Kölns Niederlage gegen Freiburg Krönung des Untergangs

Die Wende war zum Greifen nah, doch am Ende scheiterte Köln erneut an sich selbst: Gegen den SC Freiburg verlor der sieglose Tabellenletzte nach einer 3:0-Führung - der Abstieg ist kaum noch abzuwenden.

Kölns Torwart Timo Horn
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Kölns Torwart Timo Horn


Das hübsche Stadion in Müngersdorf hat schon so manche apokalyptische Stunde erlebt, es gab übelste Fangewalt, Pyrotechnikexzesse, furchtbare Niederlagen, und den Abstieg 2012.

Es gab also schon schlimmere Vorkommnisse, als dieses dramatische 3:4 gegen den SC Freiburg, mit dem die Kölner dem erneuten Abstieg einen großen Schritt näher kamen. Aber vor allem jenseits des Rasens. An ein derart apokalyptisches Fußballspiel konnten sich an diesem zweiten Advent auch langjährige Stammgäste nicht erinnern.

Als Nils Petersen in der fünften Minute der Nachspielzeit per Elfmeter das Siegtor für Freiburg schoss, stürzte die Südkurve umgehend in einen Zustand blanken Entsetzens. Fans entrollten Sekunden nach dem Tor ein Banner mit der Forderung "Vorstand raus"; es wurde gewütet und geschimpft, während die Freiburger ihr Glück kaum fassen konnten.

Die Lage ist derart angespannt, dass der Vorstand noch am Abend einen offenen Brief publizierte, in dem Präsident Werner Spinner mit seinen beiden Stellvertretern Toni Schumacher und Markus Ritterbach "selbstkritisch" einräumten, "dass ein großer Teil der schwierigen Lage selbstverschuldet ist". Es sei "zu spät realisiert" worden, "dass das erfolgreiche Duo Jörg Schmadtke und Peter Stöger, das wir 2013 zum 1. FC Köln geholt haben, nicht mehr funktioniert." Allerdings habe man viel zu spät reagiert, Fehler in der Kommunikation gemacht, und der Mannschaft sei die "Geschlossenheit in Teilen verloren gegangen".

Ein verzweifelter Versuch der Selbstverteidigung

Vielleicht hätten die Funktionäre, die mehr und mehr das Vertrauen der Basis verlieren, das mal besser vor diesem verstörenden Spiel eingeräumt. So wirkt der Vorstoß wie der verzweifelte Versuch der Selbstverteidigung nach einem schwer erträglichen emotionalen Extremerlebnis für alle Anhänger. Angefangen hatte es mit der Vorstellung des in Köln immer noch hoch verehrten, aber vorige Woche entlassenen Peter Stöger als Trainer des BVB. Der Verlust schmerzt immer noch. Und die danach folgenden fast 100 Minuten Fußball wurden zu einem Trip durch ein seltsames Land der Absurditäten.

Angepfiffen wurde die Partie aufgrund des Wetters mit einer 30-minütigen Verspätung in einem wilden Schneetreiben, das ein ordentliches Fußballspiel eigentlich unmöglich machte. Einige Bereiche des Platzes waren nicht geräumt, der Ball holperte, blieb hängen, die Spieler rutschten umher. Noch ungewohnter war allerdings: Der 1. FC Köln spielte unter Interimstrainer Stefan Ruthenbeck erfolgreichen Fußball. "Die haben es besser gespielt, waren immer einen Schritt schneller", sagte Freiburgs Trainer Christian Streich später zur ersten halben Stunde, an deren Ende Köln mit 3:0 führte.

Es war eine Sensation, schließlich schießen diese Kölner nie drei Tore. "Wir sind richtig gut ins Spiel gekommen und haben viele Dinge richtig gemacht", sagte Ruthenbeck, dessen Idee, den Rechtsverteidiger Lukas Klünter als Stürmer spielen zu lassen, prächtig funktionierte. Das Stadion feierte ein Weihnachtsfest, welches 80 Minuten später in einen neuen emotionalen Tiefpunkt mündete. Und das will etwas heißen in dieser an Rückschlägen, Demütigungen und Verwerfungen so reichen Kölner Saison.

