angegeben werden - der AS Rom hat als Folge die überflüssigen Kassenhäuschen am eigenen Stadion abgebaut.
Bayer-Fans im Stadion De Grolsch Veste unerwünscht
Welche Szenarien Fans bei andauernden Krawallen zudem drohen könnten, verdeutlicht das Testspiel zwischen Bayer Leverkusen und Twente Enschede im Januar. Dort war den Bayer-Fans von der niederländischen Polizei zuvor mitgeteilt worden, dass sie im Stadion De Grolsch Veste unerwünscht seien. "Die Polizei möchte mit dieser Maßnahme verhindern, dass es Auseinandersetzungen ausgehend von niederländischen Fans geben könnte", erklärte Bayer-Kommunikationsdirektor Meinolf Sprink seinerzeit. In Kolumbien brachte der Abgeordnete Juan Carlos Granados einen Gesetzentwurf ein, demzufolge Hooligans mit Haftstrafen von bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft und sie vor der Justiz mit Terroristen gleichgestellt werden sollen.
So weit wird es in Deutschland nicht kommen - doch wenn es so weitergeht, werden irgendwann auch hier die Kassenhäuschen abgebaut.
Mit Material von sid und dpa
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Dass Fans durchaus verantwortungsbewusst damit umgehen können. Wenn man aber immer draufhaut mit noch härteren Strafen, wird jeder bockig. Sie werfen den Ultras also vor, die Fankultur für sich zu beanspruchen. Es heißt [...] mehr...
Robert,das ist sehr schön und vor allem sehr richtig gesagt. Weiss eigentlich jemand, wer die Fussballpyros erfunden hat. Und wo in der Welt der Scheiss eigentlich aktuell noch läuft? Saloniki, Piräus und auch Rom zählen [...] mehr...
Na, nicht so schüchtern. Da fehlt der logische Folgesatz: "Wer ohne Feuerwerk und Kettensäge ins Stadion geht, ist kein echter Fan." mehr...
Also Pryotechnick gehört meiner Meinung nach zur echten Fan-Kultur dazu. Solange der Anwender damit umzugehen weiss, ist nichts gegen eine Magnesiumfackel einzuwenden. Es gibt schlimmeres, das ist sicher kein Aufreger wert. mehr...
Und Abbrennen von unlöschbaren Magnesiumfackeln, bis 2500°C heiß, mitten in einer Menschenmenge, in einem Stadionblock ist natürlich sachgerechte Anwendung. Is klar. OK. Gegen handelsübliche Tischfeuerwerke hätte ich nichts [...] mehr...
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