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04.07.2010
 

Verletzter DFB-Regisseur Ballack

Capitano ade

Von Hendrik Ternieden

WM-Zuschauer Ballack: "Capitano" vor schwerem Comeback
Fotos
dpa

Deutschland spielt so gut Fußball wie nie zuvor - und Michael Ballack muss zusehen. Der Kapitän a.D. wird es schwer haben, seinen Platz in der Nationalmannschaft wiederzufinden. Bastian Schweinsteiger hat die Rolle des Chefs längst übernommen. Das ist die Chance für den Umbruch im DFB-Team.

Michael Ballack saß beim 4:0-Sieg der deutschen Nationalelf neben Oliver Bierhoff auf der Tribüne. Er trug ein dunkles Sakko, unter dem Sweatshirt schaute der helle Hemdkragen hervor. Um den Hals baumelte an einem langen roten Band sein Ticket. Er sprach auch mit Angela Merkel, er sah ein bisschen aus wie ein Funktionär.

Nach dem Schlusspfiff eilte Ballack hinunter zur Seitenlinie, er gratulierte den deutschen Spielern, die vor wenigen Wochen noch seine Teamkollegen waren. Eine Szene, die vor allem eines deutlich machen sollte: Ich! Gehöre! Noch! Dazu!

Es müssen harte Tage sein für Michael Ballack, den Kapitän außer Dienst. Verdammt schwer ist es, verletzt zuschauen zu müssen. Noch schwerer ist es, wochenlang verletzt zuschauen zu müssen. Doch mitanzusehen, wie die Mannschaft ohne einen selbst besser spielt - das ist beinahe unerträglich.

Abgeklärt verteidigten die Deutschen gegen Argentinien ihre frühe Führung, mit großem Selbstbewusstsein jagten Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira Superstar Messi immer wieder den Ball ab. Auch in den Drangphasen der "Gauchos" wirkten Löws Spieler nie verunsichert - und die eigenen Konter trugen sie mit großer Präzision vor. So stark hatte Deutschland in den vergangenen Jahren nie gespielt. "Das ist ein wenig unheimlich", sagte Ballack, "für mich tut es schon weh, ich hätte gerne auf dem Platz gestanden."


Deutschland 2010 spielt unbekümmert und abgeklärt zugleich. Schweinsteiger hat Ballacks Position übernommen - und auch dessen Rolle. Er gibt den Takt des Teams vor, er dirigiert, er ist ein echter Anführer. Die Mannschaft der kommenden Jahre wird um Schweinsteiger herum gebaut werden.

Der personelle Kern steht schon jetzt fest. Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil - sie alle haben bereits im vergangenen Jahr gemeinsam die U21-Europameisterschaft gewonnen. Auch Marko Marin und Dennis Aogo waren damals in Schweden dabei. "Der Geist von Malmö", beschrieb die "Süddeutsche Zeitung" diesen Block innerhalb der A-Nationalmannschaft. Der Erfolg bei der WM in Südafrika hat das Team nun weiter zusammengeschweißt, Schweinsteiger und Lahm, beide erst Mitte zwanzig, haben die Rolle der Routiniers übernommen. Es scheint, als wachse in Südafrika eine Mannschaft heran, die in den kommenden Jahren nur schwer zu schlagen sein wird.

Natürlich hat Michael Ballack bei jedem Tor gejubelt, mit der Mannschaft gefiebert, sich an dem berauschenden Fußball erfreut. Doch Ballack ist ein intelligenter Mann, der seine Karriere immer weitsichtig geplant hat. Er weiß: Jedes weitere Tor macht seine Rückkehr in die Nationalelf schwieriger.


"Wir sollten uns von dem Gedanken verabschieden, dass es Spieler gibt, die unersetzlich sind", sagte Oliver Kahn im ZDF. Und im Fall Ballack sind die Alarmsignale nicht mehr zu übersehen. Wenn sich Trainer und Mannschaftskollegen öffentlich für ihn stark machen müssen, dann bedeutet das nichts anderes als: Seine Position ist deutlich schwächer geworden.

Natürlich solle Ballack wiederkommen, sagte Schweinsteiger mit der Höflichkeit eines Nachfolgers dem "Focus". "Es kann ja durchaus sein, dass wir mit ihm noch viel besser spielen. Man merkt eben hier und da, dass uns die Erfahrung ein bisschen fehlt."

Gegen Argentinien war nichts davon zu spüren, dass Erfahrung fehlt. Nicht einmal ein bisschen hier und da.


Welche Rolle bleibt für Michael Ballack? Er war vor seiner Verletzung der Platzhirsch, seine Spielweise und Ausstrahlung machten ihn automatisch zum Anführer. Unvergessen die Szene aus dem vergangenen Jahr, als er Lukas Podolski im WM-Qualifikationsspiel gegen Wales (2:0) wegen taktischer Fehler zusammenstauchte. Podolski wusste sich nur mit einer Backpfeife zu verteidigen.

