Bundesliga-Schlusslicht 1. FC Köln Der alte Mann und das Kollektiv

Ein Punkt, 2:15 Tore, der 1. FC Köln blickt auf den drittschlechtesten Start zurück, der je in der Bundesliga zusammengestolpert wurde. Mit der Pizarro-Verpflichtung wurde nun ein Grundprinzip des Klubs aufgegeben.

Aus Köln berichtet


Für einen Moment schien die Magie des großen Heilsbringers tatsächlich zu wirken. Nach 54 Minuten betrat Claudio Pizarro den Rasen, und die Gläubigen brüllten seinen Namen, als sei Lukas Podolski persönlich zurückgekehrt ins Trikot mit dem Geißbock.

"Zuerst dachte ich, wir hätten ein Tor geschossen, als er reinkam", beschrieb Leonardo Bittencourt den Sound der Hoffnung, der in diesem Moment den Abendhimmel über Köln-Müngersdorf erfüllte, und wenige Augenblicke später lag der Ball tatsächlich im Tor. Pizarro hatte einen Pass auf Bittencourt gespielt, der den Leipziger Torhüter Péter Gulácsi überlupfte. Doch der Deutsch-Brasilianer stand im Abseits - und schon war er vorüber, der beste Moment des Claudio Pizarro.

Am Ende hatten die Kölner schon wieder verloren, diesmal mit 1:2 gegen RB Leipzig, nur zweimal sind Mannschaften noch schlechter in ein Bundesligajahr gestartet. "Es ist schwierig, aber es gibt im Fußball immer schlechte Phasen, in denen man dann noch mehr arbeiten muss", sagte Pizarro und versuchte Zuversicht zu verbreiten: "Mit der Qualität, die die Jungs haben, können wir in den nächsten Spielen Punkte holen." Wobei sich immer deutlicher abzeichnet, dass die Sache mit der Qualität das zentrale Problem dieser Kölner Mannschaft sein könnte.

Denn als Kollektiv funktioniert dieses Team, jeder habe gesehen, "dass diese Mannschaft Bock drauf hat, diese Situation zu überstehen mit diesem Trainer", sagte Bittencourt zu diesem leidenschaftlichen Auftritt. Kapitän Matthias Lehmann sprach am Ende dieses intensiven Fußballabends vom "besten Spiel" der bisherigen Saison, und Timo Horn erklärte: "Wir haben letzte Saison gezeigt, dass wir viele Tore schießen können." Nur hatten sie da noch Anthony Modeste, dem an einem Abend wie diesem bei 16 Kölner Torschüssen leicht drei Tore zuzutrauen gewesen wären.

Wieder nicht der erste Treffer für Córdoba

Nachfolger Jhon Córdoba hatte gekämpft, geackert und ein gutes Spiel gemacht, bis er nach 54 Minuten mit einer Oberschenkelverletzung ausgewechselt werden musste. Doch sein erster Bundesligatreffer für den FC ist ihm wieder nicht gelungen, und so langsam wird den Kölnern klar, dass der Kolumbianer eigentlich noch nie ein echter Torjäger war.

Auf der Bank saßen außer Pizarro nur Defensivspieler, der 1. FC Köln hat keine Stürmer in dieser Saison. Die Verpflichtung des vereinslosen Fußballrentners, der am morgigen Dienstag 39 Jahre alt wird, sei "das Eingeständnis des vollständigen Versagens der Kölner Kaderplanung" schrieb der "Kölner Stadtanzeiger" vorige Woche. Denn man kann Gegner mit Leidenschaft niederkämpfen, man kann Spiele mit Hingabe und großen Energieleistungen dominieren, aber Bälle ins Tor zu kämpfen ist nicht so einfach. Im Abschluss ist in der Bundesliga eine gewisse Qualität erforderlich.

Córdoba ist eher ein Strafraumarbeiter, einer der Räume öffnet, Pässe spielt, nun ist er erst mal verletzt. Yuya Osako gelang in der Schlussphase wenigstens noch das 1:2. Dass der Japaner plötzlich die Rolle des wichtigsten Torjägers einnehmen soll, wirkt aber tatsächlich wie ein Unfall. In Fokus der Kritik befindet sich längst Manager Jörg Schmadtke.

