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08.07.2010
 

Niederlage gegen Spanien

Gefeiert, geschlagen, gereift

Aus Durban berichtet Christian Gödecke

Foto: dpa

Schon wieder hat Spanien das DFB-Team auf dem Weg zu einem großen Titel gestoppt. Die beste Mannschaft der Welt war zu stark für die zweitbeste, sie brillierte mit Kurzpässen, Seitenwechseln, Raumdeckung in Perfektion. Der jungen Löw-Truppe gehört trotzdem die Zukunft.

Er liegt einfach nur da, die Arme von sich gestreckt, die Knie angezogen. Bastian Schweinsteiger sieht aus, als würde er nach Mekka beten. Um ihn herum stehen seine Kameraden, ihre Köpfe hängen. Arne Friedrich ist der erste, der die Hände hebt und klatscht, der Applaus für die Fans ist ja zu einem Ritual geworden in den vergangenen Jahren. Nach den vielen Siegen und den wenigen Niederlagen. Joachim Löw geht in die Kabine, Schweinsteiger liegt immer noch da.

Jetzt rappelt er sich auf, um ihn herum heben sich langsam die Köpfe, Manuel Neuer geht zu Andreas Köpke. Köpke streichelt kurz den Rücken des Torhüters, vor der Auswechselbank unterhalten sich Oliver Bierhoff und Hans-Dieter Flick, sie blicken mit verschränkten Armen auf den Rasen und all das Leid. Spanische Spieler laufen langsam auf die deutschen zu, sie schütteln Hände, streicheln Köpfe. Es sind Gesten der Sieger.

Bastian Schweinsteiger bekommt das Trikot von Andrés Iniesta. Er legt es sich um den Hals wie ein Handtuch, spricht lange mit Philipp Lahm. Dann geht er als letzter vom Feld wie ein Kapitän von einem sinkenden Schiff.


Die jüngere deutsche Fußballgeschichte hat immer wieder solche Szenen produziert. Leitfiguren der DFB-Teams wollten allein sein mit sich und dem Frust, so kurz vor dem großen Ziel gescheitert zu sein. Der am Pfosten sitzende Oliver Kahn nach dem verlorenen WM-Finale 2002, der am Pfosten lehnende Jens Lehmann 2008. Jetzt Schweinsteiger, der während des Turniers zum Kopf seiner Mannschaft wurde - und nach dem 0:1 gegen Spanien am dramatischsten litt.

Später wird Bastian Schweinsteiger gefragt, ob diese WM ein Erfolg für die deutsche Mannschaft sei. Man kann sich die Fanmeilen in Deutschland anschauen oder die Weltpresse lesen, die dieses DFB-Team liebt für seine Spielweise. Demnach wäre diese WM ein Erfolg, trotzdem.

Aber Schweinsteiger sagt: "Auch wenn alle sagen, dass wir ein tolles Turnier gespielt haben, sind wir doch sehr geknickt." Er wolle nicht schon wieder mit leeren Händen nach Hause kommen, hatte Schweinsteiger vor dem Halbfinale gefordert. Ein Erfolg, das meinte Schweinsteiger, wäre nur der Titel.

Statt um den Titel spielt die deutsche Mannschaft am Samstag gegen Uruguay um den dritten Platz (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), weil sie auf dem Papier ein Tor schlechter war als Spanien.


Und ein Tor, ein einziges, ist es das schon?

Nicht immer bestimmt die Höhe der Niederlage die Größe des Schmerzes, gerade gegen Spanien. Es war ja schon 2008 eher die Art und Weise und die dumpfe Machtlosigkeit. Das Gefühl, chancenlos gewesen zu sein. So wie dieses Mal auch. "Spanien hat das beste Team der Welt", sagt Schweinsteiger.

Tatsächlich hat man selten eine Mannschaft gesehen, die der Perfektion des modernen Fußballs so nahe gekommen ist wie dieses Spanien. Eine Mannschaft, die vorn Dreiecke aus Kurzpässen baute, in der Andrés Iniesta mal links und mal rechts spielte und Xavi überall war. In der jeder ballführende Spieler drei Anspielstationen hatte. Zu sehen waren schnelle Kurzpässe und immer wieder Seitenwechsel. Und dann diese Raumdeckung! Das Mittelfeld - ein undurchdringliches Netz. Weil die Außenverteidiger aufrückten und Sergio Busquets sich fallen ließ - ein 3-6-1.


"Die Spanier haben sich clever fallen lassen. Wenn wir mal in Ballbesitz kamen, waren wir zu kaputt und müde zum Umschalten", sagt Miroslav Klose. Auch seine Augen sehen müde aus. Klose ist sehr viel gelaufen in diesem Spiel, genauso wie seine Teamkollegen, aber vor allem dem Ball hinterher. Dabei war es bei diesem Turnier eigentlich immer so, dass die anderen den Deutschen hinterher gerannt sind. Aber Argentinien, Australien oder England wirken gegen dieses Spanien plötzlich sehr provinziell.

War es am Ende der Respekt vor der Größe des Gegners, der die deutsche Mannschaft erstarren ließ? Man hört später viele Spieler sagen, dass der Mut im Spiel der Löw-Kicker gefehlt habe. Manuel Neuer sagt das, Philipp Lahm, Klose, Schweinsteiger, Toni Kroos. Und auch Joachim Löw: "Die Mannschaft hat heute nicht mit dem Mut und der Überzeugung wie in den ersten Spielen agiert." Das Gegenteil von Mut wäre Angst.

