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16.06.2010
 

Brasiliens WM-Auftakt

Stringenz statt Samba

Aus Johannesburg berichtet Jens Weinreich

Foto: dpa

Spektakuläre Dribblings? Mangelware. Raffinierte Kombinationen? Kaum. Gegen das nordkoreanische Abwehr-Bollwerk zeigte WM-Favorit Brasilien Effizienz statt Eleganz. Das war beileibe kein weltmeisterliches Schauspiel - aber genau so spielt ein Weltmeister.

Lieber in Schönheit sterben oder routiniert triumphieren? Das ist hier die Frage. Die Debatte darüber gehört zur brasilianischen Kultur wie die Luft zum Atmen. Sie können nicht anders, die Brasilianer, als ewig darüber zu diskutieren. Ein goldener Weltpokal allein reicht ihnen nicht. Diese Debatte wird die komplette WM prägen.

Carlos Dunga, der Dompteur der Seleção, kann es seinen 180 Millionen Landsleuten kaum recht machen. Während der WM 1994, Dunga war Kapitän, wollten sie ihn und Trainer Carlos Alberto Parreira teeren und federn, weil ihre Siege magische Momente vermissen ließen. Weil die Seleção arbeitete und etwas weniger zauberte. Und selbst der vierte Titel, den Brasilien damals nach einer Pause von 24 Jahren gewann, versöhnte das Volk kaum mit den Expeditionsleitern Dunga und Parreira: Sie mussten sich für den Goldpokal, den sie nach Rio brachten, geradezu verteidigen.

Das ist das Los des Carlos Dunga, den sie den Deutschen nennen. Und das wird sich auch während dieser WM nicht ändern, die für Brasilien am Dienstagabend mit einer undankbaren Aufgabe im eiskalten Ellis Park von Johannesburg gegen Nordkorea begann. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt agierte die Seleção zunächst tatsächlich unterkühlt, sicher auch etwas überheblich, so dass die in der Defensive hervorragend organisierten Außenseiter wenig Probleme hatten, das Spiel offen zu halten. Furchtbar kalt sei es gewesen, sagte Abwehrspieler Maicon.


Das Leben ist nun mal kein Joga Bonito

Die Seleção ist ein Mythos, nicht nur in Brasilien, in den vergangenen Jahren geprägt von den Joga-Bonito-Werbespots des Sponsors Nike, in denen etwa Ronaldinho die unmöglichsten Kunststücke präsentierte. Aber das Leben ist nun mal kein Joga Bonito, der Fußball bei einer Weltmeisterschaft auch nicht, und Ronaldinho wurde von Carlos Dunga aus guten Gründen aussortiert. Es geht immer darum, das eine (das schöne Spiel) mit dem anderen (der Effizienz) zu verbinden. Das ist die Kunst.

Das verdeutlichen drei Szenen des Spiels:

Zunächst die 35. Minute: Robinho spielt am rechten Strafraumeck mit drei Nordkoreanern. Er tanzt ein bisschen, führt das Bällchen mit der Sohle. Dann passt er in die Mitte. Ein Koreaner klärt ohne große Mühe. Ein netter Versuch, der Beifall für Robinho, das Raunen der Masse auf den Tribünen, war trotz des Vuvuzela-Getrötes zu vernehmen. Nur: Die Aktion wirkte irgendwie deplatziert. Es war klar, dass derlei Mätzchen dieses Spiel nicht entscheiden würden.

Dann die 55. Minute: Dunga hat seinen Männern in der Pause einiges erzählt. Brasilien erhöht das Tempo, Brasilien beginnt zu kombinieren. Brasilien schafft Räume, die Koreaner können nicht mehr folgen. Elano schickt Maicon rechtsaußen in einen dieser Räume auf die Reise. Maicon hat im vollen Sprint noch alle Zeit der Welt, um Torhüter Ri Myong Guk auszugucken. Natürlich war das Führungstor keine verunglückte Flanke, sondern gewollt. Perfekt herausgespielt in einer Dreierkombination, souverän vollendet. Ein Klassiker der Seleção. "Ich habe es so gemacht wie in Brasilien und einfach abgezogen", sagte Maicon. Dunga lobte: "Es war nicht der Fehler des Torhüters, sondern die Kreativität von Maicon, die das Tor möglich gemacht hat."

