Frage: Herr Neuhaus, mit dem 3:0-Heimsieg gegen Bielefeld haben Sie am Sonntag den Klassenerhalt geschafft. Sind Sie erleichtert?
Neuhaus: Und wie! Es ist vollbracht. Wir sind überglücklich und zufrieden. Der FC Union ist verdient in der Liga geblieben. Bis auf wenige Spiele haben wir nicht enttäuscht. Ein herzliches Dankeschön an unsere Fans. Man konnte deutlich sehen, warum wir zu Hause deutlich mehr Punkte als auswärts geholt haben. Diese Unterstützung ist fast unglaublich. Sie wird uns hoffentlich auch in der nächsten Saison beflügeln.
Frage: Ihre Fans haben auch bei der Renovierung des Stadions Alte Försterei tatkräftig mitgeholfen. Was war Ihr Beitrag? Sie haben ja eine Ausbildung als Elektriker absolviert.
Neuhaus: Dafür gab es nicht so viel Zeit. Aber ich habe mal aus Spaß eine Schweißnaht gemacht. Die war allerdings nur provisorisch und wäre auf dem Bau nie durchgegangen. Dafür bin ich schon zu lange aus dem Geschäft.
Frage: Während der Renovierung wurden die Spiele im Jahnstadion ausgetragen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Neuhaus: Wir mussten oft ausweichen, für die Spiele und fürs Training. Das war nicht immer angenehm, aber wir waren sehr erfolgreich und sind aufgestiegen. Der Umbau durch die Fans war eine unglaubliche Aktion. Man hat miterlebt, mit welcher Leidenschaft und Begeisterung die Leute über einen derart langen Zeitraum an diesem Projekt gearbeitet haben. Da kriegt man Höhen und Tiefen mit, familiäre Dramen, weil die Fans ihre Freizeit geopfert haben, und persönliche Lebensgeschichten.
Frage: Wie war das Verhältnis der Stadionbauer zur Mannschaft?
Neuhaus: Der Zusammenhalt war sowieso schon enorm groß, doch der Umbau hat den gesamten Verein noch mehr zusammengeschweißt. Wir hatten viele gemeinsame Veranstaltungen, bei denen die Fans mit den Spielern bei Wurst und Bierchen zusammenstanden. Die haben sich gegenseitig viel besser kennengelernt.
Frage: Viele Spieler und Sie hatten auch Patenschaften für Bautrupps.
Neuhaus: Richtig, wir hatten eine enge Bindung zum jeweiligen Bautrupp, der aus fünf bis sechs Leuten bestand. Da hat man mal ein Stück Kuchen vorbeigebracht, als die Fans bei gefühlten 45 Grad im Schatten von morgens bis abends gerackert haben.
Frage: Welche Erinnerung verbinden Sie mit dem Eröffnungsspiel des renovierten Stadions gegen Hertha BSC?
Neuhaus: Man hat allen den Stolz angemerkt. Es war zu spüren, wie bei allen eine Last abgefallen ist. Es gab an diesem Tag zwar ein paar organisatorische Anlaufschwierigkeiten, weil das Stadion brechend voll war. Aber das hatte wieder diesen speziellen Union-Reiz des Spontanen und Unkonventionellen.
Frage: Nach dem Abstieg der Hertha kommt es nächste Saison zum Derby in der zweiten Liga.
Neuhaus: Schade, dass die Hauptstadt keinen Erstligisten mehr hat. Aber wir freuen uns natürlich auf die beiden Duelle. Ich glaube, das werden stimmungsvolle und heiß umkämpfte Spiele mit einer tollen Kulisse. Es ist allerdings vermessen, das Ziel auszurufen, die Nummer eins in der Stadt werden zu wollen. Ich glaube, dass unser Etat noch eine ganze Ecke von dem der Hertha entfernt ist.
Frage: Wo werden Sie Ihr Heimspiel gegen Hertha bestreiten?
Neuhaus: Manche fordern, dass man beide Spiele im Olympiastadion austragen solle. Wenn das in Betracht gezogen würde, könnten wir den Laden hier dicht machen. Dieses Thema ist für uns überhaupt keine Diskussion wert.
Frage: Die Trainerbank in der Alten Försterei ist ziemlich nah an den Zuschauern. Kriegen Sie bei Auswechselungen auch mal von Fans einen Spruch zu hören?
Neuhaus: Man hört schon sehr viel von den Rängen. Aber die letzten Jahre waren sehr erfolgreich, deswegen gab es da keine bösen Sprüche. Ich mag diese engen Stadien, bei denen man die Atmosphäre erlebt. Im Olympiastadion beispielsweise hat kein Zuschauer die Chance, dem Trainer etwas zuzurufen.
Frage: Sie haben in Dortmund im größten Stadion Deutschlands gearbeitet, jetzt im engen und kleineren von Union. Wie wirken sich diese Unterschiede auf eine Mannschaft aus?
Neuhaus: Manchmal kann ein großes Stadion Spieler hemmen, etwa wenn das Team in der Krise steckt. Das haben wir in Dortmund im Jahr 2000 miterlebt. Wenn die Emotionen bei jedem Fehlpass hoch kochen, kann das für einen Spieler schon erdrückend wirken. Hier bei Union herrscht eine ganz andere Mentalität: Wenn es der Mannschaft schlecht geht, peitschen die Fans sie erst recht an. In dieser Form habe ich das noch bei keinem anderen Verein erlebt.
Frage: Bei Union gibt es sehr viele Stehplätze. Infolge der jüngsten Ausschreitungen in deutschen Stadien wurde öffentlich über deren Abschaffung diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
Neuhaus: Zunächst einmal habe ich hier bei Union null Befürchtungen, dass jemals eine Situation eskalieren würde, wie das bei anderen Vereinen der Fall war. Außerdem glaube ich, dass die Vorfälle nichts mit Steh- oder Sitzplätzen zu tun haben. Fußball braucht Stehplätze. Da gibt es Körperkontakt rechts und links, da wogt man mit der Masse, beim Torjubel kriegt man Bier auf die Jacke - das gehört doch alles dazu und ist Teil der Stadionkultur von Union.
Frage: Die Fans träumen von Erstligafußball. Wann wird es den in der Alten Försterei geben?
Neuhaus: Natürlich muss man sich Ziele setzen und dafür planen, aber ich bin keiner, der große Versprechungen macht. Wir haben nicht die großen finanziellen Mittel anderer Vereine. Alles muss einen gesunden Rahmen haben, der Verein muss mitwachsen. Bisher hat das gut geklappt, wenn man sich alleine anschaut, wie sich die Geschäftsstelle in den letzten Jahren verändert hat. Wir gehen in wohl geplanten und kleinen Schritten vor und sind bisher gut damit gefahren.
Das Interview führte Ron Ulrich
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Sehr erfrischende Wahrheiten! Von diesen "Vereinsmentalitäten" wünscht man sich mehr: Sportverein und nicht Balltreter"industrie"...ist ab und zu sogar noch erfolgreich (vielleicht "immer öfter"?) - [...] mehr...
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