Aus Johannesburg berichtet Jens Weinreich
Es geht dem Ende entgegen. Viermal hebt "Fifa One" noch ab. An Bord der gecharterten Falcon 7X: Joseph Blatter mit seiner Entourage. Der Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa fliegt am Dienstag von Johannesburg nach Kapstadt (zum Halbfinale zwischen Holland und Uruguay), am Mittwoch von Kapstadt nach Durban (zum Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien), wohl in der Nacht noch zurück nach Johannesburg - und kommende Woche nach Zürich, in die Konzernzentrale. Dann ist der Spuk vorbei, die temporäre Herrschaft der Fifa beendet, und Südafrika kann wieder Südafrika sein. Mit eigenen Regeln und Gesetzen, befreit vom Diktat der Fifa-Marketingpolizei.
"Fifa One" nennen sie das Flugzeug tatsächlich, in Anlehnung an die "Air Force One" des US-Präsidenten. So wie sich Blatter vor Jahren das Kürzel JSB (Joseph Sepp Blatter) gegeben hat, in Anlehnung an John F. Kennedy. Diese Hybris leistet er sich, denn JSB betrachtet sich nicht nur als Präsident eines Sportverbands, sondern als Oberhaupt einer Familie von einer Milliarde Menschen - Blatter zählt stets alle aktiven Fußballer und deren Angehörige zusammen - und sogar als Chef einer Weltreligion. "Der Fußball ist mehr als eine einzelne Religion", formuliert er salbungsvoll.
Am Sonntag eröffnete er mit Südafrikas Präsidenten Jakob Zuma, seinem wichtigsten Partner im WM-Joint-Venture, in der Township Alexandra das Festival "Football for Hope". Es geht nicht nur um Fußball, sondern um Bildung und Gesundheitsvorsorge. Viele Millionen Dollar hat die Fifa in Entwicklungshilfeprojekte investiert. Bildung, Armut, Hunger, Frieden - das sind Blatters Themen. Er verkauft sich als Wohltäter.
"Ich arbeite für die Zukunft, für die Jugend. Das ist meine Mission"
Die Fifa-Propaganda ist auf die Akquise des Friedensnobelpreises ausgerichtet. Dafür werkeln etliche Lobbyisten, und Blatter plaudert, wenn man ihn fragt, recht freimütig über die "vielen Initiativen", die an ihn herangetragen werden: "Wir unterstützen dich für einen Nobelpreis!" Wenn es dazu käme, würde er nicht ablehnen: "Sicher nicht. Ich meine, das wäre ja wirklich etwas Unverständliches!"
Den Fifa-Slogan hat er schon vor drei Jahren ändern lassen. Bis dahin hieß es: "Für das Gute im Spiel." Jetzt heißt es: "Für das Spiel. Für die Welt." Auf dem Fifa-Kongress rief er Anfang Juni den Delegierten zu: "Ich arbeite für die Zukunft, für die Jugend. Das ist meine Mission."
Dabei hat doch diese WM gezeigt, dass die Fifa gut daran täte, sich auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren und einen professionellen sportlichen Wettbewerb zu garantieren. Davon aber kann angesichts der vielen haarsträubenden Fehlentscheidungen der WM-Schiedsrichter keine Rede sein. Dem weltweiten Proteststurm begegnete Blatters Crew zunächst mit einem Schweigegelübde nach Art nordkoreanischer Parteibonzen. Die Informationspolitik der Fifa, laut Blatter "eine transparente Organisation", ist vorsintflutlich. Oder sollte man besser sagen, die Fifa betreibe eine Desinformationspolitik?
Fragen sind nicht erwünscht
Zum Beispiel der Dienstag vor einer Woche: In Sandton versprach Blatter ausgewählten Journalisten, das Schiedsrichter-Problem anzugehen und seine starre Haltung zu überdenken, technische Hilfsmittel wie den Videobeweis, Torkameras oder den Chip im Ball nicht zuzulassen. Parallel zu dieser Gesprächsrunde hatte die Fifa ins Trainingslager der WM-Schiedsrichter geladen. Doch den Referees war es weiter verboten, ihre Leistungen zu kommentieren. Erst als die Journalisten das Camp in der Nähe von Pretoria verlassen hatten, gab die Fifa die Teams für die letzten Spiele bekannt. Einigen der ausgebooteten Schiedsrichter, etwa dem Schweizer Massimo Busacca, der den südafrikanischen Torhüter Itumeleng Khune zurecht des Feldes verwiesen hatte, hätte man gern einige Fragen gestellt. Doch das war nicht erwünscht.
