Der moderne Fußball hat viele Abscheulichkeiten hervorgebracht. Den Schalensitz, die Knappenkarte, den Videowürfel. Eine der widerwärtigsten Errungenschaften der neuen Zeit ist jedoch der Torjubel. Nein, nicht jene herzhafte Umarmung von einst, bei der sich gestandene Männer ungelenk beschmusten, ihre Schnauzbärte aneinander rieben und triumphierend die Fäuste in die Luft streckten. Wenn im modernen Fußball ein Tor fällt, flackert die Videowand, dröhnt ein Schlager aus den übersteuerten Boxen, und auf dem Rasen beginnt die Zeit der Wappenzeiger, Babyschaukler, Schuhputzer, Eckfahnentänzer, Hemdhochreißer, Eheringküsser, Zaunkönige, Rasenrutscher, Saltoschläger, Breakdancer, Salutierer, Jesus-Freaks, Pistoleros, Segelflieger, Ohrenschrauber, Abklatscher, Toreros, Trainerkuschler und Schattenboxer.
Kaum ein Spieler, der sich noch unspektakulär von seinen Mitspielern feiern lässt. Stattdessen halten sich selbst jene Kicker für Burgschauspieler, die damals in der Weihnachtsaufführung der Grundschule nicht einmal den Esel spielen durften, weil die Klassenlehrerin Angst um ihre Reputation hatte. Also sehen wir Samstag für Samstag groteske Pantomimen, die dem Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen vor Scham körperliche Schmerzen bereiten. Wenn sich ein gestandener Mann wie Lucio den Ball unters Trikot stopft und debil am Daumen nuckelt. Wenn Schalkes Rafinha so gierig die Eckfahne bespringt, dass sicher auch auf "Youporn" ausreichend Klicks zusammenkämen. Und wenn Franck Ribéry sich mit klebrigem Pathos ans Bayern-Wappen greift, während Stürmerkollege Luca Toni eine eingebildete Glühbirne im Ohr verschraubt, in der vergeblichen Hoffnung, dass es im Kopf ein wenig heller werde.
Wie konnte es soweit kommen, dass jedes Wochenende aufs Neue das Showorchester Ungelenk Premiere feiert? Nun, wer mit dem ganzen Mist angefangen hat, ist zweifelsfrei dokumentiert. Roger Milla feierte seine Tore bei der WM 1990 in Italien mit einem Makossa-Tanz an der Eckfahne. Was damals noch als afrikanische Folklore durchgehen mochte, hatte fatale Folgen. Fortan hampelten nämlich auch dutzendweise Mitteleuropäer so hüftsteif an der Eckfahne herum, dass im deutschen Tanzlehrerverband eine Krisensitzung die nächste jagte.
Die nächste Stufe des Grauens zündete dann der Brasilianer Bebeto, der bei der WM 1994 nach Toren eine imaginäre Babywiege schaukelte, um die bevorstehende Niederkunft seiner Gattin anzukündigen. In der Folge hielten es auch hierzulande Hinz & Kuntz für angebracht, die Anhänger mit ihren privaten Nichtigkeiten zu belästigen. Seither kann in europäischen Profiligen keine Spielerfrau mehr schwanger werden, ohne dass sich sofort eine mannschaftsinterne Theater-AG bildet, die bis zum nächsten Wochenende eine passende "Baby-an-Bord"-Choreographie ausarbeitet.
Heute machen sich viele Spieler offenbar deutlich mehr Gedanken über die eigene Performance nach dem Tor als vor dem Tor. Im Training müssen wertvolle Übungen am Kopfballpendel und Laktatmessungen verschoben werden, weil sich Mittelfeld und Sturm erst einmal umständlich auf den passenden Torjubel fürs nächste Wochenende verständigen müssen. Nicht dass Kuranyis Raketenwerfer aus Versehen Bordons Babywiege wegballert. Und vor dem Spiel muss immer häufiger die Ansprache des Trainers wegfallen, weil die Spieler ein letztes Mal die komplexe Schrittfolge des Ringelreihens an der Eckfahne durchgehen.
Ohnehin artet die angestrengte Jubelei immer häufiger in Stress für alle Beteiligten aus. Anstatt sich nämlich selig in die Arme der Mitspieler fallen lassen zu können, müssen sich die Torschützen ihre Mannschaftskollegen erst einmal mit allen Mitteln vom Leibe halten, um die geplante Darbietung kameragerecht umsetzen zu können. Also rennen sie nach dem Treffer los wie die schnellste Maus von Mexiko und reißen sich gar unwirsch los, wenn vorwitzige Mitspieler den Laufweg erahnt haben.
Vielleicht ist diese Flucht vor dem eigenen Team sogar das Widerwärtigste am neuzeitlichen Spektakel, liegt ihr doch die egozentrische Annahme zugrunde, der Torjubel gehöre dem Schützen allein. Dabei ist ganz im Gegenteil der Jubel nach einem Treffer der Moment, der ausschließlich der Mannschaft gehören sollte. Sie hat schließlich das Tor durch ihr Zusammenspiel ermöglicht, jeder anständige Spieler würde ihr im Moment des Erfolges seine Reverenz erweisen. Moderne Stürmer aber denken gar nicht daran; lieber deuten sie selbst nach simplen Abstaubern eitel auf ihre Rückennummern oder recken die Zeigefinger bedeutungsschwanger in Richtung Himmel. Ganz so, als habe der liebe Gott gerade partout nichts Besseres zu tun, als beim Montagsspiel der Zweiten Liga reinzuschauen.
Und so wird es wohl das ewige Geheimnis des Nürnbergers Ivica Banovic bleiben, was er sich wohl dabei gedacht haben mag, als er vor Jahresfrist in der Nachspielzeit der Bundesliga-Partie gegen Werder Bremen per Elfmeter den nicht mehr allzu wichtigen 1:2-Ehrentreffer erzielte. Anschließend gab der Kroate nämlich nochmal alles, deutete vielsagend auf die Tribüne, zückte ein imaginäres Telefon, klopfte sich pathetisch aufs Vereinswappen und warf ausgiebig Kusshände ins Publikum. Was Coach Hans Meyer einigermaßen fassungslos kommentierte: "Ich dachte, er hätte gerade das Siegtor erzielt. Entweder hat er die Journalisten gegrüßt oder die ganze Verwandtschaft dagehabt."
Seite 2: Von Unterhosen und anderen Peinlichkeiten
Und wir wollen bei alledem nicht den Einwand hören, dass sich bisweilen Mitspieler finden, die das debile Tänzchen an der Außenlinie mitmachen. Der Rest der Mannschaft steht nämlich trotzdem dumm herum und wartet ungeduldig darauf, dass das Samba-Gehampel endlich vorbei ist. Höchst unanständig ist deshalb auch die neueste Marotte der Stürmer, die vollständige Jubelverweigerung. Kaum zu glauben: Spieler, die nomadenartig den Verein wechseln, wenn beim neuen Club nur 300 Euro mehr Auflaufprämie winken, wälzen sich vor Seelenschmerz auf dem Boden, wenn sie gegen einen ihrer zahllosen Ex-Vereine das Tor treffen. Wir sind tief erschüttert.Tröstlich für alle Puristen: Sehr selten, aber doch ereilt die penetrantesten Jubler ihr gerechtes Schicksal. Als Chelseas Didier Drogba gegen Southampton nach seinem Tor fünf Minuten lang an der Eckfahne herumtänzelte, bis er als Allerletzter im Stadion bemerkte, dass der Schiedsrichter längst auf Abseits entschieden hatte. Oder als Fabian Espindola vom US-Club Real Salt Lake einen dreifachen Flickflack auf den Rasen warf und sich anschließend minutenlang an der Seitenlinie behandeln lassen musste, weil er sich bei der Rückkehr in den Stand den Fuß verknackst hatte. Und als der brasilianische Profi William sich nach einem Tor für Ponte Pora kurzerhand seiner Unterbuchse entledigt hatte, um sie vor der gegnerischen Fankurve triumphierend über dem Kopf zu schwenken und dafür nicht nur vom Spielfeld weg von der Polizei verhaftet wurde, sondern auch von der moralisch gefestigten Gattin daheim mächtig Ärger bekam. "Als ich vom Gefängnis zu Hause ankam, hat sie mich stundenlang ausgesperrt. Ich musste dann auf dem Sofa schlafen", berichtete William reumütig.
In der Regel aber werden die Laiendarsteller auf dem Spielfeld aber auch noch zu ihrem Tun ermutigt. Feiert der Boulevard doch regelmäßig gerade die schlimmsten Auswüchse als Ausweis besonderer Emotionen ab. Und wenn Diego Klimowicz nach einem Treffer für Borussia Dortmund, statt anständig mit den Mannschaftskameraden zu jubeln, vor den Kollegen davonrennt, um mit den Händen hektisch einen Kugelbauch zu formen, informiert uns der ARD-Reporter eilfertig, dass Frau Klimowicz demnächst ein Kind erwartet. Donnerwetter, wer hätte das gedacht? Wie konnte das passieren? Wer ist der Vater? Und vielleicht am wichtigsten: Wen bitte interessierts?
Zeit also für einen Paradigmenwechsel. Lobenswert immerhin und ein erster Schritt, dass die Verbände den Spielern per Dekret untersagten, auf ihren T-Shirts unter den Trikots politische oder religiöse Bekenntnisse zu verkünden. Was Giovane Elber sicher nicht an seiner peinlich berührenden Friedenstaube gehindert hätte, die der Bayern-Stürmer nach dem 11. September 2001 flattern ließ, aber immerhin seither die nervigen Missionare Bordon & Co davon abhält, nach jedem Tor Mitglieder für obskure brasilianische Freikirchen zu rekrutieren.
Aber das kann natürlich nur ein Anfang sein. Nun müssen auch noch die Schiedsrichter knallhart durchgreifen. Doppelsalto: Gelbe Karte! Eckfahnentänzchen: Ampelkarte! Babyschaukel: dunkelrot und zehn Spiele Sperre! Aber der Spieler kann sich ja trösten: Dann hat er mehr Zeit fürs Baby.
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