Werner Hansch: "Radio ist meine große Liebe geblieben"
Meine Stimme ist ja immer noch da, früher durch die Bundesliga und nun durch die Champions League auf Sat.1. Aber dass die Leute mich nach all den Jahren ganz selbstverständlich mit dem Radio in Verbindung bringen, freut mich. Radio ist meine große Liebe geblieben. Das Schönste, was mir in meinem Berufsleben passiert ist.
Was hat das Radio, was den bunten Fernsehbildern fehlt? Für Sie muss das Arbeiten am Bildschirm doch viel bequemer sein.
Hansch: Das Fernsehen liefert die Bilder gleich mit, das Radio lässt sie erst im Kopf des Hörers entstehen. Es ist also die Fantasie des Hörers gefragt und die Wortmächtigkeit des Reporters. Er muss mit Wortwitz und Ironie das Geschehen kommentieren, es möglichst genau beschreiben. Und dann das Arbeiten. Allein auf der Tribüne, den Puschel in der Hand ...
... den Puschel?
Hansch: Das Mikrofon. Den Puschel also in der Hand, noch ein Mitarbeiter im Ü-Wagen und dann konnte es losgehen.
Was aber noch nicht erklärt, warum sich die Hörer noch heute so gut an den Rundfunkreporter Hansch erinnern.
Hansch: Ein kluger Mann hat mal gesagt, das Ohr sei das philosophische Organ des Menschen. Ihm bleiben Töne und Klänge viel länger im Gedächtnis als Gesichter. Weniger philosophisch ausgedrückt: Wenn Sie eine markante und einprägsame Stimme besitzen, können sie den größten Käse erzählen, der Klang ihrer Stimme wird den Hörern dennoch in Erinnerung bleiben. Manni, das ist doch beruhigend für uns beide.
Manni Breuckmann: Sehr beruhigende Erkenntnis, in der Tat.
Ihre Stimme, Werner Hansch, war offenbar so markant und einprägsam, dass man Ihnen flugs den Spitznamen "Stimme des Reviers" verpasst hat. Wenn Sie sich meldeten, wussten die Hörer, jetzt geht es nach Dortmund oder Schalke.
Hansch: Ich habe versucht, immer so zu sprechen, dass die Leute mich verstehen. Und mir war wichtig, nicht nur nüchtern die Fakten herunter zu beten. Dann kann Fußball im Radio nämlich auch sehr langweilig sein.
Breuckmann: Alles gut und schön, Werner, aber wir wollen doch festhalten: die Stimme des Reviers, das bin immer noch ich.
Manni Breuckmann, Sie haben im Mai 1972, noch während ihres Jura-Studiums, Ihr erstes Spiel im Radio kommentiert.
Breuckmann: Ein Spiel, dem Millionen Menschen entgegengefiebert haben. Wattenscheid gegen Neuss in der Regionalliga.
Sie hatten später die freie Berufswahl, zwischen Reporter und Staatsanwalt. Warum haben Sie sich für das Radio entschieden?
Breuckmann: Weil mich die Arbeit fasziniert hat und weil es die lebenden Vorbilder gab. Jochen Hageleit zum Beispiel. Den habe ich einmal erlebt, als er bei einem Auswärtsspiel des Wuppertaler SV für die WSV-Fans, die nicht mehr ins Stadion hineinkamen, die Lautsprecher so hat drehen lassen, dass sie seine Reportage mithören konnten. Einfach toll.
Und dann hat Sie das Fußballfieber gepackt ...
Breuckmann: ... und bis heute nicht mehr losgelassen. Das merke ich immer in der Sommerpause, ein paar Wochen vor dem ersten Spieltag. Dann werde ich ganz nervös und möchte, dass es endlich wieder losgeht.
Ein Parteigänger wie Günther Koch mit seinen "Clubberern" aus Nürnberg sind Sie aber nicht geworden.
Manfred Breuckmann: "Das ist heute alles viel einfacher als früher"
Inzwischen sind Sie einer der dienstältesten Reporter. Müssen Sie sich überhaupt noch auf die Spiele vorbereiten oder ist alles Routine?
Breuckmann: Das ist heute alles viel einfacher als früher. Vor jedem Spiel bekommen wir einen Wälzer mit 45 Seiten voller Statistiken zugeschickt. Da steht alles drin, von den Ergebnissen der letzten zehn Spiele bis zu den Schuhgrößen der Spieler. Aber gerade die Mannschaften im Ruhrgebiet kenne ich wirklich gut, da muss ich mich nicht jeden Samstag aufs Neue einlesen. Richtig knifflig wird es eigentlich nur noch, wenn da unten eine Mannschaft kickt, die ich nie zuvor habe spielen sehen. Lierse SK im Uefa-Cup zum Beispiel.
Und wenn es dann losgeht, liegt vor ihnen kein Zettel mit Wortspielen? In der legendären Reportage vom Abstiegsfinale 1999 melden Sie sich beispielsweise aus Bochum nach dem entscheidenden Treffer für Rostock mit den Worten: "Hier jubeln 6000 Ostsee-Anrainer." Das ist Ihnen doch nicht spontan eingefallen.
Breuckmann: Ostsee-Anrainer, ein fürchterliches Wort. Da verfluchst du dich, kaum hast du das Wort ausgesprochen. Aber sowas entsteht erst im Laufe einer Reportage. Ich habe keinen lustigen Zettel, den ich abarbeite.