Abkommen gehören zum Geschäftsprinzip der Fifa
Auch im wichtigsten Kampf stellte Blatter schon vor der WM die Weichen. Ende Februar hatten ihn die mächtigsten asiatischen Fußball-Funktionäre herausgefordert: Mohammed Bin Hammam aus Katar und der Hyundai-Spross Chung Mong-Joon aus Südkorea. Die Erzfeinde, beide Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, forderten eine Begrenzung der Amtszeit für Fifa-Präsidenten und verkündeten einen Gegenkandidaten zur Präsidialwahl im kommenden Jahr. Blatter hatte schwer zu tun, um die Revolte niederzuschlagen, um dann auf dem Fifa-Kongress seine erneute Kandidatur zu verkünden: "Ich bin bereit, wenn ihr wollt", rief er den Delegierten aus 207 Nationen zu: "Ich bin glücklich! Ich bin ein glücklicher Fifa-Präsident! Unsere Familie ist vereint!"
Wie lange der Burgfrieden hält? Auf diese Frage gibt es Anfang Dezember eine Antwort. Dann vergeben Blatters Tafelritter, die 24 Fifa-Exekutivler, die Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Sollten diese Turniere rein zufällig in Russland (2018) und Katar (2022) stattfinden, wäre Blatters Zukunft auf dem Fifa-Thron gesichert.
Um irgendwelche Händel geht es immer in der Fifa, Abkommen gehören zum Geschäftsprinzip. So wurde vor zwei Wochen der Deal öffentlich, den die Fifa, zahlreiche hohe Fifa-Funktionäre und die Staatsanwaltschaft Zug in aller Stille geschlossen haben: Korrupte Fußball-Offizielle, die einst von der Marketingagentur ISL/ISMM viele Millionen Franken Bestechungsgeld kassiert hatten, kauften sich gegen 5,5 Millionen Franken frei. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein, die Namen der Funktionäre werden gewissermaßen staatlich sanktioniert verheimlicht. So läuft das in der Fifa. So läuft das in Sepps Reich.
Seit 1975 arbeitet Blatter für die Fifa. Zunächst als Technischer Direktor, dann seit 1981 als Generalsekretär, seit 1998 als Präsident. Er hatte einst versprochen, die Amtszeit auf acht Jahre zu begrenzen. Inzwischen ist er zwölf Jahre Präsident und wird 2011 wahrscheinlich per Akklamation im Amt bestätigt. Er sagt schon jetzt: "Ich würde nie sagen, das sei meine letzte Amtszeit. Man weiß nie."
Er würde sogar 2015 wieder antreten. Er will es. Wenn die Gesundheit mitspielt. JSB, der Vielflieger aus der "Fifa One", ist schon 74 Jahre alt. Der Arzt ist immer dabei, manchmal auch im gecharterten Flieger. Denn die Naturgesetze kann selbst Joseph Blatter nicht außer Kraft setzen.
Auf anderen Social Networks posten:
Klar ist, dass der Sport seit längerem zur Nebensache geworden ist und der Kommerz an erster Stelle steht. Auch bei der aktuellen Weltmeisterschaft in Südafrika ist dieser Status quo deutlich zu erkennen. Sämtliche Einahmen aus [...] mehr...
Kaum zu fassen: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,421389-3,00.html Das war den Deutschen ein Bundesverdienstkreuz wert. mehr...
In der Zusammenfassung des Spiels Deutschland-England auf fifa.com kommt das nichtgegebene Tor für England nicht vor. Im Gegensatz zu allen Chancen und Toren davor und danach. Eine solch große Organisation, die mit ihren eigenen [...] mehr...
Apropos "Verdienste": die FIFA zahlt ja bei den ganzen Turnieren keine Steuern. Auch 2006 in Deutschland nicht. Ist eigentlich cool. Der Finanzminister bzw. das Kabinett kann per Handschlag sozusagen jeder beliebigen [...] mehr...
Komisch. Jeder halbwegs interessiert weiß doch, dass der Blatter korrupt ist. Aber richtig wahr genommen wird das wohl erst, wenn Franz Beckenbauer es in irgendein Mikro posaunt.... mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-WM 2010 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH