20. Februar 2008, 10:26 Uhr

Schalke-Sieg gegen Porto

Das Team, das sich nicht traut

Von Christoph Biermann, Gelsenkirchen

Lähmende Angst vor dem Gegentor: Schalke 04 hat im Champions-League-Achtelfinale gegen Porto stark begonnen, doch schnell nachgelassen. In der zweiten Halbzeit schien das Team geradezu auf den Ausgleich zu warten. Aber international steht die Abwehr - und erinnert an 1997.

Die Geschichte von der stehenden Null ist jene, die beim FC Schalke 04 am liebsten erzählt wird. Es ist eine mit Happy End, die vor vielen Jahren ihren Ausgang nahm, als der Trainer noch Huub Stevens hieß. Der Holländer war damals des Deutschen noch nicht so mächtig und wies auf ganz eigene Weise darauf hin, dass Gegentore im Fußball eine furchtbar schädliche Angelegenheit sind. Er forderte: "Die Null muss stehen." Sie tat das auch, und Schalke gewann 1997 sensationell den Uefa-Cup. Auf dem Weg zum Titel kassierte die Mannschaft in keinem der sechs Heimspiele einen Gegentreffer.

Mehr als ein Jahrzehnt ist seither vergangen, doch zuletzt hatte sich die Geschichte von der stehenden Null in ein Schauermärchen verwandelt. Selbst nach dem 1:0-Sieg über den FC Porto sprachen sie bei Schalke 04 darüber noch so, als wäre von einem Fluch die Rede. In der beklagenswerten zweiten Halbzeit des Spiels konnte man sogar den Eindruck gewinnen, als würden alle im Stadion nur auf das entscheidende Malheur warten. Das letztlich entscheidende Tor war zu diesem Zeitpunkt schon längst gefallen, doch die Schalker lähmte die Angst vor dem Gegentor. Acht Mal in dieser Saison hat Mirko Slomkas Mannschaft bereits eine 1:0-Führung verspielt, und der Trainer gab zu, dass die "Diskussion um die stehende Null in den Köpfen der Spieler war".

Mannschaftskapitän Marcelo Bordon hatte vor dem Achtelfinale der Champions League laut gesagt, dass er nicht wisse, warum Schalke nicht mehr zu null spielen würde. Und so sah das Spiel seiner Mannschaft im Laufe der Partie gegen Porto immer mehr wie das eines Teams aus, das sich selbst nicht traut. "Die Angst kann man nicht wegwischen", sagte Slomka. Und so ging es auch den Zuschauern, die ihrer Mannschaft spürbar nicht eben viel Vertrauen entgegenbrachten. Verblüffend war etwa, wie kurz die Kreditlinie von Manuel Neuer inzwischen ist. Schon in der neunten Minute gab es Raunen und erste Pfiffe auf den Rängen, nur weil der 21-jährige Torhüter einen Ball eher unpräzise ins Mittelfeld schlug.

Dabei nutzten die Schalker die Arroganz des Gegners in dieser Phase sehr gut. "Die haben uns nicht ernst genommen, das habe ich vorher schon an den Fragen der portugiesischen Journalisten gemerkt", sagte Schalkes Präsident Josef Schnusenberg auf dem Nachhauseweg. Porto spielte zu Beginn sichtbar unkonzentriert, Schalke nach dem frühen Treffer von Kevin Kuranyi in der vierten Minute indes stark. Doch das hielt nur eine halbe Stunde vor, dann verläpperte erst der Schwung und die zweite Halbzeit wurde zu einem zähen Verteidigungskampf im Schatten des Zweifels gegen einen nun deutlich stärkeren Gegner.

Obwohl er letztlich erfolgreich bestritten wurde, fiel der Jubel sowohl auf den Rängen wie bei denen auf dem Platz eher matt aus. Als ginge es um einen Arbeitssieg in der Bundesliga, hatten viele Zuschauer schon vor Abpfiff die Plätze verlassen. Der Rest jubelte bestenfalls erleichtert, und die ausgepumpten Spieler hatten für Überschwang keine Kraft mehr. "Wir können heute mal ganz zufrieden sein", sagte Ivan Rakitic, der eine Halbzeit stark spielte, dann aus dem Spiel verschwand und schließlich ausgewechselt wurde. Und Torschütze Kevin Kuranyi fand das 1:0 auch nicht mehr als "ganz o.k.".

Dabei könnte es durchaus mehr als das sein, denn international klappt es mit der stehenden Null wesentlich besser als in der Bundesliga. Nur zwei Teams haben in der Champions League weniger Gegentore kassiert, der Sieg über Porto war das vierte Schalker Spiel zu null. "Das verleitet zu der Annahme, dass wir besser gegen starke Gegner spielen, weil wir dann die Konzentration über die ganze Spielzeit halten", sagte Slomka. Und noch etwas fand er mit Hinblick auf das Rückspiel in zwei Wochen erwähnenswert: "Wir haben eine recht gute Kontermannschaft."

Unmöglich ist es wirklich nicht, dass Schalke den prestigeträchtigen und sieben Millionen Euro werten Sprung unter die letzten Acht in Europa schafft. Den Sieg über Porto schafften sie nur mit Ach und Krach, und die Mannschaft musste dazu unübersehbar an ihre Leistungsgrenze gehen. Aber das war bei ihren Vorfahren, den Eurofightern von 1997, auch nicht anders. Sie waren mit jeder Runde mehr Außenseiter gewesen und hatten an dieser Rolle verdammt viel Spaß.

Schalke 04 - FC Porto 1:0 (1:0)
1:0 Kuranyi (4.)
Schalke: Neuer - Rafinha, Bordon, Krstajic, Westermann - Ernst, Jones - Rakitic (77. Grossmüller), Kobiaschwili - Asamoah (81. Altintop), Kuranyi (89. Vicente Sanchez). - Trainer: Slomka
Porto: Helton - Joao Paulo, Pedro Emanuel, Bruno Alves, Fucile (85. Mariano Gonzalez) - Lucho Gonzalez, Paulo Assuncao, Raul Meireles - Lopez, Farias (56. Sektioui), Quaresma. - Trainer: Ferreira
Schiedsrichter: Duhamel (Frankreich)
Zuschauer: 54.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Jones (4), Grossmüller (2), Ernst / -


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