Von Jan Reschke
Kevin Kuranyi hat einen Lauf. Das muss selbst eingefleischten Kritikern des Schalker Angreifers einleuchten. Mit zwei herrlichen Toren hatte er am Samstag im Alleingang Bayer Leverkusener besiegt und seinen Club an die Tabellenspitze geschossen. Lässig traf er zur Führung, als er einen halbhoch geschlagenen Ball von Benedikt Höwedes herunterfischte und ihn in die rechte Torecke schlenzte. Cool auch sein Kopfball nach Jefferson Farfáns Flanke zum 2:0.
Der Sieg beim Meisterschaftskonkurrenten hat einmal mehr gezeigt: Kuranyi ist in der Form seines Lebens. Mit seinem Verein ist er auf dem Weg zum Titel, führt zudem die Torschützenliste an. Doch eines fehlt ihm zu seinem Glück: Die Nominierung für die Nationalmannschaft.
"Im Leben trifft man Entscheidungen, die manchmal richtig, manchmal falsch sind", hatte Kuranyi vor wenigen Monaten dem "Kicker" gesagt. Er hatte die falsche getroffen, als er im Oktober 2008 während der Halbzeitpause des so wichtigen WM-Qualifikationsspiels gegen Russland das Dortmunder Stadion verließ.
Kuranyi war beleidigt, weil er von Bundestrainer Joachim Löw nicht für den Kader der Nationalmannschaft nominiert worden war. Und er besaß in diesem Moment noch nicht einmal die Größe, seine Entscheidung persönlich zu erklären. Stattdessen verhielt er sich wie ein kleines Kind und verschwand klammheimlich. Freunde mussten später seine Sachen aus dem Mannschaftshotel holen. Kuranyi im Oktober 2008: beleidigt, feige, auf dem Egotrip.
Schalke fremdelt mit dem Nutella-Boy
Auch im Verein lief es damals schlecht. Es war nicht seine passable Trefferquote, die ihn beschäftigte. Nein, er bekam nicht das, was einem Stürmer mit Torriecher normalerweise automatisch zufällt: Die Anerkennung der Fans. Der Großteil der Schalker Anhänger konnte sich nie so richtig mit dem Jüngelchen anfreunden, das 2005 aus Stuttgart in den Ruhrpott gewechselt war. Dem gegelten Spitzbartträger und Bravo-Charme. Schönspieler auf Schalke, das passte nicht. Bis zu seinem erzwungenen Rauswurf aus der Nationalmannschaft.
Doch bei diesem Spiel war es anders. Trotz äußerst schwacher Leistung hallten "Kuranyi, Kuranyi"-Sprechchöre durch die Hamburger Arena. Die Schalker Fans, die ihn immer wieder verhöhnt hatten, waren plötzlich auf seiner Seite.
Es war der Auslöser für eine langsame Anpassung des Verhältnisses in den folgenden Monaten. In einer Übergangsphase wurde Kuranyi still geduldet. Dann zaghaft gefeiert. Nun, nach 17 Treffern im Verlauf von 28 Spieltagen wird er bejubelt. Im Anschluss an den Erfolg gegen Leverkusen stimmte er sogar per Megafon Gesänge mit den mitgereisten Fans an. Der Zaun, auf dem er dabei stand, war das Einzige, was ihn noch von den Anhängern trennte.
Der Vorfall beim Länderspiel hat auch etwas in Kuranyis Persönlichkeit bewirkt. Der bis dahin unsichere Profi hat sein Verhalten reflektiert und Schlüsse gezogen. In kaum einem Interview fehlt seitdem der Verweis auf die eigenen Fehler, und die Demut, mit der er sich der Entscheidung von Löw unterwirft und diese akzeptiert. Entschuldigt hat er sich öffentlich wie privat bei Löw.
Härte als Harnisch für den gekränkten Bundestrainer
Für den letzten Schliff des Sportlers Kevin Kuranyi sorgte dann Schalke-Trainer Felix Magath: "Das harte Training hat vieles bei mir geändert. Ich bin ein Spieler, der so etwas braucht. Ich bin jetzt, mit 27 Jahren, in einem Alter, wo der Haarschnitt oder solche Dinge nebensächlich geworden sind", sagte Kuranyi der "FAZ".
Trotz der offensichtlichen Läuterung gibt sich Löw bislang stur. Solange er Bundestrainer sei, werde Kuranyi nicht zurückkehren, es gebe keinen Grund, von dieser Linie abzuweichen, sagte Löw. Immer wieder betont er, dass es kein Zurück geben kann.
Härte als Harnisch für den gekränkten Bundestrainer, dem es in die Karten spielte, dass Kuranyi in der Vergangenheit keine so starke Lobby hatte wie andere Nationalspieler. Beispielsweise Lukas Podolski: Der durfte Kapitän Michael Ballack sogar öffentlich ohrfeigen, ohne ernsthaft sanktioniert zu werden. Von seiner desolaten Saisonleistung einmal abgesehen.
Aus Leistungsgründen spricht nichts gegen den Schalker Stürmer
Kuranyi dagegen hat alles dafür getan, eine zweite Chance zu bekommen. Jetzt ist Löw am Zug. Der hat mit seiner Entscheidung, Kuranyi zu verbannen, einst Stärke demonstriert. Eine Stärke, die sich nun ins Gegenteil verkehren könnte. Und zur Schwäche wird, nicht über den eigenen Schatten springen zu können. Zum Nachteil der Nationalmannschaft, die die besten Spieler braucht. Dazu gehört auch Kevin Kuranyi.
Dabei müsste er bei einer Nominierung Kuranyis keinen Autoritätsverlust fürchten. Er hätte die öffentliche Meinung auf seiner Seite, könnte seinen Sinneswandel ausreichend begründen, selbst von Kapitän Michael Ballack wird er ermutigt: "Ich hoffe nicht, dass das Kapitel Nationalelf für Kevin endgültig beendet ist. Weil er ein guter Kerl ist, der immer für das Team gearbeitet hat", sagte Ballack dem "Kicker". Immerhin sollen sich Kuranyi und Löw laut Schalke-Coach Magath jüngst bei einem zufälligen Treffen ein wenig ausgetauscht haben.
Aus Leistungsgründen jedenfalls spricht nichts gegen den Schalker Stürmer. Seit acht Spielzeiten kann er eine zweistellige Trefferquote aufweisen. Podolski und Miroslav Klose, beide gesetzt in der Nationalelf, haben zusammengenommen in dieser Saison gerade einmal vier Treffer erzielt.
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Schalke04 krebst nie im Niemansland 'rum. Vielleicht stehen sie am Ende der nächsten Saison im Mittelfeld der Tabelle. mehr...
Jau, und was haben die Bayern alles aufgeboten in dieser Zeit ... :-) Korrekt. Und ein eindeutiger Beweis dafür, dass ein Trainer sehr wohl gegen die Meinung seines Managers/Präsidenten handeln kann, und damit auch noch [...] mehr...
Der ARD-Fachmann für Schalke, Dietz, deutete ja heute in der Sportschau an, dass aufgrund der Art und Weise, wie sich Bordon den Fans zeigte, er war mit seinen drei Kindern auf dem Platz, er wohl nächste Saison nicht mehr für [...] mehr...
Wahnsinn, was Kind Louis hier in seiner ersten Saison auf die Reihe bringt. Meisterschaft (so gut wie) eingefahren, Pokalfinale und CL-Finale. Das ist die sportlich erfolgreichste Saison seit 2001, und wer weiß, was da noch kommt. [...] mehr...
...ist das vielleicht ein Kompliment? mehr...
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