Aber es war wenig von Angst zu sehen im deutschen Spiel, das in der ersten Hälfte taktisch gar nicht schlecht war. Spanien dominierte zwar die ersten zwanzig Minuten, ohne aber zwingend zu sein. Eine Chance von David Villa, ein Kopfball von Carles Puyol, das war's. Haften blieben die vielen Male, in denen Per Mertesacker seinen Fuß in einen Steilpass stellte. Oder die Szene, in der Mesut Özil auf Iker Casillas zulief - und zu spät schoss. Angst war auch in der zweiten Hälfte nicht zu beobachten, als Toni Kroos die Chance zum 1:0 hatte und Casillas traf statt das Tor. Als sich Schweinsteiger immer wieder furchtlos auf den Boden warf, Philipp Lahm grätschte oder Marcell Jansen anrannte.

Es war nicht der Mut der fehlte, sondern die Klasse.

Spanien ist Deutschland in der fußballerischen Entwicklung Jahre voraus. Das Team profitiert von seinem Barcelona-Block, es profitiert von seiner Erfahrung und der Selbstverständlichkeit, die mit den Erfolgen wächst. Es profitiert von seinen Innenverteidigern, die allesamt eigentlich Mittelfeldspieler sind und brillant in der Spieleröffnung. Spanien ist Löws Ideal - er muss sich natürlicherweise noch gedulden, bis sein eigenes Team das Vorbild erreichen kann. "Sie sind über drei Jahre eingespielt", sagt Löw selbst. Er glaube aber, "dass wir solche Spiele in Zukunft erfolgreich gestalten."

Und genau deshalb ist dieses Turnier ein Erfolg und keine Enttäuschung. Der Erfolg wiegt keine 6,2 Kilogramm wie der WM-Pokal, er wiegt mehr - es ist die Gewissheit, dass dieser jungen Mannschaft die Zukunft gehört.


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insgesamt 1748 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.07.2010 von ray4901: Der arme Zwanziger

Der arme Dr. Zwanziger, wo er sich doch schon mit Rücktrittsgedanken beschäftigt. "Bierhoff, Löw und Co" paktieren also mit Spielerberatern. SIe können das sicher sauber belegen. Spekulieren können Sie dann, ob auch [...] mehr...

20.07.2010 von communist: Genau

und wenn erst rauskommt, dass der DFB von Scientology unterwandert ist, bleibt nur eine Wahl: Tom Cruise muss Bundestrainer werden! Natürlich nur, um mit anzusehen, wie der unorganisierteste, erfolgloseste, kleinste [...] mehr...

20.07.2010 von dongiovanni25:

Komm, komm, Daum hatten wir doch schon abgehakt, obwohl ich ihn als Fachmann sehe, aber wohl doch eher als Vereinstrainer, wo er dann schnell, nach 2-3 Jahren abfackelt. Nein, aber ein Magath, Hitzefeld, Schuster oder Rangnick, [...] mehr...

20.07.2010 von Keine Panik:

Das ist vielleicht der kritische Punkt daran. Jetzt kommt es auf die EM an! Schneidet die Mannschaft nicht gut genug ab, dann ist Löw wohl nicht mehr halten. Dann bleiben für den Nachfolger nur 2 Jahre für die WM. mehr...

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DFB-Kader WM 2010

Tor: Hans Jörg Butt (Bayern München), Manuel Neuer (Schalke 04), Tim Wiese (Werder Bremen)

Verteidigung: Dennis Aogo (Hamburger SV), Holger Badstuber (Bayern München), Jérôme Boateng (Hamburger SV), Arne Friedrich (VfL Wolfsburg), Marcell Jansen (Hamburger SV), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (Werder Bremen), Serdar Tasci (VfB Stuttgart)

Mittelfeld: Sami Khedira (VfB Stuttgart), Toni Kroos (Bayer Leverkusen), Marko Marin (Werder Bremen), Mesut Özil (Werder Bremen), Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Piotr Trochowski (Hamburger SV)

Angriff: Cacau (VfB Stuttgart), Mario Gómez (Bayern München), Stefan Kießling (Bayer Leverkusen), Miroslav Klose (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Lukas Podolski (1. FC Köln)
Deutschlands WM-Bilanz
1930 nicht teilgenommen
1934 Spiel um Platz drei (3:2 gegen Österreich)
1938 Achtelfinale (2:4 gegen Schweiz)
1950 nicht teilgenommen
1954 Weltmeister (3:2 gegen Ungarn)
1958 Spiel um Platz drei (3:6 gegen Frankreich)
1962 Viertelfinale (0:1 gegen Jugoslawien)
1966 Finale (2:4 n.V. gegen England )
1970 Spiel um Platz drei (1:0 gegen Uruguay)
1974 Weltmeister (2:1 gegen Niederlande)
1978 2. Gruppenphase
1982 Finale (1:3 gegen Italien)
1986 Finale (2:3 gegen Argentinien)
1990 Weltmeister (1:0 gegen Argentinien)
1994 Viertelfinale (1:2 gegen Bulgarien)
1998 Viertelfinale (0:3 gegen Kroatien)
2002 Finale (0:2 gegen Brasilien)
2006 Spiel um Platz drei (3:1 gegen Portugal)
2010 Spiel um Platz drei (3:2 gegen Uruguay)

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