"Schlimmer geht es nicht mehr"

Als alles vorbei war, sprach Dominique Heintz von einer "Krönung", mit der die Mannschaft den Prozess ihres Zerfalls auf den Gipfel getrieben hatte. "Wenn man Tabellenletzer ist, dann braucht es nur eine negative Sache, dann geht es nach hinten los", sagte der Verteidiger. Wobei mindestens zwei negative Sachen zusammen kamen: Es hörte auf zu schneien, der Platz wurde immer sporttauglicher, irgendwann brach sogar die Sonne hervor. Das Publikum befand sich plötzlich in einer völlig neuen Welt: Es war kein Kampfspiel auf unbespielbarem Rasen mehr, sondern eine echte Bundesligapartie, in der der SC Freiburg die dramatischen fußballerischen Schwächen des Effzeh kühl entblößte.

Wobei Köln in der 89. Minuten immer noch mit 3:2 führte, die erhoffte Wende, die am morgigen Montag mit dem Dienstantritt des neuen Managers Armin Veh einen entscheidenden Schritt vorangebracht werden soll, war weiterhin greifbar. Doch die meisterhaften Fehlerfabrikanten aus dem Rheinland verursachten kurzerhand zwei Elfmeter, die Petersen nutzte, um die Partie endgültig zu drehen.

"Schlimmer geht es nicht mehr", sagte Heintz, und tatsächlich gehört viel Phantasie dazu, um sich noch eine weitere Steigerung des Wahnsinns vorzustellen. Aber bei diesem 1. FC Köln muss man sehr vorsichtig sein mit derartigen Prognosen.



insgesamt 34 Beiträge
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Japhyryder 10.12.2017
1. 1. FC Köln
Wahnsinn! Ein Großteil der Saisonvorbereitung wurde mit dem Verbleib oder Verkauf von Modeste zugebracht. Das die so abstürzen, hätte ich nie gedacht. Die waren doch auf so einem guten Weg! Schade.
tmhamacher1 10.12.2017
2. Peinlich!!!
Als Fan des 1. FC Köln muss ich zugeben, dass die Liebe zu diesem Verein in irgendeiner Weise wohl eine gewisse Neigung zur Selbstquälerei bedeutet. Was ist das für eine Idiotentruppe - einfach zu dumm für die Bundesliga. Wir sind zweitklassig vom Vorstand über die Mannschaft bis zum Trainingsgelände. Wie kann Manchester zwei Spitzenmannschaften hervorbringen? Wir sollten einen Verkauf an die Saudis erwägen, weil dieses jahrzehntelange Elend nicht mehr zumutbar ist! SPINNER RAUS!
frogman07 10.12.2017
3. es war Wahnsinn
wer das Spiel gesehen hat, hat alles erlebt, Freude, Wut, Zorn am Ende der typische Abgang des Vereins. Es liegt an den Spielern, die sich die Misere selber einbrocken, obwohl Sie gut spielen können. Der Vorstand ist ein möchtegern Vorstand, der selber Schuld an der Misere mitträgt, und die Schuld gerne weiter delegiert. Siehe Peter Stöger. Wenn der Trainer so schlecht wäre wie der Vorstand es gerne vermittelt, voran Geschaftsfüher Alexander Wehrle,dann hätte er nie einen Vertrag beim Bvb bekommen. Köln hat wieder den Stempel eines Carnevalvereins dank diesen Vorstandes. Der Vorstand hat es geschafft mit Schmadtke zu streiten, Stöger hinauszuwerfen, und den Fans nicht zuzuhören. Der Artikel ist gut geschrieben, bringt es auf dem Punkt. Ich bin mir sicher Stöger wird weiter erfolgreich mit den BVB und wir behalten die Luschen vom Vorstand bis nächstes Jahr. Es wird eine Demütigung für den FC.
ich-geb-auf 10.12.2017
4. Handelfmeter...
... wie kann man so sorry doof mit der Hand rangehen und dann noch beim Elfmeter bzw kurz vorher so grinsen? gut zu sehen ab Minute 09:01 http://www.goalsarena.org/en/video/germany-bundesliga/10-12-2017-fc-cologne-freiburg.html Da frag ich mich echt, wie das Ergebnis mit den 2 unnötigen Elfmetern zustande kommen sollte
starboy 10.12.2017
5. Lieber Nils Petersen,
sie sind schlauer als sie denken. Glückwunsch zu dem tollen Spiel. Auf dem Platz kommt es auch auf cleverness an und auch die haben sie eindrucksvoll bewiesen.
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