Bornemann-Entlassung in Nürnberg Überzeugungsopfer

Nürnbergs Sportdirektor Andreas Bornemann hat sich in der Vergangenheit mit vielem arrangiert. Doch die Entlassung seines Trainers Michael Köllner wollte er nicht hinnehmen. Nun sind beide ihren Job los.

Andreas Bornemann (l.) und Michael Köllner
DPA

Andreas Bornemann (l.) und Michael Köllner


Thomas Grethlein ist ein Mann mit Umgangsformen. Es hätte also überrascht, wenn sich der Nürnberger Aufsichtsratschef am Dienstag bei der Beurlaubung der kompletten sportlichen Führung in seinen Aussagen hinter branchenüblichen Mechanismen versteckt hätte. Es waren schließlich Aufsichtsräte aus Fleisch und Blut, die in der zweiten Krisensitzung innerhalb weniger Stunden zum Ergebnis gekommen waren, dass man den Trainer Michael Köllner entlassen müsse, um die Minimalchance auf den Klassenerhalt zu wahren.

Mit der Entscheidung gegen Köllner war auch das Schicksal von Andreas Bornemann besiegelt, der sich bis zuletzt für den Trainer starkgemacht hatte. Da beim Club nur der zweiköpfige Vorstand eine Entlassung aussprechen kann und sich Bornemann und sein kaufmännisches Pendant Niels Rossow in der Causa Köllner nicht einig waren, musste Bornemann weg, um sich vom Trainer trennen zu können. Der Sportdirektor war bis zuletzt stur geblieben.

Thomas Grethlein
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Thomas Grethlein

Es waren letztlich auch nicht nur die jüngsten Ergebnisse, die zur Trennung führten. Die Nürnberger Bilanz von nur zwei Siegen aus 21 Spielen und einem Negativlauf von zuletzt 15 sieglosen Partien in Folge hätten bei vielen Vereinen schon längst zum Trainerwechsel geführt. Es war auch Köllners Umgang mit der Situation, der ihm zum Verhängnis wurde.

Die Journalisten mussten sich Woche für Woche anhören, wie er auch die desolatesten Leistungen seiner Elf mit vielen blumigen Worten schönredete. Die Fans waren fassungslos, weil sie den Eindruck hatten, dass Spieler wie Mikael Ishak oder Yuja Kubo, mit denen sie noch ein paar Hoffnungen verbanden, keine Chance bekamen. Es war eine Gemengelage, auf die der Aufsichtsrat reagieren musste.

Zumal der Club ja tatsächlich noch Chancen auf den Klassenerhalt hat. Da auch Stuttgart (15 Punkte) und Hannover (14) kaum mal ein Spiel gewinnen, ist der Relegationsrang noch in Reichweite. Und dieser reicht, wie die jüngste Vergangenheit zeigt, in acht von zehn Fällen für den Erstligisten zum Klassenerhalt.

Bornemann wurde Opfer seiner Loyalität

Während in Hannover und Stuttgart mit komfortablen Etats gravierende Fehlentscheidungen getroffen wurden, gingen der FCN und Mitaufsteiger Düsseldorf mit Mini-Etats in die Saison. Noch im Winter, als Bornemann versuchte, Spieler nachzuverpflichten, merkte er, dass das Geld nicht reichte. Nicht einmal, um Zweitligisten auszustechen, die sich für die gleichen Spieler interessierten.

Für Bornemann, der den Sparzwang in den vergangenen Jahren immer loyal vertreten hatte und Kontinuität für elementar im Profifußball hält, ist die Trennung also bitter. Wer mit ihm in den letzten Wochen sprach, traf auf einen Überzeugungstäter, der davon überzeugt war, dass auch ein anderer Trainer mit dieser Mannschaft nicht mehr Punkt holen würde.

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Auch nach der jüngsten Niederlage im Kellerduell gegen Hannover stellte sich Bornemann hinter Köllner. Dem TV-Sender Sky sagte er: "Es gab keine Ansatzpunkte, dass die Mannschaft nicht wollte, wir hatten trotz Unterzahl gute Chancen." Mit Köllner wäre der Club mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit abgestiegen. Doch auch unter jedem möglichen Nachfolger bleibt der Kader der individuell mit Abstand am schlechtesten besetzte der Liga.