Nun hat sich die Mannschaft ohne Ballack verändert. Lahm und Schweinsteiger und auch Klose führen auf ruhigere Art, die Hierarchien sind flacher geworden. "Jeder läuft für den anderen", das ist einer der liebsten Sätze dieses Teams geworden. Die Spieler sagen ihn oft. Es ist fraglich, ob einer wie Ballack sich in solch ein Gefüge einordnen kann.


Unbestritten ist, dass er mit seinen fußballerischen Fähigkeiten noch immer jeder Mannschaft auf der Welt helfen kann - auch Bayer Leverkusen, sein neuer Verein, wird von Ballack profitieren. In Löws favorisiertem 4-2-3-1-System kommt für den Mann, den Jürgen Klinsmann "Capitano" nannte, allerdings nur die zentrale Position im defensiven Mittelfeld in Frage. Dort ist Schweinsteiger aber nicht mehr zu verdrängen, und Khedira wird seinen Platz kaum freiwillig hergeben.

"Eine Erkenntnis dieser WM ist: Der Altersschnitt einer Mannschaft muss sehr niedrig sein", sagte Löw im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Qualität, hohe Belastbarkeit und Siegeswille seien das Wichtigste. "Das alles geht eindeutig vor Erfahrung", sagte der Bundestrainer.

Ballack ist immer noch ein Spitzenfußballer, sein Ziel ist die EM 2012. Doch irgendwann muss der Umbruch in einer Mannschaft vollzogen werden. Vielleicht ist die Chance nie wieder so groß wie jetzt.

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insgesamt 279 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.07.2010 von Kerkyra: Ballack

Dann mag es so sein, wen dem so wahr, dass ich da was falsch in Erinnerung habe. mehr...

07.07.2010 von rkinfo: Ade Endspiel ...

tja, das Alter hat uns wieder ... Es reicht auch diesmal 'nur' für das Spiel um Platz 3. Und wenn die WM 2014 in Brasilien ist kann man auf übermotivierte Brasilianer und sonstige Südamerikaner setzen. Wer heute noch Jung [...] mehr...

07.07.2010 von Franz_Heidb: Nicht nur aufs Siegen kommt es an, aber es muß immer einen Gewinner geben!

Natürlich geht es nicht nur um Siege, selbst die Argentinier wurden gefeiert bei ihrer Rückkehr und das wird die Deutsche Mannschaft auch erleben. Alle können zufrieden sein, es hat streckenweise Spass gemacht zuzuschauen und [...] mehr...

06.07.2010 von fpa: Geht es ausschließlich um Siege?

Meinen Sie nicht, dass Sie damit die Leistungen von 2006 überbewerten? Gut, da sind wir auch ins Halbfinale gekommen und wurden schließlich 3. Aber jetzt spielt unsere NM doch einen ganz anderen Fußball. Selbst wenn es diesesmal [...] mehr...

06.07.2010 von Franz_Heidb: was wäre wenn

Wenn wir Weltmeister werden, wird jeder einzelne Spieler aus dem Kader auf Lebenszeit einen Heiligenschein in Deutschland mit sich herumtragen und der Jugendwahn wird es jedem Spieler älter als 25 schwer machen, einen Platz in der [...] mehr...

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DFB-Kader WM 2010

Tor: Hans Jörg Butt (Bayern München), Manuel Neuer (Schalke 04), Tim Wiese (Werder Bremen)

Verteidigung: Dennis Aogo (Hamburger SV), Holger Badstuber (Bayern München), Jérôme Boateng (Hamburger SV), Arne Friedrich (VfL Wolfsburg), Marcell Jansen (Hamburger SV), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (Werder Bremen), Serdar Tasci (VfB Stuttgart)

Mittelfeld: Sami Khedira (VfB Stuttgart), Toni Kroos (Bayer Leverkusen), Marko Marin (Werder Bremen), Mesut Özil (Werder Bremen), Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Piotr Trochowski (Hamburger SV)

Angriff: Cacau (VfB Stuttgart), Mario Gómez (Bayern München), Stefan Kießling (Bayer Leverkusen), Miroslav Klose (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Lukas Podolski (1. FC Köln)

Deutschlands WM-Bilanz
1930 nicht teilgenommen
1934 Spiel um Platz drei (3:2 gegen Österreich)
1938 Achtelfinale (2:4 gegen Schweiz)
1950 nicht teilgenommen
1954 Weltmeister (3:2 gegen Ungarn)
1958 Spiel um Platz drei (3:6 gegen Frankreich)
1962 Viertelfinale (0:1 gegen Jugoslawien)
1966 Finale (2:4 n.V. gegen England )
1970 Spiel um Platz drei (1:0 gegen Uruguay)
1974 Weltmeister (2:1 gegen Niederlande)
1978 2. Gruppenphase
1982 Finale (1:3 gegen Italien)
1986 Finale (2:3 gegen Argentinien)
1990 Weltmeister (1:0 gegen Argentinien)
1994 Viertelfinale (1:2 gegen Bulgarien)
1998 Viertelfinale (0:3 gegen Kroatien)
2002 Finale (0:2 gegen Brasilien)
2006 Spiel um Platz drei (3:1 gegen Portugal)
2010 Spiel um Platz drei (3:2 gegen Uruguay)




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