Tony Adams kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. "Ein phantastisches Projekt", jubelte der Engländer. Es sei ihm eine Ehre, diese Gelegenheit wahrzunehmen: "Wir werden definitiv Geschichte schreiben." Der 66fache Nationalspieler hatte soeben einen Dreijahresvertrag als Trainer bei seinem neuen Club unterzeichnet. Ob seiner Worte konnte man meinen, er sei fortan für einen europäischen Spitzenverein verantwortlich. Fehlanzeige. Adams, als Spieler eine Legende des FC Arsenal, unterschrieb im vergangenen Mai beim FK Gabala. In Aserbaidschan.
Adams ist nicht der einzige ausländische Trainer in dem Land. Einen Monat später folgte ihm der Deutsche Winfried Schäfer. Er trainiert seitdem den Hauptstadtclub FK Baku. Die Frauen-Nationalmannschaften werden seit wenigen Monaten von Sissy Raith betreut, einer ehemaligen deutschen Nationalspielerin. Sie wurde bekannt, weil sie von Januar bis Oktober 2009 die Landesligamannschaft des TSV Eching trainierte. Auf einem ähnlich hohen Niveau hatte zuvor in Deutschland noch nie eine Frau ein Männerteam betreut.
Raith wurde von jenem Fußballlehrer ins Land geholt, der bereits seit April 2008 die Auswahl der Männer trainiert: Berti Vogts. Er hatte zuvor nach seiner Zeit als deutscher Nationalcoach (1990 bis 1998) mehr oder weniger erfolgreiche Gastspiele in Kuwait (August 2001 bis Februar 2002), Schottland (März 2002 bis November 2004) und Nigeria (März 2007 bis Februar 2008) gegeben. Nun scheint er seine Bestimmung am Kaspischen Meer gefunden zu haben. Sein Vertrag läuft nach eigenen Angaben "so lange, wie ich Lust habe, dort zu arbeiten".
Sportart Nummer eins in Aserbaidschan ist Schach
In vier bis fünf Jahren will Vogts, dessen Team am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zweiter Gegner der deutschen Elf in der EM-Qualifikation ist, den Anschluss an die europäische Mittelklasse geschafft haben. Er sieht sich in diesem Prozess in erster Linie nicht als Trainer, sondern als Entwicklungshelfer. Er habe beispielweise durchgesetzt, sagte Vogts dem "Bonner Generalanzeiger", "dass jetzt auch in den Schulen Fußball angeboten wird". Außerdem sei es wichtig, in den neu gegründeten Regionalverbänden für die Trainerausbildung zu sorgen.
Das Vorhaben ist ambitioniert. Fußball ist nicht gerade die Sportart Nummer eins in Aserbaidschan. Laut Vogts genießen Schach, Ringen und Gewichtheben ein höheres Interesse.
Doch die Aufholjagd hat begonnen. "Im Fußball werden mittlerweile sehr hohe Gehälter bezahlt", sagt Vogts, "da es viele reiche Leute gibt, die sich als Hobby einen Club leisten." So wechseln gelegentlich auch dem hiesigen Fußball-Fan bekannte Spieler in die aserbaidschanische Liga. Allerdings sind es dann meist solche, die ihre beste Zeit hinter sich haben. So steht der früherer Schalker und HSV-Akteur Emile Mpenza bei Neftschi Baku unter Vertrag, ebenso der Ex-Cottbuser Igor Mitreski. Und für den Schäfer-Club FK Baku spielt der Kameruner Joël Epalle, ehemals beim VfL Bochum aktiv.
"Da kann sich jeder vorstellen, was dort zu verdienen ist", sagt Vogts. Er kritisiert den Einkauf solcher Spieler: "Ich habe beide (Mpenza und Epalle, d. Red.) gesehen - und sie sind in keiner guten Verfassung", sagte der 63-Jährige der "tageszeitung". "Da hätte ich schon lieber, dass junge Aserbaidschaner spielen als Spieler, die über ihren Zenit hinaus sind und sich nicht mehr quälen wollen." Außerdem werde in den Vereinen noch nicht professionell genug gearbeitet. So hätten die Akteure von Qarabag nach ihrem Europa-League-Qualifikationsspiel "fünf Tage nicht trainiert. Aserbaidschanische Übungsleiter sind der Meinung, dass nach einem Spiel erst mal drei, vier Tage Pause sein müssen," sagte Vogts. So aber bekomme man keine Wettkampfhärte.
Nahezu der gesamte Kader der Nationalmannschaft spielt in der heimischen Liga, nur einige Akteure sind im Ausland aktiv: Verteidiger Mahir Shukurov spielt bei Anzhi Makhachkala in der russischen Liga. Rashad Sadigov, ebenfalls ein Defensiver, hat Ende August beim türkischen Erstligisten Eskisehirspor unterschrieben. Stürmer Vagif Javadov versuchte in der zurückliegenden Saison sein Glück bei Twente Enschede in den Niederlanden, kam aber - auch aufgrund einer schweren Verletzung - zu keinem Einsatz. Nun hat ihn Twente an den FK Baku ausgeliehen.
Für Vogts' Team ist das Spiel gegen Deutschland der Auftakt in die EM-Qualifikation. In der vergangenen WM-Qualifikation holte Aserbaidschan aus zehn Spielen fünf Punkte. Neben einem Sieg und einem Unentschieden gegen Liechtenstein gelang der Mannschaft auch ein Remis gegen Russland. Vielmehr wird es wohl gegen Belgien, die Türkei, Österreich, Kasachstan und die DFB-Elf auch nicht werden. Obwohl laut Vogts der eine oder andere im Land "davon ausgeht, dass Aserbaidschan sich als Gruppenerster für die EM qualifiziert". Diese Leute jedoch, so Vogts, "verwechseln Ringen mit Fußball".
Mit Material des sid
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Der bestimmt sympathischste Trainer-Export, den Deutschland seit Jahren vorweisen kann. Mit seiner etwas anderen Unterrichtsweise kann sich nur niemand anfreunden, wo sind die Fortschritte. Dann lieber Matthäus oder Augenthaler. mehr...
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