Kölns Trennung von Stöger Aus mit Applaus

Der 1. FC Köln trennt sich von seinem Trainer, obwohl Peter Stöger bei Fans und Spielern bis zuletzt hoch im Kurs stand. Es scheint, als verfiele der Verein wieder in seine alten Fehler.


Vermutlich wäre es den Klubchefs um Präsident Werner Spinner und Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle gar nicht so unrecht gewesen, wenn sich am Samstagabend ein zorniger Mob am Geißbockheim versammelt hätte, der Fäuste geschwungen und "Stöger raus!" gebrüllt hätte.

Die Geschichte des 1. FC Köln ist ja voll von derlei Aufruhr, doch der jüngste Absturz der Rheinländer löst erstaunlicherweise ganz andere Emotionen aus. Der Klub ist umgeben von Gefühlen wie Trauer, Sehnsucht, ja sogar von echter Zuneigung zum Hauptverantwortlichen für den freien Fall: dem Trainer, von dem man sich am Sonntag getrennt hat. Als kölscher Held.

Am Samstagabend nach dem beachtlichen 2:2 beim FC Schalke feierte die Gästekurve den Österreicher. Anerkennung, Dankbarkeit und eine dicke Portion Schmerz klangen mit, als die Leute den Namen des 51-Jährigen sangen. "Ich habe bis zuletzt gehofft, das Ziel Klassenerhalt noch erreichen zu können, leider ist diese Überzeugung nicht mehr ausreichend vorhanden", sagte Spinner nach vollzogener Trennung. Vorerst wird U19-Trainer Stefan Ruthenbeck das Team übernehmen, der auch schon beim VfR Aalen und der SpVgg Greuther Fürth Chefcoach in der zweiten Liga war. Im Winter könnte eine endgültige Lösung folgen.

Spieler mit Tränen in den Augen

Wehrle, der im Moment so etwas wie der mächtigste Mann im Klub ist, berichtete, schon am Freitag sei die Trennung beschlossen worden, Stöger wusste also schon in Gelsenkirchen, dass es sein letzter Abend als Chefcoach werden würde. Dankend zog er nach dem Abpfiff seine Mütze vom Kopf, deutete eine Verbeugung an, nahm Spieler in den Arm und wurde von seiner Mannschaft mit Applaus gefeiert. Einige hatten Tränen in den Augen, schön und traurig zugleich war dieser merkwürdige Abschied. Eine Abschiedsstimmung, wie sie die große Kölnerin Trude Herr einst besungen hat: Niemals geht man so ganz.

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Es handelt sich nämlich um eine Trennung, an deren Ende weniger der Trainer als die Herren aus der Klubführung in der Kritik stehen. Fans, Mannschaft und Stöger selbst hatten sich demonstrativ als homogene Einheit präsentiert, in diversen Umfragen äußerten jeweils deutliche Mehrheiten den Wunsch, dass Stöger bleiben möge.

Allerdings brachen zunehmend Gräben zwischen der Klubspitze auf der einen und Mannschaft, Trainer und Fans auf der anderen Seite auf. Dieser Konflikt gipfelte am vorigen Donnerstag in Stögers Aussage, dass der Klub sich "von seinen Werten gelöst" habe. Darauf spielte Wehrle wohl an, als er am Sonntag erzählte, dass in den vergangenen Tagen "einiges passiert" sei, und dass sich "Dinge verändert haben, auch beim Peter".

Wie dem auch sei, in jedem Fall ist dieser besondere "Effzeh", den so viele Menschen in den vergangenen vier Jahren fest ins Herz geschlossen hatten, für den sie nach 20 Jahren menschlichem Versagen und Dauerchaos endlich wieder ungetrübten Stolz empfinden konnten, mit dieser Trennung ausgelöscht. Es waren der im Oktober zurückgetretene Sportdirektor Jörg Schmadtke und der österreichische Trainer, die mit ihrem Sachverstand und ihrem Wesen einen Klub mit schlüssigem Konzept, konstruktivem Arbeitsklima und viel Menschlichkeit geschaffen haben. Ohne den alten Größenwahn, ohne die Verbohrtheit und ohne die Einfallslosigkeit früherer Jahre. Und wie der Klub ohne das Duo aussehen könnte, deutet sich auch schon an.

Verein bildet wieder die alten Muster aus

Bereits die Idee, ein größeres Stadion zu bauen, ohne die Pläne für die Stadt, ihre Einwohner und die Fans transparent zu machen, sorgte im Frühjahr für viel Ärger. In erstaunlicher Offenheit drohte der Klub sogar damit, die Bürger auf den Betriebskosten der noch längst nicht abbezahlten Arena in Müngersdorf sitzen zu lassen. Hinzu kamen Vorgänge wie die diplomatische Ungeschicklichkeit, mit der Vizepräsident Harald Schumacher den Plan herausposaunte, Horst Heldt als Sportdirektor zu verpflichten. Das Vorhaben scheiterte krachend.

Eine Gruppe Kritiker, die den Verkauf von Vereinsanteilen erschweren wollte, wurde ziemlich rüde angegangen, und am vorigen Freitag traf sich ein Mitglied des "Gemeinsamen Ausschusses", der die Funktion eines Aufsichtsrates hat, mit Dietmar Beiersdorfer, der als Favorit auf den vakanten Posten des Sportdirektors gilt. In einem Hotel mitten in der Stadt, auch das wirkte wenig professionell.

Sogar in der sportlichen Leitung erleben die Kölner gerade eine geradezu kuriose Wiederholung eines besonders finsteren Kapitels ihrer Geschichte: Schon während der letzten Abstiegssaison 2012 trennte der Klub sich zunächst von Sportdirektor Volker Finke und kurz darauf von Trainer Ståle Solbakken. Ohne die beiden Leute mit dem größten Detailwissen über die Mannschaft, die menschliche Seite der Spieler, sportliche und persönliche Entwicklungen, war nicht nur der Abstieg besiegelt, sondern auch ein enttäuschendes Übergangsjahr in der zweiten Liga.



