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22.05.2010
 

Inter-Trainer Mourinho

Der Kaputtmacher

Von Christoph Biermann

Inter-Coach Mourinho: Startrainer und Showmaster
Fotos
Getty Images

Seine Spieler verehren ihn als Genie, Gegner fürchten seine gnadenlose Fehleranalyse: José Mourinho ist das Enfant terrible unter Europas Trainern. Im Champions-League-Finale trifft er mit Inter Mailand auf seinen alten Lehrmeister Louis van Gaal - seine Taktik gegen die Bayern wird radikal sein.

Er wird es lieben, wenn am Samstagabend ganz Europa gegen ihn ist. Denn wer drückt im Finale der Champions League (20.45 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) schon den Defensivkünstlern von Inter Mailand die Daumen, wo der FC Bayern sich doch durch mitreißenden Fußball überraschenderweise die Zuneigung fast aller Fans zwischen dem Nordkap und Sizilien erspielt hat? Also wird José Mourinho, 47, mit wieder einmal kunstvoll verrutschter Krawatte am Spielfeldrand Platz nehmen und mit verächtlicher Geste so tun, als ob ihn die ganze Aufregung um das größte Spiel des Jahres nicht tangiere. Der Coach von Inter Mailand wird sich auf seinem Platz fläzen, als sei er der Lümmel von der Trainerbank, und die Aversionen gegen sich genüsslich einsaugen. Denn wie hat er mal gesagt: "Jesus wurde auch nicht von allen geliebt."

Dabei ist der Portugiese, wenn man schon in christlichen Begrifflichkeiten bleiben möchte, eher der Antichrist. Selbst wenn er im Estadio Santiago Bernabéu plötzlich ganz freundlich daher kommen und verbindlich lächeln sollte, würde das den Verdacht nur noch größer werden lassen, dass er diesmal einen besonders satanischen Plan in der Tasche hat. Auf jeden Fall ist er der Geist, der stets verneint, wie Louis van Gaal ganz genau weiß: "Er will das Spiel des Gegners kaputtmachen", hat der Trainer des FC Bayern gesagt. Das ist kein Vorwurf, denn beide kennen und schätzen sich seit ihrer Zusammenarbeit beim FC Barcelona, es ist eine Feststellung.

Zahnräder finden und blockieren

Mourinho ist mehr als ein Mann der sinistren Selbstinszenierung, der exzentrischen Marotten oder "emotional wie ein Vulkan", wie Inters Präsident Massimo Moratti gesagt hat. Vor allem ist er einer der schärfsten Analytiker, die es im Weltfußball gibt. Mourinho taucht so tief wie wenige seiner Kollegen in den Maschinenraum der gegnerischen Mannschaften ab, um zu sehen, wie deren Räderwerk funktioniert.

Sein Plan ist dabei immer ein zerstörerischer, denn es geht ihm darum, die Zahnräder im Spiel der anderen zu identifizieren, deren Blockade am wichtigsten ist. So wird er schon jetzt darüber nachsinnen, wie man das Laufwunder Ivica Olic ins Leere rennen lassen kann, wie Arjen Robben aus dem Spiel zu nehmen und wie die Zufuhr von Bastian Schweinsteigers Pässen zu stoppen ist.


Zu Mourinhos größten Meisterstücken kreativer Destruktion gehörten die beiden Spiele von Inter Mailand im Halbfinale der diesjährigen Champions League gegen den FC Barcelona. Niemand hatte zuvor ernsthaft die Kombinationen der Katalanen unterbinden können, doch er stoppte Messi und Co. und überwältigte den Gegner beim 3:1-Sieg im eigenen Stadion auch noch.

Im Rückspiel verteidigte sein Team 70 Minuten lang in Unterzahl gegen die immer noch beste Vereinsmannschaft Europas. Das war grausam anzuschauen, aber zugleich auch faszinierend, denn Inter gelang eine der radikalsten Defensivleistungen, die man auf diesem Niveau wohl jemals gesehen hat. Die Mailänder gaben den Ballbesitz komplett auf und machten das Spiel von Barça nur noch kaputt.

Kontertaktik statt Neo-Catenaccio

Man sollte sich jedoch nicht vertun, denn Mourinhos Fußball ist komplexer als nur ein Neo-Catenaccio. Inter hat in der Serie A zwar die wenigsten Tore kassiert, aber auch die meisten geschossen. Bei Chelsea und zuvor beim FC Porto war das ähnlich, Mourinho ist kein reiner Betonierer, sondern ein Prophet des Konterfußballs. Seine Mannschaften lauern auf die Momente des Umschaltens, wenn der Gegner nach einem Ballverlust noch ungeordnet ist.

Bei Chelsea setzte er dabei vor allem auf den Ivorer Didier Drogba, einen von Mourinhos absoluten Lieblingen, der allein eine Abwehr terrorisieren kann. Selten lässt der Portugiese mit mehr als drei Spielern angreifen, attackiert den Gegner aber oft schon früh. Schon beim FC Porto war Costinha als Spieler hinter den beiden Stürmern nicht etwa hängende Spitze oder ein Spielmacher, sondern der erste Defensivspieler. "Ich wollte nicht, dass die Mittelfeldspieler auf den ersten Ball gehen mussten, sondern erst auf den zweiten", sagt Mourinho.

So wird das Finale in Madrid eines der komplett entgegengesetzten Spielideen. Der FC Bayern unter van Gaal will den Ball unbedingt und möglichst oft, um den Gegner müde zu kombinieren. Inter Mailand unter Mourinho hingegen sagt: Nehmt ihn nur, wir warten auf unseren Moment.

Und wenn es nur der entscheidende Moment der Zerstörung ist.

Egal, wie das Finale ausgeht, Mourinho wird sein Werk mit großer Wahrscheinlichkeit am Endspielort fortsetzen. Er will zu Real Madrid, und auch der Club ist bereit zu diesem faustischen Pakt, der nicht unbedingt ein Fußballvergnügen verspricht - aber Titel.

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insgesamt 26 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.05.2010 von grokodeal: So kann man sich täuschen, Herr Biermann

Von wegen der Kaputtmacher. Spielerisch war Inter haushoch überlegen. Die Bayern hatten eine wirkliche Chance, zu Beginn der 2. Halbzeit. Inter hingegen derer 6-7, und die letzten 20 Minuten haben sie die Angriffe noch nicht [...] mehr...

22.05.2010 von nurderhsv: Inter-Fulham

Was wäre denn, wenn Inter gegen Fulham spielen würde ? Bliebe der Ball dann 90 Minuten im Mittelkreis liegen, weil jeder hinten auf den Gegner wartet ? mehr...

22.05.2010 von Zero Thrust: re

Erstens ist er selbst Schuld - er hat es so gewollt, alles Denkbare dafür getan und also verdient - und zweitens hätte es rein gar nichts geändert. Das ist leider nicht möglich, aber darauf würde ich Geld wetten. (Selbst, wenn [...] mehr...

22.05.2010 von fessi1: glückwunsch mailand

schade das ribery nicht dabei war... vielleicht hätte er die zündende idee gehabt, diesen riegel zu knacken... über 60% ballbesitz, teilweise handballartiges spiel aufs mailänder tor, aber 0:2 naja, vielleicht im nächsten [...] mehr...

22.05.2010 von fessi1: der kaputtmacher

was ihr nur alle habt??? mourinho hat seine mannschaft genauso eingestellt, wie im artikel beschrieben. sie zertsören durch ein abwehrbollwerk bayerns spiel und haben mit klassischen kontern 2 tore gemacht. taktik perfekt [...] mehr...

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Zum Autor

Martin Steffen
Christoph Biermann, Jahrgang 1960, lebt in Köln und hat schon alle Stadien der Welt besucht, zumindest die schönsten. Sein Herz schlägt jedoch nicht für einen der großen Clubs, er hält zu einem Außenseiter aus NRW.

Die bisherigen Triple-Sieger
Mit Europapokal der Landesmeister
1967 Celtic Glasgow
1972 Ajax Amsterdam
1988 PSV Eindhoven
Mit Champions League
1999 Manchester United
2009 FC Barcelona
2010 Inter Mailand

Inters Weg ins CL-Finale
Gruppenphase
Inter Mailand vs. FC Barcelona 0:0
Rubin Kasan vs. Inter Mailand 1:1
Inter Mailand vs. Dynamo Kiew 2:2
Dynamo Kiew vs. Inter Mailand 1:2
FC Barcelona vs. Inter Mailand 2:0
Inter Mailand vs. Rubin Kasan 2:0
Achtelfinale
Inter Mailand vs. FC Chelsea 2:1
FC Chelsea vs. Inter Mailand 0:1
Viertelfinale
Inter Mailand vs. ZSKA Moskau 1:0
ZSKA Moskau vs. Inter Mailand 0:1
Halbfinale
Inter Mailand vs. FC Barcelona 3:1
FC Barcelona vs. Inter Mailand 1:0
Finale am 22. Mai in Madrid
Bayern München vs. Inter Mailand 0:2




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