ThemaFußball-WM 2010RSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.05.2010
 

WM-Vorbereitung 1990

Als Franz und Franz den Titel holten

Von Christian Gödecke, Südtirol

Foto: imago

Das DFB-Team bereitet sich in Südtirol auf die WM vor - wie im Triumphjahr 1990. Gastgeber war damals der Hotelier Franz Moser. Auf SPIEGEL ONLINE erinnert er sich an einen sehr lockeren Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus auf Freiersfüßen und wilde Gelage nach dem Titelgewinn.

Am Mittwoch ist Franz Moser in Kaltern in sein Auto gestiegen und nach Girlan gefahren. Er hatte 15 Korbsessel dabei, grau mit weißen Kissen. Moser fuhr die Weinstraße hoch, rechts der Kalterer See und links die Weinberge. Vor dem Hotel "Weinegg" in Girlan hielt er an, fünf Sterne, viele Sicherheitsleute und ein Absperrgitter. Das "Weinegg", geführt von Bruno Moser, ist das Quartier der deutschen Nationalmannschaft.

Wer hier rein will, braucht eine Akkreditierung. Auch wenn man der Bruder des Chefs ist und 15 Korbsessel dabei hat. Für den Grillabend des DFB.

Am Abend sitzt Franz Moser, weißes Sakko, dunkle Hose, auf der Terrasse seines eigenen Hotels. Der Wind schüttelt das riesige, weiße Sonnensegel, und Moser, 51, lächelt, als er über seinen Beitrag zum Gelingen des deutschen Trainingslagers spricht. "Es sind ja auch meine Grills, sie fahren Mountainbike mit meinen GPS-Geräten", sagt Moser. Sogar Eiswürfel hat er geliefert ins "Weinegg". Der Pool war zu warm.


Er mischt auch diesmal irgendwie wieder mit, auch wenn es natürlich nicht mehr ganz so ist wie vor 20 Jahren. Auch damals bereitete sich die deutsche Nationalmannschaft in Südtirol auf die Weltmeisterschaft vor. Auch damals war der DFB eingeladen worden vom Landeshauptmann Luis Durnwalder. Nur damals, zwischen dem 2. und 8. Juni 1990, wohnte die Mannschaft hier, im Hotel "Seeleiten". Dem Hotel von Franz Moser.

Es gibt ein Bild vom Hotelchef aus jenen Tagen, es hängt unten im Keller in einer alten Vitrine aus Holz. Auf dem Bild sitzt Moser in der ersten Reihe, er hat eine dunkle Hose an und weiße Socken. Er ist 31 Jahre alt. Neben ihm: seine Frau in einem gelb-schwarzen Kleid. Umrahmt werden die beiden von Männern mit dicken Waden und Lockenfrisuren, sie lächeln in die Kamera. Es ist ein Bild aus den Zeiten, als Oberlippenbärte noch Mode waren und hellblau die Farbe der Torhüter-Trainingsanzüge. Ganz rechts steht Franz Beckenbauer, er sieht sehr jung aus.

20 Jahre später zuckt Franz Moser mit den Schultern. Die Zeiten seien eben andere gewesen. Und die Menschen. Er ist jetzt auch schon seit fünf Jahren geschieden.

Das Hotel war fast zu klein

"Franz Beckenbauer war sehr locker drauf, unangefochten, souverän. Er brauchte nicht viel zu sagen, und alle Trainings bis auf zwei waren öffentlich." Jeden Tag habe der Teamchef die Spieler draußen auf der Terrasse Autogramme schreiben lassen: "Er hat gesagt: 'Die Menschen vor dem Zaun, die zahlen eure Gehälter.'" Öffentliche Trainings könne man heute auch machen, sagt Franz Moser, den Deutschen könne man ja nichts weggucken. Moser hat viele Gäste, die gern die Nationalmannschaft sehen wollen. Und dem Chef sind seine Gäste das Wichtigste. Aber Joachim Löw ist nicht Franz Beckenbauer.

Von Beckenbauer, das sagt Franz Moser jetzt, habe er eins gelernt: "Man muss dem Glück die Tür aufhalten." Das Glück kam oft bei Beckenbauer vorbei, und manchmal hielt er auch anderen die Tür auf. Nachdem die Entscheidung fürs Hotel "Seeleiten" gefallen war, brauchte Franz Moser dringend ein weiteres Stockwerk, das Hotel war fast zu klein. "Da ist Beckenbauer zum Landeshauptmann hin und hat gesagt, der Franz wolle dem Franz gern noch ein paar Zimmer dazubauen. Und dann bekam ich die Genehmigung."

300 Kilometer für einen Kaffee

So sei Beckenbauer eben gewesen, sagt Franz Moser, es war ein Geben und Nehmen. Öffentliche Trainings und Autogrammstunden und Freundlichkeit wurden zurückgezahlt mit Zuneigung. "Die 120 Polizisten, die die Anlage damals bewachten, liefen irgendwann in deutschen Trikots herum. Und die WM-Spiele sind auch zu Heimspielen geworden", sagt Moser. Wie das Halbfinale in Mailand oder das Finale in Rom.

Auch für die Mosers war es ein Geben und Nehmen, sie gaben ihre Zeit, ihren Enthusiasmus, Herr Moser beriet die Deutschen in deren Hotels gastronomisch ("dort sitzt der Teufel oft im Detail") - und Frau Moser brachte auch mal spontan einen Kaffee vorbei. "Ich kam in Mailand an, und der spätere DFB-Präsident Egidius Braun saß auf der Terrasse. Er vermisste meine Frau, die mache so einen wunderbaren Cappuccino. Also rief ich sie an, und sie kam aus Kaltern vorbei", erzählt Moser.

300 Kilometer für einen Kaffee. Im Gegenzug wurden die Mosers Teil der DFB-Familie. Und Weltmeister.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 3 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.05.2010 von DorianH: ;-)

Dann hat das Lockmittel ja funktioniert ;-) mehr...

29.05.2010 von peter hammer: Etikettenschwindel

Wohl Pokalwerfen auf Hoteliers und Pokaltauchen im Anzug. Huiii! Lesen Sie morgen bei SPON: Jogi Löws schmutzige Geheimnisse (Grasflecken auf der Trainingshose und wie man sie rausbekommt). mehr...

29.05.2010 von jot-we: nogoal

He! Wo waren denn jetzt die wilden Gelage? Wegen denen hab ich mir den ganzen Kram doch bloss durchgelesen! mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik Fußball
alles zum Thema Fußball-WM 2010

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



DFB-Kader WM 2010

Tor: Hans Jörg Butt (Bayern München), Manuel Neuer (Schalke 04), Tim Wiese (Werder Bremen)

Verteidigung: Dennis Aogo (Hamburger SV), Holger Badstuber (Bayern München), Jérôme Boateng (Hamburger SV), Arne Friedrich (VfL Wolfsburg), Marcell Jansen (Hamburger SV), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (Werder Bremen), Serdar Tasci (VfB Stuttgart)

Mittelfeld: Sami Khedira (VfB Stuttgart), Toni Kroos (Bayer Leverkusen), Marko Marin (Werder Bremen), Mesut Özil (Werder Bremen), Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Piotr Trochowski (Hamburger SV)

Angriff: Cacau (VfB Stuttgart), Mario Gómez (Bayern München), Stefan Kießling (Bayer Leverkusen), Miroslav Klose (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Lukas Podolski (1. FC Köln)






TOP



TOP