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28.06.2010
 

Videobeweis-Debatte

Todsünde in Blatters Reich

Aus Johannesburg berichtet Daniel Theweleit

Entrüstete Mexikaner, Schiedsrichter Rosetti: "Das war die Schlüsselszene"Zur Großansicht
REUTERS

Entrüstete Mexikaner, Schiedsrichter Rosetti: "Das war die Schlüsselszene"

Fußball grotesk: Ein Argentinier köpft ein Abseitstor, auf Stadionleinwänden ist alles zu sehen - und die Schiedsrichter beharren auf der Fehlentscheidung. Was in der 26. Minute im Spiel gegen Mexiko passiert ist, dürfte als Skandal in die Sportgeschichte eingehen. Und die Fifa wird ihn ignorieren.

Natürlich feierten die Argentinier eine lustige Umarmungsorgie nach ihrem 3:1-Sieg gegen Mexiko, und auch auf den Rängen jubelten ein paar Leute mit. Doch wirklich ausgelassen war die Party nach dem Viertelfinaleinzug nicht.

Viele im Stadion fühlten sich um ein faires Spiel betrogen - von den Schiedsrichtern. Die Mexikaner beklagen einen Skandal, der noch größer ist als das Anti-Wembley-Tor im Spiel England-Deutschland. Dieses Achtelfinale, von den Unparteiischen zerstört, wird in die Geschichte eingehen.

Von vorn. Es ist die 26. Minute der Partie. Carlos Tévez macht einen Kopfball, trifft das Tor, die Schiedsrichter geben das 1:0. Aufregung im Stadion. Schon mit bloßem Auge haben die meisten hier gesehen, dass Stürmer Tévez klar im Abseits stand. So etwas kommt vor.

Dann aber der eigentliche Skandal: Den Schiedsrichtern wird ihr Fehler vorgeführt, und sie tun nichts dagegen.

Denn die Stadionregie lässt Sekunden nach dem Tor eine Aufzeichnung über die Anzeigetafel in der Arena flimmern. Sie dokumentiert das Abseitstor - und damit die Fehlentscheidung. Tumulte brechen aus. Alle Spieler, die 84.000 Zuschauer und natürlich auch die Schiedsrichter wissen nun sicher, dass das Tor irregulär war.


Theoretisch wäre es jetzt für die Unparteiischen kein Problem, ihre Entscheidung zu korrigieren. Das Gespann um den Italiener Roberto Rosetti könnte dieses Achtelfinale retten. Wahrscheinlich würde es von irgendeiner Organisation auch einen Fair-Play-Preis erhalten.

Doch die Männer tun nicht das, was der Zorn der Gerechten im Stadion verlangt. Sie lassen weiterspielen, als wäre nichts gewesen.

Wieso?

"Dieser Treffer hat uns umgebracht"

Im Herrschaftsbereich der Fifa wäre die Karriere der Schiedsrichter zu Ende gewesen, wenn sie das Tor kassiert hätten. Denn der Fußball-Weltverband untersagt es den Herren streng, Entscheidungen aufgrund von Fernsehbildern zu treffen. Eine Todsünde ist das im Reich des Sepp Blatter.

An prominenter Stelle der Fifa-Homepage steht seit Wochen ein Text, in dem sich der Verband vehement gegen jede Form technischer Schiedsrichterunterstützung wendet. Von einer "menschlichen Dimension" ist dort die Rede, die es zu bewahren gelte. "Die Fans lieben es, über das Spielgeschehen zu diskutieren, das macht den menschlichen Charakter unseres Sports aus."

Für die Mexikaner muss das jetzt klingen wie blanker Hohn, wie auch für die Engländer - wobei die Ereignisse rund um den argentinischen Treffer am Abend die Schande vom Nachmittag noch übertrafen, als den Engländern ihr klares Tor gegen Deutschland verwehrt wurde. Verteidiger Carlos Salcido drückte es so aus: "Das war die Schlüsselszene. Dieser Treffer hat uns umgebracht."

Die Argentinier freuten sich natürlich trotzdem über ihren Sieg, wie sich auch die Deutschen über ihren gefreut hatten - und so kommt es nun, dass am Samstag im Viertelfinale die Profiteure zweier drastischer Schiedsrichterfehler aufeinandertreffen (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Mexiko hätte es fast geschafft, Argentinien unter Druck zu bringen

In der Debatte über den umstrittenen Führungstreffer ging ein bisschen unter, was Joachim Löw aus dem Spiel Argentien-Mexiko folgern kann. Wie gut ist Diego Maradonas Messi-Mannschaft wirklich?

Zwar behauptete der argentinische Trainer, sein Team habe "ein großartiges Spiel gewonnen" und sei "90 Minuten lang überlegen" gewesen. Doch das war nur die halbe Wahrheit.

Zu Beginn zeigten die Mexikaner, dass man die argentinische Defensive mit einem schnellen Kombinationsspiel aushebeln kann. Auch Torhüter Sergio Romero könnte ein Schwachpunkt sein. Und die Viererkette ist anfällig für Fehler. Südkorea, Nigeria, und Griechenland spielten zu schwach, um all das aufzudecken. Mexiko schaffte es. Aber nur anfangs - denn nach der 26. Minute des Spiels war man "desorientiert" (Trainer Javier Aguirre).

Cesar Luis Menotti, Fußballweiser und argentinischer Weltmeister-Trainer von 1978, sagte dieser Tage, dass die Mannschaft bei dieser WM vor allem von "der Angst ihrer Gegner" profitiere. Zwar bewundert Menotti "das gerissene Angriffsspiel". Aber er beklagt, dass das "Kollektiv schwach" sei.

Das ganze Spiel der Argentinier ist auf den Wundersturm mit Lionel Messi, Gonzalo Higuaín und Carlos Tévez ausgerichtet. Für ihre Clubs haben sie in der vergangenen Saison allein in Ligaspielen insgesamt sagenhafte 83 Tore geschossen. Gegen Mexiko jedoch war Messi unspektakulär. Und bei der WM ist er noch ohne Treffer.

Trotzdem - diese Offensive war das Beste, was dieses Turnier bisher zu bieten hatte.

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06.07.2010 von adesat: Das Hawk Eye...

... ist, wie Sie sagen, nur eine Gaudi zur Unterhaltung der Zuschauer. Finde ich auch ganz nett, wenn auch völlig überflüssig. Ich kann es aber nicht nachvollziehen wenn man glaubt dass so Objektivität geschaffen werden kann. [...] mehr...

30.06.2010 von iosono3: lustig ))

sie sind lustig.warum scheiben sie mit tastatur über das internet und setzen nicht mehr auf das ''leben''? wie wär's mit bleistift,papier und brieftaube? ausserdem,niemand wollte wembley-die leute kotzte es an das man es [...] mehr...

30.06.2010 von saul7: ++

Ein wenig Anstand scheint der Herr Blatter doch noch zu haben, da er sich bei den Engländern und Mexikanern für die eklatanten Schiedsrichterfehlentscheidungen entschuldigt hat. Konsequent ist auch, dass die Schiedsrichter aus [...] mehr...

30.06.2010 von BouvardPecuchet: Und es geht doch

Habe ich bereits zuvor gesagt: Im American Football hat ein Trainer pro Spiel exakt 2mal die Möglichkeit, eine Schiedsrichterentscheidung anzuzweifeln. Dies scheint mir im Fußball etwas wenig, ich würde für 2mal pro Halbzeit [...] mehr...

30.06.2010 von Ahnungslos: ...

Das haben sie völlig richtig beschrieben. Aber dies ist doch genau das was bei einem 2:2 auch passiert wäre. Die deutsche Mannschaft wird von der englischen Mannschaft dominiert, weil diese einen enormen moralischen Schub [...] mehr...

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Weltmeister seit 1930
Jahr Weltmeister
1930 Uruguay (4:2 gegen Argentinien)
1934 Italien (2:1 n.V. gegen Tschechoslow.)
1938 Italien (4:2 gegen Ungarn)
1950 Uruguay (Finalgruppe*)
1954 Deutschland (3:2 gegen Ungarn)
1958 Brasilien (5:2 gegen Schweden)
1962 Brasilien (3:1 gegen Tschechoslow.)
1966 England (4:2 n.V. gegen Deutschland)
1970 Brasilien (4:1 gegen Italien)
1974 Deutschland (2:1 gegen Niederlande)
1978 Argentinien (3:1 n.V. gegen Niederl.)
1982 Italien (3:1 gegen Deutschland)
1986 Argentinien (3:2 gegen Deutschland)
1990 Deutschland (1:0 gegen Argentinien)
1994 Brasilien (3:2 n.E. gegen Italien)
1998 Frankreich (3:0 gegen Brasilien)
2002 Brasilien (2:0 gegen Deutschland)
2006 Italien (5:3 n.E. gegen Frankreich)
2010 Spanien (1:0 n.V. gegen Niederlande)
*Bei der WM 1950 gab es keine K.o.-Spiele. Der Weltmeister wurde in einer Finalgruppe ausgespielt.





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