Michael Ballack saß beim 4:0-Sieg der deutschen Nationalelf neben Oliver Bierhoff auf der Tribüne. Er trug ein dunkles Sakko, unter dem Sweatshirt schaute der helle Hemdkragen hervor. Um den Hals baumelte an einem langen roten Band sein Ticket. Er sprach auch mit Angela Merkel, er sah ein bisschen aus wie ein Funktionär.
Nach dem Schlusspfiff eilte Ballack hinunter zur Seitenlinie, er gratulierte den deutschen Spielern, die vor wenigen Wochen noch seine Teamkollegen waren. Eine Szene, die vor allem eines deutlich machen sollte: Ich! Gehöre! Noch! Dazu!
Es müssen harte Tage sein für Michael Ballack, den Kapitän außer Dienst. Verdammt schwer ist es, verletzt zuschauen zu müssen. Noch schwerer ist es, wochenlang verletzt zuschauen zu müssen. Doch mitanzusehen, wie die Mannschaft ohne einen selbst besser spielt - das ist beinahe unerträglich.
Abgeklärt verteidigten die Deutschen gegen Argentinien ihre frühe Führung, mit großem Selbstbewusstsein jagten Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira Superstar Messi immer wieder den Ball ab. Auch in den Drangphasen der "Gauchos" wirkten Löws Spieler nie verunsichert - und die eigenen Konter trugen sie mit großer Präzision vor. So stark hatte Deutschland in den vergangenen Jahren nie gespielt. "Das ist ein wenig unheimlich", sagte Ballack, "für mich tut es schon weh, ich hätte gerne auf dem Platz gestanden."
Der personelle Kern steht schon jetzt fest. Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil - sie alle haben bereits im vergangenen Jahr gemeinsam die U21-Europameisterschaft gewonnen. Auch Marko Marin und Dennis Aogo waren damals in Schweden dabei. "Der Geist von Malmö", beschrieb die "Süddeutsche Zeitung" diesen Block innerhalb der A-Nationalmannschaft. Der Erfolg bei der WM in Südafrika hat das Team nun weiter zusammengeschweißt, Schweinsteiger und Lahm, beide erst Mitte zwanzig, haben die Rolle der Routiniers übernommen. Es scheint, als wachse in Südafrika eine Mannschaft heran, die in den kommenden Jahren nur schwer zu schlagen sein wird.
Natürlich hat Michael Ballack bei jedem Tor gejubelt, mit der Mannschaft gefiebert, sich an dem berauschenden Fußball erfreut. Doch Ballack ist ein intelligenter Mann, der seine Karriere immer weitsichtig geplant hat. Er weiß: Jedes weitere Tor macht seine Rückkehr in die Nationalelf schwieriger.
Natürlich solle Ballack wiederkommen, sagte Schweinsteiger mit der Höflichkeit eines Nachfolgers dem "Focus". "Es kann ja durchaus sein, dass wir mit ihm noch viel besser spielen. Man merkt eben hier und da, dass uns die Erfahrung ein bisschen fehlt."
Gegen Argentinien war nichts davon zu spüren, dass Erfahrung fehlt. Nicht einmal ein bisschen hier und da.
Nun hat sich die Mannschaft ohne Ballack verändert. Lahm und Schweinsteiger und auch Klose führen auf ruhigere Art, die Hierarchien sind flacher geworden. "Jeder läuft für den anderen", das ist einer der liebsten Sätze dieses Teams geworden. Die Spieler sagen ihn oft. Es ist fraglich, ob einer wie Ballack sich in solch ein Gefüge einordnen kann.
"Eine Erkenntnis dieser WM ist: Der Altersschnitt einer Mannschaft muss sehr niedrig sein", sagte Löw im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Qualität, hohe Belastbarkeit und Siegeswille seien das Wichtigste. "Das alles geht eindeutig vor Erfahrung", sagte der Bundestrainer.
Ballack ist immer noch ein Spitzenfußballer, sein Ziel ist die EM 2012. Doch irgendwann muss der Umbruch in einer Mannschaft vollzogen werden. Vielleicht ist die Chance nie wieder so groß wie jetzt.
Auf anderen Social Networks posten:
Dann mag es so sein, wen dem so wahr, dass ich da was falsch in Erinnerung habe. mehr...
tja, das Alter hat uns wieder ... Es reicht auch diesmal 'nur' für das Spiel um Platz 3. Und wenn die WM 2014 in Brasilien ist kann man auf übermotivierte Brasilianer und sonstige Südamerikaner setzen. Wer heute noch Jung [...] mehr...
Natürlich geht es nicht nur um Siege, selbst die Argentinier wurden gefeiert bei ihrer Rückkehr und das wird die Deutsche Mannschaft auch erleben. Alle können zufrieden sein, es hat streckenweise Spass gemacht zuzuschauen und [...] mehr...
Meinen Sie nicht, dass Sie damit die Leistungen von 2006 überbewerten? Gut, da sind wir auch ins Halbfinale gekommen und wurden schließlich 3. Aber jetzt spielt unsere NM doch einen ganz anderen Fußball. Selbst wenn es diesesmal [...] mehr...
Wenn wir Weltmeister werden, wird jeder einzelne Spieler aus dem Kader auf Lebenszeit einen Heiligenschein in Deutschland mit sich herumtragen und der Jugendwahn wird es jedem Spieler älter als 25 schwer machen, einen Platz in der [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-WM 2010 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH