06. September 2006, 21:03 Uhr

Fußball-Fans im Abseits

Freiheit für die Kurven

Von René Martens und Matthias Greulich

Zum Abschluss der Serie über Repressionen gegen Fußball-Fans lesen Sie heute von einem HSV-Anhänger, der monatelang inhaftiert wurde, weil er eine Schlägerei angezettelt haben soll, die allerdings nie stattfand. Absurdes gibt es auch aus München zu berichten.

Viel diskutiert wurde in der deutschen Fanszene der Fall des 26-jährigen Nils Bethge. Der HSV-Anhänger saß drei Monate in Untersuchungshaft – vorgeworfen hatte man ihm die "Organisation einer verabredeten Schlägerei", zu der es nie gekommen ist. Der Vorfall spielte sich bereits im Januar 2005 anlässlich eines HSV-Spiels in München ab. Drei Tage vor Heiligabend 2005, elf Monate nach dem Vorfall, holt ihn die Hamburger Polizei aus einer Kneipe. Bethge, der nicht vorbestraft ist und einen festen Arbeitsplatz hat, kommt in Untersuchungshaft.

Während eines kafkaesk anmutenden siebentätigen Gefangenentransports von Hamburg nach München bekommt er einen Einblick in die Strafvollzugswelt Deutschlands: "Insgesamt war ich in dieser Zeit in 24 verschiedenen Gefängnissen." Zur Welt draußen hat er kaum Kontakt – es dauert rund sechs Wochen, bis ihn seine Eltern erstmals besuchen dürfen. Um dem Martyrium ein Ende zu machen, gibt er auf Anraten seines Anwalts schweren Landfriedensbruch zu. Das bringt ihm sechs Monate auf Bewährung ein und 900 Euro Strafe. Jetzt ist er frei, aber vorbestraft – und seinen Arbeitsplatz hat er verloren.

Zum HSV geht er zwar weiterhin, aber: "Ich beschränke mich auf die Heimspiele." Auswärtsfahrten sind ihm zu riskant. Bethges Fall war so krass, dass sich sogar die Ultras des Nachbarn St. Pauli mit ihm solidarisierten. Auf der von St.-Paulianern organisierten Veranstaltung "Freiheit für die Kurven" las Bethge Gedichte vor, die er in der Untersuchungshaft geschrieben hatte.

Die Gerichte werden sich demnächst mit einem weiteren, zumindest was die Anzahl der Betroffenen betrifft, spektakulärem Fall der vergangenen Jahre beschäftigen. Ende März nach dem Spiel der Bayern in Duisburg kesselte die dortige Polizei während des Abmarsches einen Pulk von Münchner Fans ein. Szenekundige Beamte hätten sogar einen geistig behinderten FCB-Anhänger getreten, der in der Fanszene des FCB seit Jahren bekannt sei, kritisierten die Angegriffenen später.

Polizei, Hooligans (bei einer Übung): Kafkaesker Gefangenentransport
DPA

Polizei, Hooligans (bei einer Übung): Kafkaesker Gefangenentransport

Die Polizei Duisburg weist die Vorwürfe zurück. "Das trifft aus unserer Sicht nicht zu, denn es waren keine SKBs aus Duisburg vor Ort", sagt Pressesprecher Achim Blättermann. Ob SKBs aus München in den Vorfall verwickelt waren, könne er allerdings nicht sagen, so Blättermann.

Fest steht, dass die Polizei von 54 eingekesselten Supportern die Personalien aufgenommen hat, insgesamt 59 bekamen kurz darauf die Nachricht, dass gegen sie ein bundesweit gültiges Stadionverbot über zwei Jahre verhängt wurde. Gegen die Betroffenen wird wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs ermittelt.

"Aus dem Pulk der Bayern-Ultras wurde unter anderem ein Stein auf einen Polizisten geworfen", sagt Polizeisprecher Blättermann. Gegen die fünf übrigen Ultras sei erst im Nachhinein ermittelt worden, da es neue Erkenntnisse von anderen Polizeieinheiten rund ums Stadion gegeben habe.

"Führungsebene so gut wie lahmgelegt"

Größtenteils betroffen sind Mitglieder der Ultra-Gruppierung "Schickeria München", die sich gegen das Verhalten der Polizei öffentlich wehrt. "Die Tatsache, dass so gut wie jeder Bayern-Fan, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Parkplatz war, durch die Aufnahme seiner Personalien vom Stadionverbot betroffen ist, ist schon pure Willkür. Dass aber nachträglich selbst Personen ein Stadionverbot bekommen, von denen wohlgemerkt nicht einmal die Personalien aufgenommen wurden", sei besonders skandalös, schreibt die Schickeria in einer Erklärung. Die "kollektive Bestrafung einer Personengruppe anstelle eines unbekannten, möglicherweise sogar entflohenen Täters" sei ebenfalls mit rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht zu vereinbaren".

Die Stimmung bei Bayern-Spielen ist schlechter geworden, seitdem man die Schickeria-Leute aus dem Verkehr gezogen hat. "Die Führungsebene ist so gut wie lahm gelegt", sagt Simon Müller, der selbst zu dem Zirkel gehört. Mehr als die Hälfte traf noch eine weitere Sanktion: Nachdem das Stadionverbot ausgesprochen war, schloss der FC Bayern die Fans aus dem Verein aus.

Müller geht davon aus, dass vor allem Repressionen zunehmen werden, gegen die es keinerlei Handhabe gibt. So wie während der WM: Die linksgerichteten FCB-Ultras hatten in dieser Zeit ein antirassistisches Fanturnier veranstaltet. "Trotzdem rief jemand von der Polizei vorher die Betreiber des Zeltplatzes, den wir gemietet hatten, an und teilte denen mit, wir hätten einen rechtsradikalen Hintergrund", sagt Müller. Dass zum Programm der Veranstaltung auch ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau gehörte, hatte den mobbenden Beamten in seiner Argumentation offensichtlich nicht sonderlich beeinflusst.


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