Schließlich die 72. Minute: Robinhos großer Auftritt. Nicht nur für die Galerie, sondern auch wirtschaftlich. Seinen Diagonalpass in den freien Raum, in den Rücken der Abwehr, nutzte Elano mit einem überlegten Flachschuss ins Eck. Der Torschuss war die Arbeit - Robinhos Pass die Kunst. Es war eine der schönsten Aktionen dieser Weltmeisterschaft, keine Frage. Fußball in Vollendung, für wenige Sekunden. Zum Staunen und Genießen.

Nicht weltmeisterlich - aber so spielt ein Weltmeister.

Brasilien hätte leicht noch ein, zwei Tore nachlegen können. Es war ein typisches Auftaktspiel, oft gesehen von den Brasilianern, gleich unter welchem Trainer. "Nervosität" hat Dunga unter seinen Spielern ausgemacht. Er hatte Recht. Wer im Fernsehen in der Superzeitlupe die weit aufgerissenen Augen von Maicon gesehen hat oder die Tränen von Elano, konnte an diesen Bildern vor allem eines ablesen: Erleichterung.

Kurz vor Schluss leistete sich Brasiliens Innenverteidigung um Juan und Lucio, sonst kaum geprüft, noch einen Aussetzer. Der wackere Ji Yun Nam war selbst etwas überrascht, drosch aber resolut ein zum 1:2. Das Gegentor war, so komisch das klingen mag, ein gutes Tor für Brasilien. Denn Dunga wird diesen Treffer nun einige Male vorführen und seine Mannschaft zu ermahnen wissen.

Nein, Brasilien hat keinesfalls enttäuscht in dieser ersten Partie. Brasilien hat die Aufgabe alles in allem souverän gelöst. Die Seleção hat ein Gesicht, sie hat eine klare Struktur. Auch wenn Kaká noch Probleme hat, selbst wenn das Spiel weitgehend am Mittelstürmer Luis Fabiano vorbeilief - jeder andere Brasilianer ist jederzeit in der Lage, Akzente zu setzen und eine Partie zu entscheiden. Die Mannschaft funktioniert, Dunga wird dafür sorgen, dass das so bleibt. Gegen die Elfenbeinküste und Portugal wird Brasilien richtig gefordert, und ja: Das kann auch schiefgehen. Denn es werden große Duelle, jedes ein potentielles WM-Finale.

Brasilien hat die Aufgabe gegen die hartnäckigen Nordkoreaner letztlich routiniert bewältigt. Gegen eine solche Mannschaft darf man auch einmal Siege abhaken. Das war nicht weltmeisterlich. Aber so spielt ein Weltmeister.

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25.06.2010 von Wilfried H. Becker:

Lutschio aber auch. Es war ne Frechheit, um es mal freundlich auszudrücken. mehr...

25.06.2010 von Cipo:

Der Typ hat einen solchen Schuß durch die Socke! Nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste meinte der Kasper doch ernsthaft: "Wir haben gegen einen Favoriten einen Punkt gewonnen." mehr...

25.06.2010 von BeckerC1972:

Ich habe mich in dem Moment auch - wie schon so oft bei dieser WM - gefragt: "W-hat?". Portugals Trainer hat definitiv ein anderes Spiel gesehen. mehr...

25.06.2010 von Cipo:

Der Artikel bringt's endlich mal auf den Punkt. Ohne seine fleißigen Zuträger (ob nun von Real oder Manchester) ist Cristiano Ronaldo eine absolute Nullnummer. Zum Spiel: ein Grottenkick, der nur deshalb nicht noch [...] mehr...

25.06.2010 von Wilfried H. Becker:

Nach den Interviews, nach dem Spiel, war es ein super Klasse Spiel, dass beste und vom feinsten, was man vom Fußball erwarten kann. mehr...

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