Von Jürgen Kremb, Singapur
Wahrscheinlich war es ein Moment wie dieser, der den ersten Olympischen Jugendspiele in Singapur das ganz besondere Flair verlieh. Zu Beginn der zweiten Woche der Wettkämpfe in Südostasiens Bankenstadt war es, da trat plötzlich eine Athletin aus Kuba mit einem Jungsportler aus den USA an. Nein, nicht gegeneinander, sondern in einer Mannschaft.
Denn im modernen Fünfkampf, wie in anderen Sportarten, waren für die Jugendwettkämpfe in Singapur auf Maßgabe des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Regeln nicht nur so umgeschrieben worden, dass Sportler und Sportlerinnen in einer Mannschaft gemeinsam antraten. Vielmehr rannten, schossen und schwammen Athleten aus einem Kontinent gemeinsam in einer Mannschaft miteinander. Die deutschen Nachwuchsolympioniken etwa mit den Türken - und die Amerikaner mit dem Erzfeind aus Kuba eben.
"Dass wir da etwas vollbracht haben, was der Politik nicht gelingt", freut den Generalsekretär des deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper. "Ein Beweis", dass das IOC doch nicht so verkrustet sei, wie man dem Altherrenclub der fünf Ringe gemeinhin nachsagt.
Fast schon unheimliches Schulterklopfen
Selten gab es bei einem Großereignis, was sich "olympisch" nannte, so einhelliges Lob bei den Funktionären, so viel zufriedene Gesichter bei den Athleten und dazu gar gutgemeintes Schulterklopfen von den Medien. Kurz bevor die Schlussfeier der Jugendspiele mit genau der gleichen Urwerkspräzision und bunt-quirliger Show wie die beeindruckende Eröffnungsfeier herunterratterte, ließ IOC-Chef Rogge wissen: "Ich bin extrem begeistert." Sein Vize, Thomas Bach, der dem DOSB vorsteht, hatte am Mittwoch die Lobeslatte schon ziemlich hoch gelegt.
Was er in Singapur gesehen habe, meinte Bach, sei ihm regelrecht ans "olympische Herz gegangen." Es mache wirklich gar keinen Sinn, "jetzt das einzige Haar in der Suppe zu finden", antwortete er auf die Frage eines Journalisten, doch bitte mal ein Defizit der Spiele aufzuzeigen.
Damit blieben die Funktionäre selbst hinter dem Kritikniveau der einheimischen Lokalpresse zurück, der gemeinhin das Etikett "regierungskonform" anhaftet. Dort war zwar täglich über viele Druckseiten hinweg mit dem einer kleinen Nation üblichen Lokalpatriotismus über jede Bronzemedaille Singapurs in epischer Breiten berichtet wurde. Auch jedes Lob ausländischer Blätter fand Erwährung.
Kritik nur in der Lokalpresse
Aber in erquicklicher Frische zogen selbst die Lokaljournalisten mal darüber her, dass zu Beginn der Spiele die freiwilligen Helfer zunächst mit Essen in ungenügender Qualität versorgt worden seien oder für viele Wettbewerbe keine Tickets zu erhalten waren, obwohl die Wettkampfstätten teilweise noch halb leer waren.
Auch ein Thema konnte man dort nachlesen, was die Funktionäre von Bach bis Rogge gar nicht anfassen wollten. Offenbar wurmte es die an extrem niedrige Abgaben und ein sparsames, wenn auch effizientes Staatswesen gewohnten Singapurer Steuerzahler sehr, dass die Jugend-Olympiade mit einem Preis von gut 230 Millionen Euro weit über das Budget hinausgeschossen war.
