Wiesinger-Aus in Nürnberg Und Sie, Herr Bader?

Schlechte Resultate? Trainer weg! Dieser fatale Automatismus hat nun auch Michael Wiesinger beim 1. FC Nürnberg den Job gekostet. Die Entlassung ist fragwürdig, die Folge auch: Manager Martin Bader wird wohl auch diese Krise wieder unbeschadet überstehen.

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Nun ist Michael Wiesinger also weg. Vieles wurde ihm vorgeworfen. Und viele der Vorwürfe widersprachen sich: Mal hieß es, er halte zu starr am 4-2-3-1-System fest, das schon Vorgänger Dieter Hecking favorisiert hatte. Nach dem HSV-Spiel wurde dann analysiert, Wiesinger sei mit dem 4-1-3-2 zu hohes Risiko gegangen.

Natürlich war die zweite Halbzeit beim 0:5 gegen den HSV ein Offenbarungseid. Erfahrene Spieler versteckten sich, die Hamburger Mannschaft hatte eine Torchance nach der anderen. Und natürlich hat der Club in dieser Saison selten technisch feinen Fußball gespielt. Doch: Wann war das je anders?

Spielerisch desaströs war in dieser Saison allenfalls noch der Auftritt in Braunschweig, durchaus ansehnlich dafür die Spiele gegen Dortmund oder die Hertha, bei denen sogar eine spielerische Weiterentwicklung festzustellen war. Bleibt also, will man die Arbeit von Wiesinger bewerten, nur der Blick auf die Ergebnisse. Vor der HSV-Klatsche holte man beim 3:3 in Bremen einen Punkt, zuvor spielte man 1:1 gegen Dortmund. So niederschmetternd ist das nicht. Auch wenn Wiesingers Gegner auf die Bilanz hinweisen: Der Club ist sieglos und Drittletzter mit fünf Punkten.

Wiesinger hat Hierarchien zu lange unangetastet gelassen

Aber genau das war zu erwarten! Der Kader gibt nicht mehr her als Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag. Sieht man einmal von Braunschweig ab, ist keine Mannschaft individuell schwächer besetzt. Beim Club wissen das einige. Nur scheut man sich bis heute, das auch nach außen so zu kommunizieren.

Es wäre die Aufgabe des Managers Martin Bader, den Fans zu sagen, dass es nur mit Geduld geht. Und mit einem Trainer, der junge Spieler wie Daniel Ginczek oder Marvin Plattenhardt weiterentwickelt. Dass Wiesinger das kann, bestreiten nicht einmal seine Gegner. Doch offenbar konnte er zuletzt den erfahrenen Spielern nicht mehr den Eindruck vermitteln, er sei der richtige Mann am richtigen Ort.

Natürlich hat Wiesinger Fehler gemacht - vor allem den, dass er die Hierarchien im Team zu lange unangetastet ließ. Seit Jahren haben dieselben Spieler das Sagen: Keeper Raphael Schäfer (dessen Rolle positiv zu bewerten ist), Javier Pinola, Hanno Balitsch. Manch Jüngerem im Team stieß es übel auf, dass die Routiniers das große Wort führten und auf dem Platz Fehler an Fehler reihten.

Manager Bader hat viele Fehler gemacht

Wiesinger hat das früh gemerkt, aber zu spät reagiert. Als er Balitsch auf die Bank setzte, wirkte das nicht glaubwürdig, weil der konkrete Anlass fehlte. Und auch Pinola, der sein letztes Laufduell vor einigen Jahren gewonnen hat, nahm er zu spät vom Platz. Aber es war nicht Wiesinger, der Pinolas Vertrag noch im Mai um zwei Jahre verlängerte.

Es ist bemerkenswert, wie es Manager Martin Bader immer wieder schafft, unbeschadet aus den Krisen des FCN herauszukommen. Als er im Februar 2008 Hans Meyer entließ, holte er "den Konzepttrainer" Thomas von Heesen. Dass das ein Fehler war, der letztlich den Abstieg brachte, hat Bader zwar eingeräumt. Doch was ändert das? Wäre der Mann in der Branche einigermaßen vernetzt gewesen, er wäre schon damals nie auf die Idee gekommen, ihn zu verpflichten.

Es folgte Michael Oenning. Als das nicht klappte, suchte er wieder einen erfahrenen Coach - und traf mit Dieter Hecking eine gute Wahl. Nach dessen Weggang installierte er Wiesinger, ließ aber zu, dass monatelang Gerüchte durch Nürnberg waberten, dass schon bald Huub Stevens übernehmen könne.