Teil II - Breuckmann und Hansch über Floskeln, den Trend zum Radio-Einheitsbrei und die legendäre Schlusskonferenz
Werner Hansch: "Die Schlusskonferenz ist Radio in Reinkultur"
Breuckmann: Ganz zwangsläufig ist sie das. Weil das, was auf dem Platz passiert, auch schon milliardenfach da war. Flanken, Ecken, Freistöße gab es immer schon. Natürlich versuche ich, neue Worte für das Spiel zu finden. Und nehme mir vor, manches nicht mehr zu sagen: "Der Schiedsrichter schaut bereits auf die Uhr", zum Beispiel. Aber dann sage ich es doch wieder, er schaut ja schließlich wirklich auf die Uhr.
In der Schlusskonferenz geht es darum, überhaupt zu Wort zu kommen. Gibt es feste Regeln für die letzten zehn Minuten?
Breuckmann: Die gibt es. Wer wohin abgibt, ist festgelegt. Dann gibt es die Anweisung, die erste Runde kurz zu halten. Und bei entschiedenen Spielen schnell an den nächsten Kollegen weiterzugeben.
Was fasziniert die Leute überhaupt so an diesen fünfzehn Minuten?
Breuckmann: Die Dramaturgie ist nicht zu toppen. Sieben Stadien, sieben Reporter, alle miteinander verbunden. Niemand ist näher am Spiel als wir. Wenn wir schon längst ein Tor oder Elfmeter vermeldet haben, sucht das Fernsehen noch nach dem richtigen Bild.
Hansch: Die Schlusskonferenz ist Radio in Reinkultur. Der Zuschauer und der Reporter muss alles was er hat, seine Fantasie, seine Sprache, seine Persönlichkeit in seine Beiträge hineinlegen.
Dennoch fällt auf, dass sich manche Radioreporter in den letzten Jahren eine Art professionelle Atemlosigkeit zugelegt haben. Ganz egal, was gerade in den Stadien passiert, die Stimmen klingen stets hochgradig erregt. Eine Folge der Tatsache, dass die Sender neuerdings für die Radiorechte zahlen und sich das Produkt verkaufen muss?
Manfred Breuckmann: "Ich bin sehr zufrieden, dass man mich in Schalke für einen BVB-Fan hält und in Dortmund für einen eingefleischten Schalker"
Täuscht der Eindruck, dass die Radioreportage dynamischer und schneller geworden ist, aber auch austauschbarer. Einprägsame jüngere Radiostimmen sind Mangelware.
Breuckmann: Aber woher sollen die auch kommen? Junge Reporter haben heute keine Gelegenheit mehr, ein eigenes Profil zu entwicklen. Viel zu kurze Einblendungen, 45 Sekunden Redezeit, schon geht es weiter zum nächsten Kollegen.
Reicht allenfalls für dreimal tief Luft holen ...
Breuckmann: Wir haben keine Möglichkeit mehr, mal einen Gedanken in Ruhe auszuformulieren. Wir sind Roboter geworden. Honorare rein, Einblendungen raus.
Früher durfte länger gesprochen werden?
Breuckmann: Da dauerten die Einblendungen schon mal zwei oder drei Minuten. Aber seit Fußballspiele im Radio nur noch als mundgerechte Häppchen serviert werden sollen, ist das nicht mehr drin. Ich halte das für den falschen Weg.
Werner Hansch, hätte ein redseliger Reporter wie Sie heute noch eine Chance im Radio?
Hansch: Ich weiß nicht. Heute haben die meisten jungen Leute ja vorher ein Hochschulstudium absolviert. Ich war dagegen ein Quereinsteiger, ich kam von der Trabrennbahn Dinslaken erst zum Radio und später zur Sportschau.
Breuckmann: ... und dann bist du bei Sat.1 steinreich geworden.
Werner Hansch: "Dass ich damals zu Sat.1 gegangen bin, hatte wirklich nichts mit dem Geld zu tun"
Dort wurde dann unter der Leitung von Reinhold Beckmann der Fernsehfußball neu erfunden, bunter und lauter wurde er. War das Ihr Fußball, Herr Hansch?
Hansch: Es ist uns immer vorgeworfen worden, dass wir die Spiele schöner geredet haben als sie waren. Aber ich leiste jeden Eid, dass wir schlechte Spiele nicht schöngeredet haben. Wir haben kritisiert und gelobt. Nur hat das niemand wahrgenommen, weil vorher Moderatoren die Showtreppe heruntergetrabt kamen und die Zuschauer minutenlang applaudiert haben.
Haben Sie zwischendurch nicht mal das Radio vermisst?
Hansch: Noch heute. Ich entdecke immer wieder den Radiomann in mir. Wenn ich die Champions League kommentiere, ertappe ich mich, wie ich aufstehe und beschreibe, was ich auf dem Spielfeld sehe. Mein Assistent Michael Schulz muss mich dann immer mal wieder daran erinnern, die Dinge zu kommentieren, die der Zuschauer auch auf dem Fernsehbildschirm sehen kann.
Manni Breuckmann, Ihre Ausflüge ins Fernsehen waren hingegen eher sporadischer Natur.
Breuckmann: Ich habe zwei Jahre Sport im Westen für das WDR-Fernsehen moderiert, das bin ich aber nicht wirklich, und eine Probereportage aus der Bundesliga stand auch schon mal auf dem Programm, aber ich bin doch nicht der Konserven-Manni. Also bleibts bei gelegentlichen Auftritten in Rudi Brückners "Doppelpass".
Die Fragen stellten Erik Eggers und Philipp Köster
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