Kölns Sieg über Schalke Reife Leistung

Zehn Punkte aus vier Spielen, Platz zwei hinter den Bayern: Der 1. FC Köln ist bislang die Überraschung der Saison. Der Höhenflug könnte von Dauer sein - die Elf wirkt so abgeklärt wie ein Spitzenteam.

Mannschaft des 1. FC Köln
DPA

Mannschaft des 1. FC Köln

Aus Gelsenkirchen berichtet


Lukas Podolski war schon immer ein Meister in der Kunst, den komplizierten Dingen des Lebens mit einer verblüffenden Klarheit zu begegnen. So spielt er Fußball, so bringt er seine Weltsicht auf den Punkt. Kein Wunder also, dass der kölnische Kultspieler den schönsten Kommentar zum rheinischen Wunder der ersten Saisonwochen in die Welt setzte. "1. FC Leicester City", twitterte der Angreifer von Galatasaray Istanbul in der Nacht zum Donnerstag nach dem bemerkenswerten 3:1-Sieg seines Herzensklubs auf Schalke.

Leicester ist in der vergangenen Saison völlig überraschend englischer Meister geworden, und der Traum von solch einer Sensation existiert dieser Tage auch im Rheinland. Köln ist nach drei Siegen aus den ersten vier Partien Zweiter, "Deutscher Meister Eff-Zeh", sangen die Fans auf Schalke, und noch vor zwei, drei Jahren hätte man sich nach solch einem Saisonstart und der wachsenden Euphorie sorgen müssen: "Werden die schon wieder größenwahnsinnig?" Eine fatale Neigung zur Selbstherrlichkeit gehörte zu den Ursachen für das jahrelange Scheitern. Derzeit scheint der Überschwang aber kein Problem zu sein. Ganz im Gegenteil.

Man wolle das Momentum nutzen, sagte Verteidiger Frederik Sörensen, während Mitspieler Marco Höger erklärte: "Für die Fans und die Stadt freut uns das, die sollen ruhig euphorisch sein. Aber wir wissen schon damit umzugehen." Und die Klubverantwortlichen strahlen die Coolness eines kalifornischen Rappers im Cabriolet aus. "Wir brauchen nicht ruhig zu machen, wir müssen uns der Erwartungshaltung halt stellen", hatte Trainer Peter Stöger schon am Freitag nach dem zwischenzeitlichen Sprung an die Tabellenspitze erklärt. Nun bezeichnete seine tonlos schnurrende Stimme den Auftritt seines Teams schlicht als "ordentlich". Ohne erkennbare Emotionen erklärte der Österreicher: "In der zweiten Halbzeit ist vieles, was wir uns vorgenommen haben, gut gegangen: reinarbeiten, Räume besetzten, wenig zulassen, Umschaltspiel konsequent fertig spielen."

Das klang, als sei die kölnische Fußballkunst die einfachste Sache der Welt, was natürlich ein Irrglaube ist. In Wahrheit beruht der Höhenflug auf jeder Menge akribischer Arbeit im Training, in den Büros und in den Köpfen der Verantwortlichen. Diese Kölner sind sicher nicht die Bundesligamannschaft mit den stärksten Spielern, aber sie sind das vielleicht am besten entwickelte Team der Liga. Stöger arbeitet im vierten Jahr mit dem Kern des Kaders zusammen, nach und nach wurde die Gruppe verstärkt, es wird mit viel Geduld an fußballerischen Details gearbeitet, und jetzt strahlen sie die Stabilität einer Spitzenmannschaft aus. Ganz im Gegensatz zu dem armen Schalkern.

Fotostrecke

17  Bilder
Bundesliga: Resignation in Bremen und auf Schalke

Dieses Spiel, in dem der Revierklub durch Klaas Jan Huntelaar sogar in Führung gegangen war (36. Minute), wurde zum bittersten Moment einer ohnehin schon sehr bitteren ersten Saisonphase. Der Gast vom Rhein war einfach reifer, wacher, schneller im Kopf und auf den Beinen, die Kölner haben eine gewachsene Mannschaft, während die Schalker erst beginnen mit ihrem Erfolgspuzzle. Es wird in den kommenden Tagen jede Menge Krisengeschichten über diesen katastrophalen Start ins Spieljahr mit vier Niederlagen geben, der fußballerisch aber bei Weitem nicht so desaströs ist, wie der Blick auf die Tabelle nahelegt. Die wahre Sensation dieser ersten Saisonwochen sind daher die Kölner.

In jedem Jahr gibt es eine Überraschungsmannschaft, die nach Jahren guter Aufbauarbeit und mit einer Portion Glück in den Europapokal stürmt. Freiburg, Frankfurt, Mainz, Hertha BSC und Augsburg sind die jüngsten Beispiele, derzeit sind die Kölner so etwas wie der Top-Favorit auf diese Rolle. Sie konnten alle Leistungsträger halten, sogar die von internationalen Großklubs umworbenen Timo Horn und Jonas Hector. Beide begründeten ihren Verbleib mit ihrer Lust auf das Kölner Projekt. Und Anthony Modeste blieb zwar nicht ganz freiwillig, sein Wechsel nach China scheiterte an formalen Fehlern, aber auch der französische Stürmer hat nun jede Menge Spaß in Köln.

Yuya Osakos 1:1 bereitete Modeste mit einer klugen Aktion vor (38.), und das 2:1 erzielte er selbst (77.), vier Tore sind ihm damit in den ersten vier Bundesligaspielen gelungen. Und am Ende legte der Einwechselspieler Salih Özcan das 3:1 des Einwechselspielers Simon Zoller auf (83.) - auch die hinteren Plätze im Kölner Kader sind so stark besetzt wie seit Jahren nicht. "Der Teamgeist und der Wille zu arbeiten machen uns zurzeit so erfolgreich", sagte Kapitän Matthias Lehmann. Er nannte damit zwei Elemente, die auch beim Wunder von Leicester eine ganz entscheidende Rolle spielten.



insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
allezwizzer, 22.09.2016
1. Freut mich für die Kölner
Ist ne sympathische Truppe und spielt neuerdings auch ansehnlichen Fussball.
Nonvaio01 22.09.2016
2. sehr schoen
freut einen
cimarol 22.09.2016
3. Als Köln Fan
Freue ich mich aktuell einfach nur über die Leistung des ganzen Vereins und über den Realismus der Verantwortlichen inkl. Mannschaft. Seit gut drei Jahren ein tolle Entwicklung, jedes dieser Jahre war bislang Balsam auf die über gut 20 Jahre entstandenen Wunden, was da schon alles kaputt gemacht wurde. Aktuell aber, super Typen am Start: Vorstand, Trainerteam, Sportliches Management, Scouting, Kaufmännische Seite, Spieler es passt einfach.
schwester arno 22.09.2016
4. Ball flach halten
Das ist eine Entwicklung, die sich letzte Saison schon angedeutet hat, insbesondere auswärts. Da die Mannschaft in den Schlüsselpositionen kaum verändert, bzw. eher noch verstärkt wurden, ist ein gutes Endresultat zu erwarten, wenn, ja wenn die alte Kölner Krankheit, nach einer kleinen Serie komplett durchzudrehen (weniger die Mannschaft, mehr das Umfeld), d.h. z.B. ernsthaft von Meisterschaft oder Champions League zu schwadronieren. Ich habe schon Spielzeiten erlebt, da ist man nach einer guten Hinrunde abgestiegen. Ich bin Köln Anhänger (seit Klaus Fischer zu Köln wechselte, ja, ich stehe dazu :-)) und ob diesem übertriebenen Anspruch (z.B. auch vom Express) gab es dann doch die eine oder andere Ernüchterung. Lassen wir sie erstmal die 40 Punkte holen und dann sehen wir weiter. Aber diese Mannschaft hat mehr Potenzial als die vergangener Spielzeiten, daher bin ich natürlich guter Dingen, wenn man Stöger in Ruhe seine Arbeit machen lässt, denn nach einer (von mir selbstverständlich nicht erhofften) Niederlage gegen Leipzig und Bayern könnte die Sache schon wieder ein bisschen relativiert werden, daher "Come on, Effzeh".
petruz 22.09.2016
5.
Vorallem ist das in Köln alles organisch gewachsen. Da wurden kluge Transfers genacht sowohl auf der Soll als auch auf der Habenseite. Ein Gerhardt wurde für völlig überzogene 13 Mio. nach Wolfsburg verscherbelt, dafür der mindestens gleichstarke Höger geholt. Vor 2 Jahren tauschte man fast kostengleich Ujah mit Modeste aus. Ein Glücksgriff! Am Sonntag nun das Duell der Gegensätze gegen Red Bull Leipzig...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.