Wiesinger war längst installiert, hatte sieben, acht Spiele mit durchaus zufriedenstellenden Resultaten gecoacht, da ließ Bader immer noch wissen, dass der Neue unter Beobachtung stehe. Mit der für Wiesinger fatalen Konsequenz, dass er als Trainer-Lehrling, als zweite Wahl galt. Kein Wunder, dass dessen Vertrauensvorschuss schnell aufgebraucht war. Ebenfalls kein Wunder, dass ausgerechnet Bader ("Ich wundere mich, warum er so wenig Kredit hat") das dann öffentlich bejammerte.

Selbst wenn diese Trainerentlassung unumgänglich gewesen sein sollte - der nächste Trainer sollte es schon besser machen. Sonst dürfte es auch für Martin Bader ungemütlich werden.

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Seite 1
z_beeblebrox 08.10.2013
1.
---Zitat von SPON-Autor Christoph Ruf--- Es wäre die Aufgabe des Managers Martin Bader, den Fans zu sagen, dass es nur mit Geduld geht. ---Zitatende--- Christoph Ruf hat von den Club-Fans gar keine Ahnung. Es gibt kaum andere Fans, die so leidensfähig und das auch noch andauernd so sind. Oder wie sagte ein Club-Fan: Wir sind schon ein starke Masochisten. Anonsten ist der Beitrag wirklich gut; vor allem, dass dieser m.E. unfähige Martin Bader es immer wieder aufs Neue schafft, ist unglaublich. Huub Stevens? Thorsten Fink ist doch frei ;)
Thomas Bertl 08.10.2013
2. Bader ist der beste Mann beim Club!
Der Autor scheint höchsten die jüngere Geschichte des "ruhmreichen" FCN zu kennen. Wer sich die bewegte Geschichte des Vereins seit der Bundesliga ansieht, wird erkennen, dass die hohe Erwartungshaltung beim Club einzig die Folge der ausgezeichneten Arbeit ist, die Martin Bader seit seinem Amtsantritt vor nunmehr fast zehn Jahren leistet. Bader ist es gelungen, aus einem Chaos-Verein einen solide wirtschaftenden Klub frei von Skandalen zu machen, der zudem mit dem Pokalsieg von 2007 den ersten Titel seit fast 40 Jahren nach Nürnberg holte. Mit bescheidenen Mitteln hält Bader den Club in der Bundesliga, während Vereine wie Köln, Lautern und 1860 in der 2. Liga ihr Dasein fristen. Neben dem neuen Funktionsgebäude wird nun auch am Plan für ein wirtschaftlich überlebensnotwendiges neues Stadion gefeilt. Ja, die Entlassung von Hans Meyer stellt sich im Nachhinein als ein Fehler dar, aber hätte Hoeneß seinen Hut nehmen sollen, weil er einen Trainer wie Klinsmann installierte und Spieler wie Breno verpflichtete?
johannesmapro 08.10.2013
3. optional
Klar besteht das Risiko das man wieder alleiniger Rekordhalter im Absteigen wird, wobei in der Paarung Meister und Abstieg sowie Pokalsieger und Abstieg niemand jemals mithalten wird und was die Meister Titel angeht gibt es auch nicht viele, schwierig ist es und die Saison lief schwierig an, richtig ist gegen die scheinbar schweren Gegner wurde wie in der letzten Saison mitgehalten, gegen die leichten gab es die immer gleichen katastrophen. Es wird Turbulent und der Club Bleibt in der Bundesliga und der große Tag der Meisterschaft wird genauso kommen wie der des Pokals, wenn man auch wieder 40 Jahre warten muß.
harrycalahan 08.10.2013
4. .. der club ist halt der club
und bader ist sicher nicht perfekt . allerdings vermittelt er zumindest nach außen eine art konstanz- wichtig für eine vermeintliche fahrstuhlmannschaft. einen weiteren abstieg kann aber auch er sich nicht erlauben -> ich wünsche ihm und dem fcn also jetzt eine glückliche hand bei der neu-trainersuche. alles gute auch für m.wiesinger
RedEric 08.10.2013
5. ein guter Beitrag
Manchmal, sollte man sich für gewisse Entscheidungen Zeit lassen und das gesamte Bild sehen.
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