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30.08.2010
 

Offensive Bundesliga

Willkommen in der Torfabrik

Von Christoph Biermann

Bundesliga: Tage der offenen Tür
Fotos
REUTERS

Die Stürmer im Rausch, die Defensive porös  - mit seiner Tore-Flut hat der zweite Bundesligaspieltag die Lust am Spektakel befriedigt. Über Drama-Spiele freut sich der Zuschauer, der Trainer ärgert sich. Beherrschen die Verteidiger von heute ihr Geschäft einfach nicht mehr?

Die Bundesliga-Saison hat noch gar nicht richtig begonnen, da gibt es bereits genug Material für große Emotionen. Während die einen sich fühlen wie im Gruselschocker, schweben die anderen im siebten Himmel. 39 Tore fielen allein an diesem Wochenende und lieferten eine Fülle von Szenen, die die Herzen der Fußballfans verzückten. Allein in Leverkusen konnten die Stadionbesucher neun Treffer bejubeln. "Wir haben Gladbach zur Party eingeladen, und dafür sind wir bestraft worden", sagte Bayer-Coach Jupp Heynckes. Zur allgemeinen Torflut in der Bundesliga trugen mit Gladbach und Mainz in erster Linie zwei kleinere Teams bei, die sich eher nicht an den Champions-League Plätzen orientieren. Doch die Einladung der Gegner konnten sie nicht ausschlagen. "Wir haben uns das Leben heute selbst schwer gemacht", sagte Keeper René Adler nach der Pleite.

Für manch einen bedeutet dieses Wochenende einfach nur "Das große Abwehrdesaster". Schalkes einst marmorharte Abwehr verwandelte sich in porösen Sandstein, während Bayer Leverkusen zum ersten Mal in seiner Bundesligageschichte sechs Gegentreffer im eigenen Stadion kassierte, das 3:6 gegen Gladbach war zugleich die höchste Heimniederlage seit 26 Jahren. Und mit dem VfL Wolfsburg verlor zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten wieder eine Mannschaft daheim trotz 3:0-Führung.

Grund genug einen Blick auf die wackligen Hintermannschaften zu werfen. Anschauungsmaterial dafür gab es an diesem Wochenende genug. In der viel kritisierten Schalker Defensive sucht Christoph Metzelder weiter nach seiner Form. "Wenn ein erfahrener Spieler wie er unsicher ist, wirkt sich das auf die gesamte Hintermannschaft aus", erklärt sein Trainer Felix Magath und will noch einmal auf dem Transfermarkt tätig werden.

Weltstandard des Verteidigens

Ähnlich desorientiert wirkte Leverkusens Stefan Reinartz, immerhin ein Innenverteidiger mit Nationalmannschaftsperspektive, bei Gladbachs fünftem Treffer. Dabei rückte er nach innen ein und sicherte so ein imaginäres Zentrum, wo aber niemand gefährlich nahte und machte den Weg für den Torschützen Mohamadou Idrissou frei. Und Ádám Szalai von Mainz 05 gelang der Siegtreffer, weil sich Wolfsburgs Innenverteidiger Simon Kjaer durch eine schnöde Körperdrehung täuschen ließ. Der hoch gelobte Däne war vor zwei Jahren extra nach Italien gewechselt, um seine Verteidigungskunst im Mutterland der Fußballdefensive zu verfeinern.

Auch anderswo standen die Tore so sperrangelweit offen wie schon lange nicht mehr und machten eine Entwicklung offenbar, die sich schon länger im Verborgenen angedeutet hat. Eigentlich war man im Fußball zuletzt zu der Erkenntnis gekommen, dass durch die taktischen Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre die Möglichkeiten der Defensive ausgereizt seien. Mit dem Ende der Manndeckung und Abschaffung des Liberos war das Spiel gegen den Ball, wie es heute genannt wird, kollektiv organisiert worden.

In Deutschland war diese Entwicklung zwar verspätet angekommen, doch inzwischen weiß auch hierzulande jede C-Jugend-Mannschaft, wie sich die Spieler geordnet zum Ball hin verschieben müssen. Längst gibt es sogar einen Weltstandard des Verteidigens, und eigentlich drohte er die Stürmer weitgehend lahmzulegen. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika konnte man das erneut sehen, sie endete mit einem Minusrekord der erzielten Treffer.

Individuelle Fehler führen zu Gegentoren

Doch zu diesem Trend gibt es seit geraumer Zeit eine bemerkenswerte Gegenbewegung, die ebenfalls schon in Südafrika zu beobachten war. Denn so gut organisiert Abwehrketten inzwischen auch agieren, so massiv die Doppelsechser im Mittelfeld vieler Teams den gegnerischen Spielfluss zu unterbrechen suchen, ist die Defensive vieler Teams dennoch erstaunlich löchrig. Auf dem Weg zum kollektiven Spiel gegen den Ball scheinen vielen Verteidigern grundlegende Fähigkeiten abhanden gekommen zu sein. Das belegt auch eine aktuelle sportwissenschaftliche Untersuchung, die von einem Team der Deutschen Sporthochschule durchgeführt worden ist. Die Wissenschaftler aus Köln hatten alle Bundesligaspiele der vergangenen Saison daraufhin untersucht, welche Faktoren wirklich zu Erfolg und Misserfolg beitragen, und eines der Ergebnisse war wenig charmant für die aktuelle Generation der Bundesligaverteidiger.

"Die Mehrzahl der Gegentore fiel nicht nach gruppentaktischen, sondern individualtaktischen Fehlern", sagt der Spielanalytiker Stephan Nopp. Die Teams hatten sich also nicht falsch positioniert oder schlecht gestaffelt, sondern einzelne Spieler hatten Fehler gemacht, die mit der Organisation auf dem Platz wenig zu tun hatten. Besonders häufig deckten Verteidiger den Raum und nicht ihren Gegenspieler, der dadurch beim Flanken, Passspiel oder Torschuss weitgehend unbedrängt blieb.

Vor allem im eigenen Strafraum gab es diese Art von Patzern reihenweise, weil offenbar bestimmte Aspekte des Verteidigens verlorengegangen sind. Der Vorstopper von einst mag in seiner Kunst eher eindimensional gewesen sein, und nicht ohne Grund hieß es: kein Mensch, kein Tier, die Nummer vier. Aber wenn die Manndecker der alten Schule ihr Geschäft beherrschten, ließen sie den gegnerischen Stürmer keinen Zentimeter Raum vor dem Tor. Dagegen spürt man bei den Verteidigern von heute im banalen Zweikampf oft eine gewisse Ratlosigkeit.

Es sieht daher ganz so aus, als ob demnächst vielerorts erst einmal wieder die Grundlagen aufgefrischt werden müssten.

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Zum Autor

Martin Steffen
Christoph Biermann, Jahrgang 1960, lebt in Köln und hat schon alle Stadien der Welt besucht, zumindest die schönsten. Sein Herz schlägt jedoch nicht für einen der großen Clubs, er hält zu einem Außenseiter aus NRW.

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