Aus Toulon berichtet Christoph Ruf
Jean-Pierre Escalettes war der erste, der nach der 1:2-Niederlage gegen Südafrika einen längeren Kommentar abgab: "Wir haben nur einen von neun möglichen Punkten geholt, das ist bitter", sagte der Präsident des französischen Fußballverbands FFF. "Aber noch mörderischer ist, was letzte Woche passiert ist. Der Trainingsstreik war eine Schande, die mir noch mehr wehgetan hat als die heutige Niederlage." Fabien Barthez, langjähriger Torwart der "Bleus" und ein Freund klarer Worte, drückte sich noch deutlicher aus: "Nach allem was vorfiel, ist es normal, dass wir voll gegen die Wand gefahren sind." Und sein ehemaliger Mitspieler Bixente Lizarazu schob nach: "Ich verlange von den vernünftigen Spielern, dass sie sich von den fünf, sechs Spielern entsolidarisieren, die das alles angezettelt haben. Diese Leute haben unser Trikot besudelt."
Dabei hatten sich die Franzosen zumindest 20 Minuten lang Mühe gegeben, ihre Farben ein wenig liebevoller als zuletzt zu vertreten. Bis zum 1:0 durch Khumalo hatte der amtierende Vizeweltmeister sogar einiges von dem gezeigt, was man in den Spielen gegen Uruguay und Mexiko so schmerzlich vermisst hatte. Zuweilen hatte man sogar den Eindruck, als wolle die Mannschaft diesmal vielleicht sogar gewinnen.
Bis Schiedsrichter Oscar Cruiz beschloss, er müsse nun auch einmal auf sich aufmerksam machen.
Domenechs endgültiger Realitätsverlust
Die "Bleus" zeigten auch an diesem Dienstag eindrücklich, dass sie derzeit - Trainer hin, verhaltensauffällige Spieler her - schlicht nicht die Qualität haben, um mit den besten Mannschaften der Welt mithalten zu können. Coach Raymond Domenech sieht das bezeichnenderweise anders: "Diese Mannschaft", sagte er nach dem Schlusspfiff, "bringt alles mit, um Erfolg zu haben, zumal viele junge Spieler mit großem Potential nachrücken."
Über den derzeitigen Kader hat das Land längst den Stab gebrochen. Sehr kritisch wird dabei in den Medien die Rolle von Franck Ribéry gesehen, einem an sich sehr beliebten Spieler. Zumindest in Südafrika ist Ribéry seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Er zeigte Journalisten den Mittelfinger und wirkte mannschaftsintern alles andere als ausgleichend. Nach übereinstimmenden Medienberichten soll er dem jungen Gourcuff immer wieder zugesetzt haben. Und das offenbar aus purem Neid auf den Erfolg des als gut aussehend und eloquent geltenden Mittelfeldmanns von Girondins Bordeaux, der in der Vorbereitung zu den wenigen Lichtblicken im Kader gehört hatte und einige lukrative Werbeverträge hat. Die Fachzeitung "France Football" meint jedenfalls Ribéry und dessen Mitstreiter, wenn sie das intellektuelle Niveau in der Mannschaft beklagt: "In einer Welt, in der eine gute Erziehung nicht allzu weit verbreitet ist, wird Gourcuff wie ein Abweichler behandelt."
Die Nationalmannschaft als "Irrenhaus"
Wenn das Verhältnis zwischen den französischen Fußballfans und den "Bleus" zerrütteter ist als eine schlechte Ehe, liegt das also gar nicht einmal primär an den "Hurensohn"-Entgleisungen Anelkas. Und vielleicht hätte man der Equipe sogar den Trainingsstreik verziehen - wenn nicht zuvor so vieles vorgefallen wäre, was das Bild einer egoistischen, abgehobenen Ansammlung verzogener Jünglinge verstärkt hatte:
Der 97fache Nationalspieler Bixente Lizarazu verglich die französische Nationalmannschaft am Wochenende mit einem "Irrenhaus." Die Wahrheit ist offenbar noch schlimmer: Die Franzosen mussten zuletzt das Gefühl haben, dass das Irrenhaus ohne Anstaltsleitung seinem Schicksal überlassen blieb.
"Die Entschuldigung hat mir unser Trainer verboten"
Doch das wollen die Spieler nicht auf sich sitzen lassen. Der vor dem Südafrika-Spiel aussortierte Kapitän Patrice Evra hat kurz nach dem Aus eine Erklärung in den kommenden Tagen angekündigt. "Es wird in dieser Woche eine Pressekonferenz geben, so schnell wie möglich", sagte der Abwehrspieler, "weil die Franzosen die Wahrheit wissen sollen. Wir wollten keine Rechnungen begleichen, sondern uns beim französischen Volk entschuldigen. Aber diese Entschuldigung hat mir unser Trainer verboten", sagte Evra.
Domenech kann diese Ankündigung relativ gelassen zur Kenntnis nehmen. Er hat in Bloemfontein definitiv sein letztes Spiel als Nationaltrainer gecoacht - und bei seinem Abgang jegliche Klasse vermissen lassen: Dem siegreichen Südafrika-Coach Carlos Alberto Parreira verweigerte er den obligatorischen Handschlag nach Spielende. Seinem Nachfolger Laurent Blanc hat Domenech ein so schweres Erbe hinterlassen, dass der nun leichtes Spiel hat: Was auch immer er tut - es kann nur besser werden.
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