Kann man es gewählten Vereinsfunktionären übel nehmen, dass sie sich nach dem 21. Spieltag dazu entscheiden, das Unglück doch noch irgendwie abwenden zu wollen, das sich über Monate ankündigt? Wohl nicht. Vorausgesetzt, sie verzichten auf billigen Populismus. Aufsichtsratschef Grethlein gab sich am Dienstag jedenfalls selbstkritisch und räumte ein, dass auch er nach dem unverhofften Aufstieg im Sommer klarer hätte kommunizieren müssen, dass man als David gegen 16 Goliaths agiere.

"Für uns hatte die wirtschaftliche Konsolidierung höchste Priorität. Das führt dazu, dass wir sportlich der Entwicklung immer ein Stück weit hinterherlaufen", sagte er. "Es gibt keinen Sportvorstand in Deutschland, der unter den Prämissen, unter denen Herr Bornemann hat arbeiten müssen, gearbeitet hätte."

Es waren ehrliche Worte eines Funktionärs, der offenbar auch zu denen gehört, die sich gefreut hätten, wenn auch Bornemann von Köllner abgerückt wäre.



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mussich 12.02.2019
1. Absteigen ist nicht nur schlecht
Nürnberg gehört, genau so wie der HSV, nicht in die erste Liga. Lieber in der 2. Liga ab und zu mal gewinnen. Das schont auch die Nerven der Fans.
vocalise 12.02.2019
2. Wer hat denn vor Saisonbeginn geglaubt, dass der Club drin bleibt?
Wer das geglaubt hat, ist bestenfalls als Träumer zu bezeichnen. Jedes realistische Szenario musste davon ausgehen, dass man wieder absteigt. Also die Saison spielen, Erfahrungen sammeln, Geld mitnehmen, hochwahrscheinlich wieder absteigen und den nächsten Anlauf machen, mit ordentlich mehr Startkapital. Gleiches gilt für Hannover etc.. Schlimm sind Deppen, die in ihren Artikeln Fragen stellen und sogleich beantworten wie: "Kann man es gewählten Vereinsfunktionären übel nehmen, dass sie sich nach dem 21. Spieltag dazu entscheiden, das Unglück doch noch irgendwie abwenden zu wollen, das sich über Monate ankündigt? Wohl nicht." Nicht nur im Sportressort, Spiegel online ist heute auf dem gleichen Niveau wie die Blödzeitung in den 80ern. Und die Leser wahrscheinlich auch.
Wupperflipper 12.02.2019
3. Mathematik
Und wenn jede Mannschaft die auf einem der unteren Plätze steht ihren Trainer entlässt..... Es steigen mindestens 2 Mannschaften ab. Auch wenn der Trainer alles richtig macht, es steigen 2 Mannschaften ab. Im Fußball sind aber nicht gerade die hellsten Köpfe unterwegs und deswegen wiederholt sich dieses Trainer raus- Spielchen jede Saison mindestens 7 Mal.
-nip- 12.02.2019
4. #1
Na ja, für knapp 55 Jahre 1. Liga hat es beim HSV ja gereicht... Unfassbar, was persönliche Abneigung ggü. einem Verein für unsachliches Zeig hervorbringt. Ein Tabellenplatz am Ende der Spielzeit bestimmt, wer 1. oder 2. Liga spielt. Nicht Ihre Meinung. Und was hat eigentlich Nürnberg mit dem HSV zu tun? Sagenhaft.....
ridr 12.02.2019
5. Irgendwie schade
Der 9-fache Meister mit zwei der weltgrößten Sportartikelherstellern in der direkten Nachbarschaft schafft es einfach nicht sich wirtschaftlich ordentlich aufzustellen. Das Leichtathletikstadion hilft dabei auch nicht wirklich (wenn es wenigstens dafür genützt würde-anderes Thema). Was man dem ehemaligen Sportvorstand vorwerfen muss: dass er nicht mal ein Leihgeschäft in der Winterpause geschafft hat. Z.B. mit Schalke, die in den letzten Jahren eine Handvoll ehemaliger Club- Leistungsträger zu angenehmen Preisen abgenommen hatten. Ansonsten ist so viel Realismus, Loyalität und langfristiges Denken in leitenden Positionen leider selten geworden.
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