insgesamt 32 Beiträge
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wolke:sieben 03.12.2017
1. Endlich !!
...hat man Stöger rausgeworfen, das ganze Theater hätte sich schon viel früher abspielen können/müssen, dieser Mann war ja schon lange nicht mehr tragbar.
kopi4 03.12.2017
2.
Treffende Analyse. Die Kündigung meiner Mitgliedschaft liegt schon im Briefkasten, mir reicht es. Ich bin alt genug die großen Erfolge miterlebt zu haben und zu alt um die offenbar zwangsläufig von ebenso selbstverliebten wie unfähigen Vorständen folgende Selbstzerfleischung ein weiteres Mal zu tolerieren. 1980 Weisweiler, 1990 Daum,2014 Stöger. Trainer die Erfolg haben und beim Anhang beliebt sind kann ein wahrer FC-Vorstand nicht tolerieren. Kleines,aber wichtiges Detail zu 2012 am Rande: in der Situation damals stand der FC auch ohne Präsident da,ein Trost der den Fans 2017 (noch) verwehrt wird.
flaneur1962 03.12.2017
3. Spürbar wie früher
Sehr gute Analyse - "Spürbar anders" ist eben doch nicht mehr als der Marketing-Claim. Die vielfach hervorgehobene "neue Kultur" im Verein hält genau bis zur ersten richtigen Krise. Richtig wäre es gewesen, gegen die "Gesetze der Branche" das "Freiburger oder Mainzer Modell" zu verfolgen und mit Peter Stöger den (angesichts des Rückstands ohnehin unvermeidlichen) Weg in die 2.Liga (und nach Möglichkeit zurück) zu gehen. Das Verhältnis zwischen Trainer, Mannschaft und Fans war intakt, wie die Energieleistung beim Spiel in Schalke, bei dem sich das "letzte Aufgebot" nach zweimaligem Rückstand zurück ins Spiel kämpfte und einen verdienten Punkt mitnahm, eindrucksvoll belegt hat. Statt dessen lässt auch dieses Präsidium sich von der Kölner Boulevard-Presse treiben, deren "Krokodilstränen" jetzt kaum zu ertragen sind. Die Herren im Präsidium sind inzwischen weit weg von den Fans und abgehoben. Der Verein landet immer wieder in der gleichen Situation und so langsam ist bei Vielen das Ende der Geduld erreicht. Na ja, wenigstens die intransparenten Pläne für einen Stadionneubau in der Pampa dürften mit dem erneuten Abstieg vom Tisch sein. Wenn alle, die jetzt schreiben, dass sie ihre Mitgliedschaft oder Dauerkarte kündigen wollen, dass auch täten, würde ein neues Stadion ohnehin nicht mehr gebracht.
skeptikerjörg 03.12.2017
4. Dietmar Beiersdorfer?
Beiersdorfer als neuer Sportdirektor, meint ihr das im Ernst? Ist der HSV nicht abschreckendes Beispiel genug? Oder meint jemand, die hätten schließlich dreimal in letzter Sekunde den Kopf aus der Schlinge gezogen? Jedenfalls sind die Fehleinkäufe Legende, das vereinsinterne Chaos auch!
lektra 03.12.2017
5. Trainer automatisch der "Hauptverantwortliche"? Das ist zu einfach.
Viel erklärt sich daraus, dass die überwiegende Mehrheit der Fans in Peter Stöger eben nicht den "Hauptverantwortlichen für den freien Fall" (wie es im Artikel heißt) erkennt. Die von Jörg Schmadtke getätigten Transfers für diese Spielzeit wurden im Fanlager vor der Spielzeit mit einiger Fassungslosigkeit registriert (gehen Sie einfach mal in die damaligen Diskussionen in verschiedenen Fanforen zurück; da finden sich alle Probleme des Kaders vorweggenommen). Dann die Verletztenserie: Momentan fehlen zehn potentielle Startaufgebotsspieler verletzt - und das bei einem Kader, der für die Dreifachbelastung mit Europa League eher klein bemessen wurde und mittlerweile sogar mit U19-Spielern aufgepolstert werden musste. Gesehen haben die Fans eine Mannschaft, die es geschafft hat, trotz aller Nackenschläge (immer wieder neue Verletzte, Schirifehlentscheidungen, aber auch in drei Spielen deutliches Einbrechen unter der mentalen Belastung bei Rückständen) immer wieder mit vollem Einsatz ins nächste Spiel zu gehen, auch wenn die Spieler ihre Verunsicherung gerade zu Beginn der Spiele nicht ganz abschütteln konnten (was Wunder auch). Eins kann man nicht unkommentiert stehen lassen: "... Vizepräsident Harald Schumacher den Plan heraus posaunte, Horst Heldt als Sportdirektor zu verpflichten" - Das stimmt so nicht. Dass Kontakt zu Heldt besteht, ist viel früher an die Presse geraten - oder lanciert worden (ob Heldt durch die Öffentlichkeit Druck auf H96 machen wollte, um seinen Abgang zu erzwingen oder um seine Position bei Hannover zu verbessern, muss offen bleiben). Heldt hatte Tage zuvor vor der Presse erklärt, dass er mit dem FC reden wolle. Schumacher hat sich dann Tage später beim "Doppelpass" (allerdings sehr ungeschickt) zu den Meldungen geäußert, die sich in den Medien jagten. Also nichts mit "herausposaunt", auch wenn es so schön in althergebrachte FC-Klischees passt. Prüfen Sie noch mal die zeitlichen Abläufe, lieber Herr Theweleit. Und am Ende noch etwas zum Lachen für den FC-Fan: Volker Finke als einen der "beiden Leute mit dem größten Detailwissen über die Mannschaft, die menschliche Seite der Spieler, sportliche und persönliche Entwicklungen" zu beschreiben - das grenzt an Satire. Ich kenne keinen Fan, der nicht das eigentliche Problem darin sieht, dass Finke überhaupt geholt wurde. Dass er von der menschlichen Seite der Spieler (und auch der des Trainers, der unter ihm agieren musste) keine Ahnung hatte, war das eigentliche Problem.
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