30 Millionen Euro, aber kein glückliches Händchen

Noch im Sommer wurde der ehemalige Torhüter feierlich zum besten Sportvorstand der Bundesliga gekürt, sogar beim FC Bayern München soll er im Gespräch gewesen sein, doch zuletzt hatte Schmadtke kein glückliches Händchen. Die 30 Millionen Euro, die der Modeste-Verkauf in die Kasse spülte wurden für Jannes Horn (7 Millionen Euro), Córdoba (16) und Jorge Meré (8,5) ausgegeben. Im Sommer 2016 war für fünf Millionen der Stürmer Sehrou Guirassy aus Frankreich gekommen, bisher hat keiner dieser Spieler den FC besser gemacht.

Seit im Sommer 2015 Dominique Heintz, Modeste und Bittencourt an den Rhein wechselten, sind vier Transferperioden verstrichen, ohne dass Schmadtke und seine Scouts einen neuen wirklich stabilen Leistungsträger auf dem Transfermarkt gefunden haben. Die Verpflichtung Pizarros bezeichnete Schmadtke am Sonntagabend mit einem Unterton der Selbstironie als "Panikkauf", vor allem aber verkörpert der Transfer eine Abkehr vom Erfolgskonzept.

Seit Schmadtke und Stöger die sportliche Verantwortung tragen, stand immer das Kollektiv im Mittelpunkt, selbst Modeste musste intensiv für die Mannschaft arbeiten. Nun haben sie mit Pizarro wieder einen Spieler, der als Heilsbringer gefeiert wird, für den aber die anderen rennen müssen. Weil er einfach ein alter Mann ist unter all den perfekt austrainierten Bundesligafußballern.

Und die Idee, Erfolg mit dem Ruhm großer Namen einzukaufen, ist in Köln während der finsteren Jahrzehnte mit insgesamt fünf Abstiegen zwischen 1999 und 2012 schon einmal krachend gescheitert.



insgesamt 5 Beiträge
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moosi1 02.10.2017
1. Trainerfrage elegant lösen
Sollte der FC Bayern doch mal ein gutes Angebot machen für den ausgezeichneten Trainer Stöger, könnte eine Win-Win Lösung entstehen. Das der Trainer mit Stars kann, hat er bewiesen. Und das Haifischbecken Köln ist Vergangenheit, seit Stöger dort schwamm. Und Tuchel kann in Köln rechtzeitig zu Beginn der fünften Jahreszeit seine rheinischen Kompetenzen zur Entfaltung bringen. Von der Stöger-Ablöse können sie ihn locker bezahlen.
.patou 02.10.2017
2.
Ich hoffe, der FC verliert nicht die Nerven und sucht sein Heil in einem neuen Trainer. Hier sollte man sich eher am unaufgeregten Freiburger Modell orientieren. Die desaströse Gemengelage aus Verletzten (Hector), Abgängen (Modeste) und suboptimalen Einkäufen würde sich auch bei einem neuen Trainer nicht plötzlich in Luft auflösen. Und Stöger ist ein Guter. Die Notlösung Pizarro sollte man jetzt nicht zum neuen Kölner Modell hochschreiben. Denn sie ist außerhalb des Transferfensters eben nicht der geplante Versuch, "Erfolg mit dem Ruhm großer Namen einzukaufen", sondern ... eine Notlösung. Der hoffentlich in der Winterpause weitere Aktivitäten folgen.
Ein kleiner Idiot 02.10.2017
3. Dass der Japaner plötzlich die Rolle des wichtigsten Torjägers...
...ist bei aktuell zwei Treffern für Köln insgesamt von der Begrifflichkeit auch eher ein Unfall. :)
jerkrussel 02.10.2017
4. Keine Panik....
.... nach meiner Kenntnis ist kein Club jemals schlechter gestartet als der HSV. Und den gibt es bekanntlich noch immer in Liga 1.
dr.könig 02.10.2017
5. et kütt wie et kütt
Köln wird absteigen, mit Stöger und dann sofort wieder aufsteigen, mit Stöger.
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