Dabei war die saftige Rechnung von einem an sich guten Einfall des IOC zu der Jugend-Olympiade ausgelöst worden. Außer dass die mächtigen Sportfunktionäre vorschrieben hatten, dass für die Jugendspiele allerhand Fun-Wettbewerben wie den nach Nationen gemischten Fünfkampf oder das Drei-gegen-Drei Street-Basketball auf die Agenda zu setzen seien, hatten sie den Spielen nämlich strenge Regeln auferlegt. Eine lautete etwa, dass aus Kostengründen keine neuen Wettkampfstätten gebaut werden dürfen. Auch sollten die Wettkämpfe nicht zu Kommerzspielen verkommen. Deshalb schieden die üblichen Sponsoren aus dem Lager der Soft-Drink-Produzenten und Fast-Food Ketten aus, die sich bei "normalen" Spielen als sprudelnde Dollarquellen erweisen.
Medaillen statt Miteinander
Überdenken muss man beim IOC wohl noch einmal die Sache mit den Medaillen und den angeblich nur am gegenseitigen Miteinander der Jugend orientierten Spielen. Rogge hatte davon geträumt, dass es bei der Jugendolympiade keinen Medaillenspiegel gebe, der die Sieger nach Nationen ausweise. Damit hatte er schon bei der Initiierung der Spiel Schiffbruch erlitten.
Das hinderte die deutschen Funktionäre aber nicht daran, dies nicht wahr haben zu wollen. Vesper sagte: "Uns interessiert der Medaillenspiegel nicht. Es geht um die Begegnung unter jungen Sportlern." Gut! Und Bach meinte: "Jeder Athlet kam nach Singapur, um seine persönliche Bestleistung zu geben, nicht unbedingt Medaillen zu gewinnen."
Nationen wie China und Russland sahen das aber ganz anders. Ihre Teams waren mit all jenen Sportler zwischen 14 und 18 Jahren angereist, die auch als größte Hoffnung für die Spiele in London 2012 galten. Und auf der Nationenwertung landete sie deshalb auch ganz vorne.
Dass sich die deutschen Funktionäre aber mit der Behauptung, es sei bei den Spiele nur um die internationale Begegnung gegangen, auch am eigenen Kader vorbei reden, zeigt der Ehrgeiz des eigenen Nachwuchses. "Als Athlet trainiere ich das ganze Jahr, und es stand außer Zweifel, dass ich hier auch Gold holen will", sagt etwa die 17-jährige Diskuswerferin Shanice Craft aus Mannheim, die mit 55,49 Meter auch prompt das gewünschte Edelmetall nach Hause holte. Oder der Degenfechter Nikolaus Bodoczi, der als Jugendweltmeister auf Gold hoffte: "Ich bin hergekommen, um Sieger zu werden." Dass es "nur" Silber wurde, bezeichnet der 17-Jährige als "bitterste Niederlage seines Lebens."
Dass Bodoczi die Organisation der Spiele trotz Frust als das "Perfekteste" beschreibt, was er jemals bei einem Wettkampf erlebt hat, zeigt, dass es bei den Spielen vor allem einen Gewinner gab: Die austragende Nation nämlich.
Für einen Ministaat mit gerade mal fünf Millionen Einwohner, der vor wenigen Jahren noch durch sein Kaugummi-Verbot bekannt und als Legoland-Kulisse verachtet war, hat sich die Dienstleistungsmetropole mit dem sportlichen Großereignis ihr neues Image - der Spiel- und Spaßmetropole von Asien gesichert, dem Kontinent der Jugend und wirtschaftlichen Zukunft.
Auf anderen Social Networks posten:
Ach wie herrlich, wenn man sich als Funktionär selbst beweihräuchern & gleichzeitig in die eigene Tasche lügen kann. Es geht nicht, um Medaillen. DAS ist ein sportlicher Wettkampf & gleichzeitig ein Test für die [...] mehr...
Schade, dass der Artikel nicht darauf eingeht, dass die Spiele gleich bei der ersten Ausgabe ihre Unschuld verloren haben. Ein iranischer Taekwondo-Kämpfer ist im Finale nicht gegen den Israeli angetreten. Ein Wort des IOC, dass [...] mehr...
Es würde mich nicht wundern, wenn gleichzeitig ein Kongress der Pharmaindustrie stattgefunden hätte. Man sollte doch schon dem Sportlernachwuchs die Möglichkeiten aufzeigen. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH