• Drucken
  • Senden
  • Feedback
27.08.2010
 

Nationalelf

Wie Löw Ballack abserviert

Von Peter Ahrens und Jan Reschke

Fotostrecke: Lahm vs. Ballack - die Kapitänsfrage
Fotos
Getty Images

Mit dem Verzicht auf die Nominierung von Michael Ballack bleibt Joachim Löw seiner Methode treu: Er verschiebt die Lösung eines Konflikts auf einen Zeitpunkt, den allein er bestimmt. Doch die Entscheidung über Ballacks künftige Rolle in der Nationalelf hat der Bundestrainer ohnehin schon gefällt.

Für Bundestrainer Joachim Löw geht eine gute Woche zu Ende. Am Montag hat er beim Spitzengespräch mit dem DFB seine Machtposition gegenüber Sportdirektor Matthias Sammer in Sachen U-21-Nachwuchs gefestigt, am Freitag hat er damit begonnen, die Personalie Michael Ballack in seinem Sinne zu erledigen. Mit dem Verzicht auf die Nominierung Ballacks für die kommenden Länderspiele gegen Belgien (3. September 20.45 Uhr) und Aserbaidschan (7. September 20.45 Uhr) hat Löw die Lösung des schwelenden Streits um das DFB-Kapitänsamt zwischen Michael Ballack und Philipp Lahm offiziell zwar verschoben.

Faktisch hat er den Anfang vom Ende der Ära Ballack in der Nationalmannschaft eingeläutet.

Die Argumente machen es Löw derzeit leicht: Beim WM-Turnier haben andere Ballacks Rolle zu aller Zufriedenheit ausgefüllt, nach einer aktuellen Umfrage des Sport-Informations-Dienstes halten 60 Prozent der Deutschen den Bayern-Verteidiger Philipp Lahm für einen besseren DFB-Kapitän als den Leverkusener. Zudem ist Ballack nicht fit. Zum Bundesliga-Auftakt in Dortmund zeigte Bayer Leverkusen zwar eine ganz starke Leistung - nur ein Bayer-Profi war sichtlich von seiner Bestform entfernt: Ballack. Selbst die eigenen Vereinsoberen hatten in den vergangenen Tagen dafür plädiert, dass er nach seiner schweren Verletzung erst wieder seine Bestform erreichen solle. Löws Entscheidung sei "sehr vernünftig", befand Bayer-Sportdirektor Rudi Völler. Selten hat sich ein Verein so darüber gefreut, dass einer seiner Spieler nicht für Länderspiel-würdig erachtet wurde.

Löws Art des Umgangs hat Methode

So konnte Löw bei seiner Entscheidung in Übereinstimmung mit allen maßgeblichen Leuten im Liga-Fußball auf Ballacks fehlende Fitness verweisen, ohne damit den Eindruck zu erwecken, eine Vorentscheidung über die künftige Hierarchie in der Nationalelf zu fällen. Dabei ist das längst passiert: gegen Ballack.

In der Öffentlichkeit spielt der Bundestrainer auf Zeit. Wie Löw die Kapitänsfrage löst, in dem er sie scheinbar verschiebt, das hat Methode. Ob die Personalie Kevin Kuranyi, die eigene Vertragsverlängerung nach dem WM-Turnier oder vor allem der Umgang mit dem Bremer Torsten Frings, den Löw regelrecht abservierte, als er ihn für verzichtbar im Team hielt - in allen Fällen hat Löw die Entscheidung so lange hinausgezögert, bis sie überreif war und kaum noch öffentliche Aufregung ausgelöst hat.

Der Bundestrainer ist kein Mensch der spontanen Beschlüsse. Er hat seinen Plan bis 2012 schon im Kopf, und Michael Ballack spielt darin keine zentrale Rolle mehr.

Wenn Löw über Fußball redet, spricht er am liebsten über Konzepte. Der Bundestrainer denkt in Perspektiven, in großen Linien. Ein fast 34-Jähriger kommt darin nur noch begrenzt vor. Erst recht, wenn er nicht topfit ist. Ballack muss erst noch den Beweis erbringen, dass er wieder der Alte werden kann. Er wäre nicht der erste Spieler, der durch eine schwere Verletzung so aus der Bahn geworfen würde, dass er das vorherige Niveau anschließend nicht mehr erreichte.

Das Sechser-Duo steht

Im sportlichen Konzept von Löw dürfte Ballack aber selbst in Vollbesitz seiner Kräfte derzeit nur an hinterer Stelle stehen. Hinter Bastian Schweinsteiger. Hinter Sami Khedira. Immerhin noch vor Spielern wie Christian Träsch oder Thomas Hitzlsperger. Aber im Hintergrund wartet auch noch der noch verletzte Simon Rolfes. Der Mannschaftskollege Ballacks bei Bayer ist erklärtermaßen einer der Lieblingsspieler Löws. Ballack ist auf dem Weg, im defensiven Mittelfeld lediglich nur noch eine von mehreren Optionen zu sein.

Damit muss er sich abfinden. Zu überzeugend waren die gemeinsamen Auftritte von Khedira und Schweinsteiger bei der WM, als dass Löw dieses vielversprechende Duo nun wieder auseinanderreißen würde. Ein Sami Khedira, der bei Real Madrid, wie es derzeit aussieht, einen Stammplatz innehat, dürfte wenig Neigung verspüren, den Platz in der Nationalmannschaft herzugeben. Schweinsteiger ist in seiner gegenwärtig konstanten Topform ohnehin fern jeglicher Diskussion.

Zudem hat Löw mit den beiden defensiven Mittelfeldspielern eine Achse, die auch in den Jahren nach der EM 2012 in Polen und der Ukraine Bestand haben dürfte. Für Ballack ist dagegen nach diesem Turnier definitiv Schluss in der Nationalmannschaft.

Ballack ist bei der EM fast 36 Jahre alt

Der Leverkusener ist bei der Europameisterschaft fast 36 Jahre alt. Und er macht gerade eine ganz neue Erfahrung. Erstmals seit gut zehn Jahren in der Nationalmannschaft ist ein Michael Ballack nicht nur ersetzbar, es scheint gar schwierig, ihn überhaupt noch in das funktionierende Ensemble einzubauen.

Ballack ist und bleibt ein erfahrener Spieler, der in vielen Drucksituationen bewiesen hat, einer Mannschaft helfen zu können. Seine Klasse ist bei optimaler Fitness zweifellos unbestritten, seit nunmehr über einem Jahrzehnt spielt er auf höchstem europäischen Niveau.

Auf so einen Spieler muss Löw nicht freiwillig verzichten - aber nur dann, wenn Ballack sich mit dem Gedanken anfreunden kann, künftig auch mal auf der Bank Platz nehmen zu müssen oder früh ausgewechselt zu werden. Der Capitano, der Teamleader der Turniere von 2006 und 2008, der 98-fache Nationalspieler, er wäre dann nur noch Ergänzungspieler.

Doch ist er dafür der Typ? Kaum zu glauben.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 94 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.08.2010 von QuixX: Hohe Dunkelziffer auf der Tribüne

Vielen würde der *hübsche* Ballack fehlen. mehr...

29.08.2010 von nedzad1980: Ende gut, alles gut!

Tja, das stimmt eigentlich.. das wäre das passende Ende für einen derart schwachen Artikel... ;) mehr...

29.08.2010 von DieTante: Haiaiai

Klasse - sowas von Off-Topic muss man auch erst mal hinbekommen! mehr...

28.08.2010 von BiHo: Löw & Erfolg???!

Naja, ich kann nicht wirklich sehen, wo "Yogi" Erfolg hatte - naja vlt. beim blauen Shirt. Mal im Ernst: Soll er sich doch erst mal als <B>Homo</B> outen und dann^^ Ballack so abservieren ist absolut [...] mehr...

28.08.2010 von dieha: richtig !!

damit könnte man ES eigentlich belassen ! mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik Fußball
alles zum Thema Fußball-Nationalmannschaft

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Vote

Verzicht auf Ballack

Hat Bundestrainer Joachim Löw die richtige Entscheidung getroffen?

  • Ja, Löw hat genau richtig entschieden
  • Nein, Ballack hätte nominiert werden müssen

Kader gegen Belgien und Aserbaidschan

Getty Images
Tor: Neuer (S04), Adler (LEV) und Wiese (BRE)
Abwehr: Badstuber (FCB), Jansen (HSV), Lahm (FCB), Mertesacker (BRE), Riether (WOB) und Westermann (HSV)
Mittelfeld: Khedira (MAD), Kroos (FCB), Marin (BRE), Müller (FCB), Özil (MAD), Schweinsteiger (FCB) und Träsch (STU)
Angriff: Cacau (STU), Gomez (FCB), Klose (FCB), Kießling (LEV) und Podolski (KÖL)

Themenseiten Fußball

Tabellen





TOP



TOP