Aus Lyon berichtet Sebastian Winter
Erschöpft sitzt Ivica Olic auf einem großen Aluminiumkoffer. Bayern Münchens Stürmer kann schon fast keine Interviews mehr geben im weißen Zelt neben Lyons Stade Gerland, in dem Dutzende Journalisten auf seine Antworten warten. Also sitzt er nun da und erzählt von seiner Familie. "Ich habe heute auch für meine drei Kinder gespielt", sagt Olic. "Sie haben morgen Früh eigentlich Schule. Meine Frau hat ihnen aber freigegeben, damit sie heute das Spiel sehen können. Dafür musste ich drei Tore machen. Für jedes Kind eines."
Die Kinder müssen mächtig stolz gewesen sein. Ihr Vater hat die Bayern am Mittwochabend mit einem 3:0 ins Champions-League-Finale geschossen. Mit dem rechten Fuß, mit dem linken Fuß, schließlich mit dem Kopf. Obwohl der 30-Jährige sich am Kopf bei einem Zusammenprall eine blutende Wunde zugezogen hatte.
Fünf Meter daneben sitzt Bayerns junger Abwehrmann Holger Badstuber. Er hat ein fast fehlerloses Spiel als Interims-Innenverteidiger gezeigt, aber jetzt spricht er lieber über Olic: "Wir wissen ja, was Ivica für ein Tier da vorne ist", sagt er. "Der hat heute wieder unmenschliche Kilometer gemacht. So einen braucht man da vorne drin. Der steckt einen richtig an, so wie der rackert."
Ivica Olic ist erst im Sommer 2009 vom Hamburger SV nach München gewechselt. Nun hat er die Bayern dorthin geführt, wo sie sich vor ein paar Monaten wohl selbst nie gesehen hätten. Neun Jahre nach dem Finalsieg gegen Valencia haben sie erneut die Chance, die Champions League zu gewinnen.
Nur Messi ist erfolgreicher
Olic ist ihr erfolgreichster Mann. Siebenmal hat er in der Champions League getroffen. Er steht jetzt mit Cristiano Ronaldo von Real Madrid auf Platz zwei der Torjägerliste, direkt hinter Superstar Lionel Messi vom FC Barcelona.
Man muss sich das klarmachen: Nur drei Minuten brauchte Olic, um Lyons Abwehr zum ersten Mal in Angst und Schrecken zu versetzen. Wie aus dem Nichts spurtete der Kroate auf Lyons Abwehrchef Cris zu, der das Spiel seiner Mannschaft vor dem eigenen Strafraum eröffnen wollte, und nahm dem erfahrenen Brasilianer plötzlich den Ball ab. Olic trieb das Spielgerät in den Strafraum, als wäre es ein Pflug, mit dem ein Feld beackert werden muss, passte ihn im richtigen Augenblick zu seinem Sturmkollegen Thomas Müller, doch der vergab die perfekte Chance kläglich.
27 Minuten brauchte Olic dann, um den FC Bayern München in Richtung Finale am 22. Mai in Madrid zu schießen. Bayerns Stürmer drehte sich im Strafraum kurz, zog trocken ab und schon lag der durch Arjen Robben und Müller glänzend zugespielte Ball im Netz. Danach passierte nichts mehr, was die schwachen Franzosen auch nur ansatzweise zurück ins Spiel finden ließ. Im Gegenteil: Ihr Schrecken Olic machte noch zwei Tore.
Olic ist sich für nichts zu schade
Der Kroate ist Bayern Münchens wichtigster Einkauf des Jahres 2009 gewesen, mit Arjen Robben. Doch im Vergleich zu den Schönspielern Ribéry und Robben, deren Schattenseite bei aller Genialität ihr Egoismus und das kaum vorhandene Spiel nach hinten ist, schafft Olic Letzteres. Neben seinem Drang nach vorne, dem unbändigen Pressing, den Laufwegen, dem Kreuzen nach links und nach rechts, arbeitet Bayerns wohl größter Kämpfer auch nach hinten. Er holt sich die Bälle in der Abwehr und ist sich nicht zu schade, selbst bei Eckbällen in den eigenen Strafraum zurückzukommen.
Olics Karriere war wechselvoll. Der Mann aus der kroatischen Davor, gelegen an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina, schoss von 1998 bis 2000 für die Amateure von Hertha BSC Berlin zehn Tore in 30 Spielen - kam im Profiteam jedoch nur zweimal zum Einsatz. Danach ging er zurück zu seinem Heimatclub NK Marsonia, spielte bei NK Zagreb, Dinamo Zagreb, ZSKA Moskau, schließlich beim Hamburger SV. Die Bayern bekamen ihn im vergangenen Sommer ablösefrei, und ob sie dafür nun ein stattliches Handgeld gezahlt haben oder nicht: Er ist wie schon in Hamburg zum Liebling der Fans geworden.
Er ist das Kampfschwein, dessen Einsatz nicht nur Badstuber, sondern eine ganze Mannschaft mitreißen kann. Er ist der Torjäger, dessen Treffer Gold wert sind.
Auch Lyons Fans begeistert
Sogar Bayerns gestrenger Trainer Louis van Gaal fand lobende Worte für Olic. "Er hat alles gegeben im Pressing nach vorne. Er hat in unserer Ordnung phantastisch gespielt. Es ist phantastisch, dass er drei Tore schießt."
Van Gaal wäre allerdings nicht er selbst, wenn er nicht sofort einschränken würde: "Aber Olic steht auch am nächsten zum gegnerischen Tor. Deshalb ist es normal, dass er Tore schießt." Olic würde das wohl genauso sehen. Er ist Teil der Mannschaft und kann nur mit ihr funktionieren. Er selbst sagt: "Ohne die Hilfe meiner Mannschaft kann ich heute keine drei Tore machen. Die Abwehr und das Mittelfeld haben heute auf Top-Niveau gespielt."
Van Gaal hätte Olic auswechseln können, zur Schonung und zum Dank, aber er hat es nicht getan. Er sollte dieses Spiel, sein Spiel genießen.
Als die knapp 40.000 großartigen Fans von Lyon resigniert ihre blau-roten Schals über ihren Köpfen ausbreiteten und die französische Nationalhymne sangen, als sie nach dem Schlusspfiff den Bayern lange Sekunden respektvoll Applaus gaben - da war klar: Olic und die Bayern hatten sie begeistert.
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Man kann Olic nicht in der Bedeutung über Ribery und Robben stellen. Er, aber auch Robben haben entscheidende Tore erzielen können und den Bayern ihren jetzigen Stand in der Liga gesichert. mehr...
Ich behaupte, dass die BayernBosse Olic für die Ersatzbank geholt haben. Als Sturm waren Gomez(35 Mio) & Klose eingeplant. Der Erfolg der Bayern ist NICHT der tollen Planung der Bosse zu verdanken, sondern dem Zufall. [...] mehr...
Also wenn man als Laie das Spiel gestern angeschaut hätte, wäre sofort jedem aufgefallen was Olic für ein Kämpfer ist. Das dieser Typ irgendwo hingeht um auf der Bank zu sitzen glaub ich nicht. Und genau diese Einstellung musst du [...] mehr...
Ich kann mich dem Autor nur anschließen! mehr...
Waren Sie bei Ihrer Geburt dabei? Ich habe zur damaligen Zeit den Transfermarkt beobachtet. Olic hat seinen Abgang aus Hamburg unter anderem mit dem Verkauf von van der V. und deJong begründet. Hoeneß hat sich zur [...] mehr...
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